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Was macht eigentlich...: Ulli Lommel

Der Deutsche zählte in den Siebzigern zum festen Darsteller-Ensemble des Filmemachers Rainer Werner Fassbinder, der ihm auch den Weg für eine Regiekarriere ebnete.

Der Deutsche zählte in den Siebzigern zum festen Darsteller-Ensemble des Filmemachers Rainer Werner Fassbinder, der ihm auch den Weg für eine Regiekarriere ebnete.

Zur Person:

Der 58-Jährige Ulli Lommel wohnt mit seiner Lebensgefährtin Pia in Los Angeles. Nachdem er bereits als Teenager vor der Kamera gestanden hatte, lernte der Sohn des deutschen Schauspielers Ludwig Manfred Lommel 1969 Rainer Werner Fassbinder kennen. Der Regisseur engagierte ihn als Hauptdarsteller für sein Debüt "Liebe ist kält er als der Tod". Die beiden drehten insgesamt 16 Filme zusammen, darunter "Welt am Draht" (1973) und "Effi Briest" (1974). 1977 ging Lommel in die USA, wo er als Regisseur von komplexen Dramen und Dokumentarfilmen, aber auch von billigen Action-Thrillern Karriere machte.

Der 1982 verstorbene Regisseur Rainer Werner Fassbinder war Ihr großer Mentor. Wie haben Sie ihn erlebt?

Rainer war ein Arbeitstier, gesegnet mit außerordentlicher Kreativität. Er war ein sehr extremer Mensch und besessener Filmemacher, der in seiner eigenen Welt lebte. Eine Welt, die für viele verschlossen blieb.

Für Sie auch?

Teilweise. Aber mich faszinierte die Art, wie er kontroverse Geschichten filmisch erzählen wollte. Und mir lagen seine unkonventionellen Arbeitsmethoden. Drehbücher gab es meist keine, Improvisation war oberstes Gebot. Auch kleine Budgets hinderten ihn nicht daran, einen guten Film zu drehen. Das dient mir bis heute als Vorbild für meine Arbeit.

In den frühen Siebzigern versuchten Sie sich dann selbst als Regisseur.

Dank Rainers Hilfe. Er produzierte "Zärtlichkeit der Wölfe" und "Adolf und Marlene", in denen er auch kleine Nebenrollen übernahm. 1977 ging ich zur Inspiration für weitere Filmprojekte nach New York. Dort traf ich Andy Warhol, der schnell mein Mentor in den USA wurde.

Inwiefern?

Er produzierte zwei meiner Filme und führte mich ins wilde Nachtleben New Yorks ein. Wir waren fast jede Nacht im legendären Studio 54, wo ich auf Bianca Jagger und Jackie Kennedy traf. Mit Bianca hatte ich sogar eine Affäre, mit Jackie verband mich mehr die Leidenschaft für geistreiche Gespräche. Nach dem Erfolg meines Filmes "The Boogeyman" 1980 blieb ich schließlich in Amerika hängen.

Fassbinder und Warhol waren berüchtigt für ihren ausschweifenden Lebensstil. Wie sah es mit Ihnen aus?

Ich habe weder extrem gesoffen, noch bin ich je dem Drogenrausch verfallen. Ich war und bin bis heute mehr der stille Beobachter. Dieser Tatsache habe ich es wohl zu verdanken, dass ich noch lebe.

Und das seit über 20 Jahren in Hollywood. Erstaunlich für einen deutschen Regisseur mit Abneigung gegen den Mainstream.

Ich mache einfach mein Ding und komme gut klar damit. Ich habe vor allem Thriller gedreht und mache inzwischen auch Dokumentarfilme. Im November beginne ich mit dem Roadmovie "Mucho America".

Nützt Ihnen der Fassbinder-Bonus noch?

Ich werde oft zu Filmfesten eingeladen, die sich mit Fassbinder befassen, und referiere über seine Werke. Im September habe ich sogar an der Harvard Universität einen Vortrag gehalten. Meine eigene Arbeit wird aber auch gewürdigt. Bei den gerade eröffneten Hofer Filmtagen laufen zwölf meiner Filme, darauf bin ich sehr stolz.

Haben Sie neben der Filmarbeit noch andere Interessen?

Ich beschäftige mich seit Jahren mit der Kultur der Indianer in New Mexico, reise regelmäßig dorthin. Das ist meine spirituelle Seite. Ich bin auch oft in den Schwarzen-Ghettos von Los Angeles und New York, um mehr über die knallharte Alltagswelt der Teenager dort zu erfahren.

Fassbinder hat nie einen Film in Hollywood gedreht. Hätte er dort Erfolg gehabt?

Ich glaube nicht, dass er sich mit der teilweise verlogenen Welt in Hollywood hätte arrangieren können. Er wollte sozialkritische Filme im Stil von "American Beauty" drehen, doch dafür war damals die Zeit in den USA noch nicht reif. Heute bekommt so ein Film einen Oscar. Ich weiß allerdings, dass er Hollywood-Pläne hatte.

Welche denn?

Er wollte mit Jane Fonda "Rosa Luxemburg" drehen, und mit Richard Gere hatte er bereits konkret über das Projekt "Bent" gesprochen. Doch dazu kam es leider nie, weil sich Fassbinder mit seinem exzessiven Lebensstil selbst ruiniert hat.

Interview: Andreas Renner