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Was macht eigentlich...: Marc Girardelli

Mit fünf Gesamtsiegen im Weltcup zwischen 1985 und 1993 ist der Österreicher, der für Luxemburg startete, einer der erfolgreichsten Skirennläufer aller Zeiten

Zur Person

Mit fünf Gesamtsiegen im Weltcup zwischen 1985 und 1993 ist der Österreicher, der für Luxemburg startete, einer der erfolgreichsten Skirennläufer aller Zeiten.
Die mit 640 Meter Länge größte Skihalle der Welt steht in Bottrop, wo der 40-Jährige mit seiner Freundin Andrea lebt. Aus einer früheren Beziehung hat er zwei Kinder. Im Winter 1979/80 bestritt Girardelli mit 16 Jahren sein erstes Weltcuprennen, ein Jahr später fuhr er beim Slalom in Wengen bereits auf den zweiten Platz. In der Folgezeit avancierte er zu einem der dominierenden alpinen Skiläufer. Insgesamt gewann er 46 Weltcuprennen und holte sich damit neben fünf Gesamtweltcups noch vier WM-Titel - im Slalom (1991) und in der Kombination (1987, 1989, 1996). 1997 beendete Marc Girardelli wegen einer schweren Knieverletzung seine Karriere.

Sie sind gebürtiger Österreicher mit luxemburgischem Pass und leben in Bottrop. Klingt, als sei in ihrem Leben einiges schief gelaufen.

Nein, das macht schon alles Sinn. Wegen Querelen mit dem österreichischen Skiverband bin ich von Beginn an für Luxemburg gestartet, weshalb ich später auch die Staatsbürgerschaft bekommen habe. Und in Bottrop betreibe ich das Alpincenter, die größte Skihalle der Welt.

Wie hält das ein Kind der Berge aus?

Mit einem ehrgeizigen Ziel vor Augen sehr gut. Ich möchte das Alpincenter allen Zweiflern zum Trotz zu einem erfolgreichen Unternehmen machen. Den Sommer zu beleben ist immer noch schwierig, aber mit Firmenveranstaltungen sollte das möglich sein. Dafür nutze ich meine vielen internationalen Kontakte, die ich als Skirennläufer geknüpft habe.

Und richtige Skiberge kriegen Sie nur noch im Fernsehen zu sehen.

Keine Sorge, ich komme schon nicht zu kurz. Die Kundenakquise führt mich oft in Richtung Alpen. Zum Beispiel mache ich für die Gäste des Club Aldiana am Hochkönig den Skiguide. Oder gehe für zwei Wochen mit einem brasilianischen Bauunternehmer nach St. Anton zum Skifahren. Der heuert mich schon seit Jahren als Trainer an. Und gerade bin ich aus Argentinien von einer Aconcagua-Expedition zurückgekommen.

Das Team Luxemburg waren Sie und Ihr Vater Helmut, der im Skizirkus als Querulant galt und Sie von den Kollegen weitgehend isoliert hat. Haben Sie darunter gelitten?

Ja sehr, zumal ich lange Leichtathletik gemacht habe und das Miteinander mit den Sportkameraden immer toll fand. Besonders schlimm war die Vorbereitungszeit im Herbst. Das Training auf dem Gletscher allein mit meinem Vater war sehr eintönig. Der Ansporn durch Teamkollegen fehlte, und so dauerte es immer fünf, sechs Rennen, bis ich in die Gänge kam und die nötige Aggressivität aufbauen konnte, die man für Spitzenleistungen braucht.

Es hieß, Ihr Vater hielt Sie wie einen Sklaven und zwang Sie zum Trainieren.

Er hat immer gesagt, was ihm nicht passte, da wird man schnell als Quertreiber abgekanzelt. Und beim Training musste er mich eher bremsen als antreiben.

Mit 19 verletzten Sie sich so schwer, dass Sie seither als Teilinvalide gelten...

Bei einem Sturz in Lake Louise hat sich mein Knie um 360 Grad gedreht. Dr. Steadman, der mich damals in Vail operiert hat, führt mich heute noch als ungewöhnlichsten Fall einer Schwerstverletzung mit Happy End an. In der Reha riet man mir, einen Beruf zu suchen, bei dem ich keinesfalls Treppen steigen müsse. Allerdings habe ich dem Reha-Arzt verschwiegen, dass ich die drei Stockwerke in seine Praxis ohne Probleme hochgelaufen bin. Da wusste ich, dass ich es schaffen würde.

In der Saison 96/97 mussten Sie Ihre Karriere nach einem schweren Sturz beenden. Welche Zukunftspläne hatten Sie?

Ich hatte das Abitur während meiner aktiven Zeit als Fernschüler gemacht. Mir dämmerte bald, dass ich irgendwas Unternehmerisches machen wollte, und habe einiges ausprobiert. Dann kam 1999 die Ruhrkohle AG mit dieser Skihallen-Idee auf mich zu - genau die Herausforderung, die ich gesucht hatte.

Im Sommer war zu lesen, dass Ihre Skihalle von der Konkurrenz übernommen wird.

Das war ein Gerücht. Es gab zwar kurzfristig einige Probleme, aber die bekamen wir ziemlich schnell in den Griff. Sonst hätten auch nicht Weltklasseläufer wie Benjamin Raich oder Bode Miller hier im Herbst trainiert.

Das Interview mit Marc Girardelli führte Brigitte Baumann

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