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was-macht-eigentlich: Ewald Hüls

Der Unfallchirurg organisierte als Leitender Notarzt die medizinische Versorgung der Opfer von Eschede. Am 3. Juni 1998 war der ICE »Conrad Wilhelm Röntgen« entgleist, 101 Menschen starben, über 100 wurden verletzt

Der Unfallchirurg organisierte als Leitender Notarzt die medizinische Versorgung der Opfer von Eschede. Am 3. Juni 1998 war der ICE »Conrad Wilhelm Röntgen« entgleist, 101 Menschen starben, über 100 wurden verletztZur Person :

Ewald Hüls, 43, Unfallchirurg am AK Celle, lebt mit seiner Frau und den Söhnen Michael, 4, und Christian, 5, in Celle.

stern: Fahren Sie noch mit der Bahn?

Hüls: Sogar mit dem ICE. Auch wenn ich immer noch nicht weiß, wie man bei den alten Modellen als Retter schnell durch die unglaublich fest verankerten Fenster reinkommen kann.

stern: Denken Sie oft an Eschede?

Hüls: Zwangsläufig - ich habe ein Buch darüber mitherausgegeben und in den vergangenen zwei Jahren mindestens 35 Vorträge vor Fachleuten in ganz Europa gehalten.

stern: Sie konnten nach dem Unglück also nicht irgendwann zum Alltag zurückkehren?

Hüls: Eschede hat mein Leben verändert. Ich empfinde die Verpflichtung, meine Erfahrungen weiterzugeben. So ein Ereignis erlebt man zufällig, meist auch nur einmal. Darüber sollten nicht nur Leute sprechen, die sich lediglich eingelesen haben.

stern: Was wollen Sie in Ihren Vorträgen vermitteln?

Hüls: Das Bewusstsein, wie wichtig es ist, auf derartige Katastrophen vorbereitet zu sein. Mich hat überrascht, dass die Probleme, die wir in Eschede hatten, nicht neu waren. Zum Beispiel Schwierigkeiten mit der Kommunikation am Unglücksort - das war alles schon mal da gewesen, und das wird auch wieder geschehen. Nach einem großen Unglück gibt es immer dieselben Fragen: Wie konnte das passieren? Wer ist schuld? Hätte man das verhindern können? Und wenn diese Fragen beantwortet sind, ist das Thema abgehakt.

stern: Was sollte man denn sonst tun?

Hüls: Die Erfahrungen bei der Organisation der Rettungseinsätze müssen wissenschaftlich aufgearbeitet werden. In Japan gibt es einen Beamten, der zu Katastrophenfällen auf der ganzen Welt reist und Informationen sammelt, sie auswertet.

stern: Sind aus dem Unglück von Eschede keine Lehren gezogen worden?

Hüls: Das will ich gar nicht sagen. Aber es könnte viel mehr getan werden. Ein Beispiel: Als der ICE entgleiste, war ich in Celle der einzige Leitende Notarzt. Das ist eine Art Bereitschaftsdienst, der bei großen Unglücken die medizinische Versorgung organisiert. Das kann ein Einzelner natürlich nicht das ganze Jahr über leisten. Heute bin ich noch immer der einzige Leitende Notarzt im Landkreis Celle.

stern: Die Versorgung der Unglücksopfer in Eschede hat doch aber gut funktioniert.

Hüls: Die Zusammenarbeit von Rotem Kreuz, Polizei, Bundeswehr und den anderen Organisationen war sehr gut. Da waren die richtigen Leute am richtigen Ort. Aber wir hatten auch einfach Glück - das Wetter war gut, es war ein Wochentag, und in der Nähe gibt es eine Kaserne.

stern: Wie verarbeitet man das Erlebte?

Hüls: Eine Möglichkeit ist sicher, sich intensiv damit zu beschäftigen. Je öfter man darüber spricht, desto schwerer kann man trennen, welche Empfindungen zum Erlebten selbst gehören und welche später durch die vielen Gespräche dazugekommen sind.

stern: Sie können nicht mehr sagen, wie sehr Sie die Arbeit am Unglücksort belastet hat?

Hüls: Das wird immer schwerer. Da gibt es Fälle aus meinem Alltag als Notarzt, die mir noch viel näher gehen. Ich habe zwei kleine Kinder, und wenn ich zu Verkehrsunfällen gerufen werde, bei denen Kinder zu Tode kommen - das geht mir dann schon ganz anders nach.

stern: Ganz abgehakt haben Sie Eschede aber noch nicht.

Hüls: Nein. Ich habe seither viele Menschen kennen gelernt, die bei großen Unglücken geholfen haben und sich nun ganz diesem Thema widmen.

stern: Würden Sie das auch gerne tun?

Hüls: Es reizt mich sehr. Aber die eigene Erfahrung wird immer älter. Mir hat einmal ein Psychologe gesagt: Wenn man so etwas ein paar Jahre macht, dann tauscht man irgendwann nur noch Jagderlebnisse aus.

stern: Das klingt ja fast wie bei Kriegsveteranen.

Hüls: Ein bisschen ist es wohl auch so. Aber wir beschäftigen uns ja damit, wie man Menschen in Not retten kann. Und wenn Sie den Einsatz und die spontane Solidarität der Helfer in Eschede erlebt haben - das ist es schon wert, seine ganze Freizeit diesem Thema zu widmen.

Interview: Andreas Hutzler

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