was-macht-eigentlich Bardo Henning


Der Berliner Jazzmusiker komponierte im vergangenen Jahr den umstrittenen Hymnen-Mix zum Tag der Deutschen Einheit in Hannover - und sorgte damit für einen handfesten politischen Eklat

Der Berliner Jazzmusiker komponierte im vergangenen Jahr den umstrittenen Hymnen-Mix zum Tag der Deutschen Einheit in Hannover - und sorgte damit für einen handfesten politischen Eklat STERN: Selten hat ein Musikstück für soviel Aufregung gesorgt. Hat sie Ihnen genützt oder geschadet?

HENNING: Eher genützt. Es gibt nur wenige zeitgenössische Komponisten, über die so ausführlich berichtet wird.

STERN: War der politische Krach einkalkuliert?

HENNING: Ich hatte mich schon gewundert, daß der Auftraggeber, das niedersächsische Innenministerium, mein Expose widerspruchslos akzeptiert hat. Da stand drin, daß ich Versatzstücke aus den beiden deutschen Hymnen und ein paar Takte aus Peter Kreuders Schlager 'Good bye, Johnny' zitiere.

STERN: Hatten Sie Bammel vor der Uraufführung?

HENNING: Nein. Aber ich kam erst nicht in den Saal, weil ich die falsche Security-Karte hatte. Als ich schließlich drin war, fehlte immer noch ein Musiker, der in einer Polizeikontrolle steckengeblieben war. Dann gab es Szenenapplaus, und ich wußte, daß alles gut wird. Aufgeregt war ich schon - als Dirigent vor diesem Publikum, mit Opernchor, klassischem Streichorchester und einer Big Band.

STERN: Wurden Sie hinterher beglückwünscht?

HENNING: Es gab vor den Fernsehkameras den demonstrativen Handschlag mit Gerhard Schröder.

STERN: Ende des Jahres hat ein niedersächsischer Rechtsanwalt Strafanzeige gegen Sie erstattet - wegen Verunglimpfung des Staates und seiner Symbole. Beunruhigt Sie das?

HENNING: Dieser Anwalt behält sich vor, seine Anzeige auch gegen Gerhard Schröder wegen des Verdachts der Mittäterschaft auszudehnen. Es amüsiert mich, wenn ich mir vorstelle, zusammen mit dem Bundeskanzler im Knast zu sitzen. Da ich bislang aber noch nicht über die Aufnahme eines Ermittlungsverfahrens informiert worden bin, gehe ich davon aus, daß daraus nichts wird.

STERN: Wie hoch war Ihr Honorar?

HENNING: 10 000 Mark. Aber da halten schon zwei Musikverlage die Hand auf, die beteiligt werden wollen.

STERN: Wie das?

HENNING: Ich wußte zwar, daß der Verlag von Peter Kreuder gegen den Verlag von Hanns Eisler klagt, der für die DDR-Nationalhymne angeblich Motive von 'Good bye, Johnny' verwendet haben soll. Ich war aber doch überrascht, daß die jetzt partizipieren wollen, weil ich beide Stücke zitiert habe.

STERN: Sie haben schon früh die Lust an der Provokation entdeckt. Im Alter von zwölf Jahren komponierten Sie ein Orgelstück über den Krieg . . .

HENNING: . . . weil die Männer im Wirtshaus meiner Eltern immerfort über ihre Soldatenzeit schwadronierten. Das war meine erste Komposition, die mehrmals aufgeführt wurde. Ich habe auf der Orgel regelrechte Donnergewitter inszeniert. Da tauchten mittendrin auch schon fetzenweise die Hymnen der kriegsführenden Parteien auf.

STERN: Sie haben mit wechselnden Musikformationen diverse CDs aufgenommen, die Sie teilweise über Ihren eigenen Verlag vertreiben. Können Sie davon leben?

HENNING: Ich trete derzeit oft als Pianist und Akkordeonist auf, spiele mit meinem Trio auf Galas und Empfängen. Dann arbeite ich an mehreren Kompositionen - an einem Oratorium etwa und an einem Musical über eine Landwirtschaftliche Produktionsgenossenschaft.

STERN: Von Hymnen lassen Sie vorerst die Finger?

HENNING: Nein. Für die Kurdirektion Berchtesgaden komponiere ich eine Watzmann-Hymne, die zum 200. Jahrestag der Watzmann-Erstbesteigung uraufgeführt werden soll. Das ist eine echte Herausforderung, weil die politischen Proteste gegen meinen Hymnen-Mix vor allem aus Bayern gekommen sind.

Mit Bardo Henning sprach STERN-Reporter Werner Mathes.


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