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Was macht eigentlich...: Gerd Roggensack?

Er schoss am 17. April 1971 das Tor zum erkauften 1 : 0-Sieg von Bielefeld über Schalke - und wurde einer der Hauptakteure des ersten großen Bundesligaskandals.

Das Interview mit Gerd Roggensack führte Frank Gerstenberg

Der neue Bundesligaskandal muss Ihnen irgendwie bekannt vorkommen.

Ich hätte nie gedacht, dass der Bundesligafußball noch einmal in eine Situation wie 1971 kommt. Und dass ein Schiedsrichter ein Spiel verpfeift, hätte ich im Traum nicht geglaubt.

Zu Ihrer Zeit waren Schiedsrichter an den abgekarteten Spielen nicht beteiligt?

Nie. Das ist doch auch der Grund, warum die deutschen Schiedsrichter weltweit so einen hervorragenden Ruf haben.

Der ist jetzt im Eimer.

Schlimm. Ich hoffe nur, dass Hoyzer der Hauptbetrüger ist und nicht zu viele Spieler und Schiedsrichter verwickelt sind.

Ziemlich optimistisch. Sie waren damals doch auch kein Einzeltäter.

Stimmt. Fast die Hälfte der Bundesliga steckte mit drin: der 1. FC Köln, der MSV Duisburg, Hertha BSC. Wissen Sie, warum? Die Vereine sahen sich verpflichtet, einander zu helfen. "Du hilfst mir, ich helfe dir", war die Devise. Das galt übrigens nicht nur in der Saison 70/71, sondern schon all die Jahre davor.

Der Schmu lief schon länger?

Ja doch, all die Jahre. Sieben Achtel der Saisonspiele liefen normal. Wenn es dann um den Abstieg ging, reisten Vorstände mit Geldkoffern durch die Gegend. Für Bielefeld war es ein Riesending, in der Ersten Liga zu spielen. Der Vorstand wollte auf keinen Fall rausfliegen, wir Spieler wollten das auch nicht. Einer von uns überredete dann im Auftrag des Vorstandes die Schalker, das Spiel "abzuschenken". Alle Schalker hatten das mitbekommen, nur Torwart Dieter Burdenski nicht. Der hielt bis zehn Minuten vor Schluss wie der Teufel. Dann machte ich das 1 : 0. Dadurch sind wir nicht abgestiegen.

Hatten Sie kein Unrechtsbewusstsein?

Klar, wir wussten, dass das nicht in Ordnung war. Auch unser Trainer Piechaczek wusste das. Aber man hat die Dinge mitgemacht und manipuliert, um in der Liga zu überleben. Ich war froh, als der Knall kam und Kindermann hart durchgriff.

Ihre Karriere bekam danach einen Knick.

Es war schrecklich: Mitte der folgenden Saison wurden wir zum Zwangsabstieg verurteilt. Ich und andere Bielefelder Spieler mussten gehen, obwohl wir keinen Pfennig für die Schiebereien gesehen haben. Wir haben bitter bezahlt. Aber nicht nur wir: In den folgenden zwei Jahren gingen die Zuschauerzahlen in der Bundesliga dramatisch zurück. Das kann jetzt auch passieren.

Sie spielten noch drei Jahre in Gütersloh, dann versuchten Sie sich als Einzelhandelskaufmann im Textileinzelhandel.

Als Spieler war meine Zeit vorbei, und die Textilbranche war schon damals hart umkämpft. 1984 kam ich als Trainer zurück zum Bundesligafußball. Das Pokalfinale 1995 mit Wolfsburg war mein schönstes Erlebnis, obwohl wir gegen Mönchengladbach verloren haben.

Wolfsburg war ihr letztes Bundesliga-Engagement. Danach trainierten sie drei Klassen tiefer.

Es war schön, dass ich eine Zeit lang so weit oben trainieren konnte. Aber die Bundesliga, vor allem die jetzige, war nicht länger meine Welt. Es wird nicht mehr hart genug trainiert, die Spieler denken an Werbeverträge und Interviews. Am liebsten hätte ich immer nur als Jugend-Trainer gearbeitet, wie ich es jetzt beim FC Stukenbrock als A-Jugend-Coach mache. Wenn ich einen Jungen für die Landesliga-Mannschaft hochbringe, die mein Sohn trainiert, dann freue ich mich. In diesen Klassen wird wenigstens noch ehrlicher Fußball gespielt.

Frank Gerstenberg / print
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