Was macht eigentlich... Javier Pérez de Cuéllar


Nach dem irakischen Einmarsch in Kuwait hatte der UN-Generalsekretär mit einem Besuch bei Saddam Hussein versucht, im Januar 1991 einen Krieg am Golf in letzter Minute zu vermeiden

Nach dem irakischen Einmarsch in Kuwait hatte der UN-Generalsekretär mit einem Besuch bei Saddam Hussein versucht, im Januar 1991 einen Krieg am Golf in letzter Minute zu vermeiden

Zur Person:

Der 83-Jährige ist verheiratet und hat zwei erwachsene Töchter. Obwohl Pérez de Cuéllar eigentlich lieber Konzertpianist geworden wäre, studierte er Jura und begann 1940 seine Karriere im peruanischen Außenministerium. Sechs Jahre später vertrat er Peru bei der ersten UN-Generalversammlung. Über zahlreiche diplomatische Stationen kehrte er 1971 als Ständiger Vertreter Perus zu den UN zurück, wurde Mitglied im Sicherheitsrat und im Juli 1974 dessen Präsident. Von 1982 bis Ende 1991 war er UN-Generalsekretär.

Wie beginnen Sie am liebsten den Tag?

Klassische Musik hören, sofort nach dem Aufwachen. Dann geht es auf den Hometrainer, nebenher habe ich heute früh im Kabelfernsehen ein Ballett mit Nurejew angeschaut. Den ganzen Morgen könnte ich Bach, Mozart oder Schubert hören, aber ich muss auch noch arbeiten.

Seit gut einem Jahr sind Sie Perus Botschafter in Paris, wo Ihre diplomatische Karriere im Januar 1945 begann.

Präsident Alejandro Toledo hat mir den Posten angetragen, trotz meines hohen Alters. Hätte er mich in eine andere Stadt schicken wollen, wäre mir das wohl nicht so recht gewesen. Aber Paris, diese wunderbare Stadt, kann man doch nicht ablehnen. Zudem fühle ich mich Europa sehr nahe, meine Mutter kam aus Spanien.

Vor zwölf Jahren versuchten Sie als UN-Generalsekretär, in letzter Minute den Golfkrieg zu verhindern - durch Ihren Besuch bei Saddam Hussein.

Ich kann mich noch gut an den Tag erinnern, als ich nach Bagdad flog.

Stimmt es, dass Saddam Sie nach der Ankunft erst einmal warten ließ?

Ja, mehrere Stunden. Er wollte wohl demonstrieren, wie wichtig er ist. Aber ich musste nicht in einem schäbigen Vorzimmer ausharren, sondern in einer palastartigen Residenz. Alles gab es da: Kaviar, Gänseleber, Champagner.

Das Gespräch dauerte dann kaum mehr als eine Stunde. Was haben Sie ihm gesagt?

Dass wir Blauhelme stationieren und eine Nahostkonferenz vorbereiten können, wenn er den Beschluss des UN-Sicherheitsrats umsetzt und seine Truppen aus Kuwait abzieht. Saddam reagierte geradezu übertrieben höflich auf meine Vorschläge, hatte sich indes offenbar bereits vorher gegen einen Abzug entschieden.

War er in Uniform?

Ja, natürlich. Deshalb sagte ich einmal zu ihm: "Herr Präsident, als Mann des Militärs müssen Sie bedenken, was ein Krieg für Ihr Land bedeutet." Da gab er zurück: "Mit der Armee habe ich nichts zu schaffen, ich bin Rechtsanwalt."

Saddam, ein Jurist?

Nein, davon kann natürlich keine Rede sein, er hat höchstens ein Jahr an der Universität in Kairo verbracht. Jedenfalls habe ich ihm nahe gelegt, er möge - wo er doch ein so guter Anwalt sei - seinen Anspruch auf Kuwait beim Internationalen Gerichtshof vorbringen; doch darauf ging er nicht weiter ein. Am Ende verabschiedete er mich mit salbungsvollen Floskeln.

Denken Sie heute, dass Ihre Mission damals sinnlos war?

Nein, ein UN-Generalsekretär darf die Hoffnung nie aufgeben und muss alle Möglichkeiten ausschöpfen, um friedliche Lösungen herbeizuführen.

Dem letzten Golfkrieg folgte in Nahost nicht gerade eine Zeit der Versöhnung. Wie sehen Sie die aktuelle Situation?

Die Lage ist schlechter denn je, vor allem weil Saddam Hussein erneut vollkommen unglaubwürdig operiert und ein neuer Golfkrieg mit mehr Ungewissheiten verbunden ist als der im Jahr 1991. Damals gab es ein klares Ziel, das vor allem durch Luftschläge militärisch relativ schnell erreicht wurde: die Befreiung Kuwaits. Wenn es nun um Saddams Absetzung geht, wird dies kaum ohne einen längeren Landkrieg möglich sein, der mit hoher Wahrscheinlichkeit in der islamischen Welt viel Unruhe auslöst.

Sie standen als UN-Generalsekretär in den Jahren 1981 bis 1991 des Öfteren im Clinch mit den beiden Supermächten USA und UdSSR.

Heute noch denke ich, dass es keine nationale, sondern lediglich eine übergeordnete Supermacht geben sollte: die UN. Aber das ist ein Traum.

Interview: Tilman Müller


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