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Russen-Gangsta-Rap trifft Pop: Hip-Hopper Capital Bra hat in Deutschland mehr Charterfolge als die Beatles - wie kann das sein?

Geboren in Sibirien, unfassbar erfolgreich bei uns: Wer ist dieser Capital Bra, der mehr Hits hat als die Beatles?


Capital Bra hat in Deutschland Riesenerfolg. Wie kann das sein?

"Nur noch Gucci, Bratan, ich trag nur noch Gucci", rappt Vladislav Balovatsky, 24, genannt Capital Bra

Vor der Konzerthalle liegen leere Prosecco-Dosen und "Durstlöscher“-Tetrapaks. Von irgendwoher riecht es nach Marihuana. Viele Jugendliche, vor allem Mädchen und junge Frauen, Mittel- und Oberstufe, sind an diesem Samstagabend im Juli zur Halle 7 auf dem Messegelände in Bremen gekommen. Und viele Mütter und Väter, die gern im Raucherbereich neben der Halle stehen, mit Bier in der Hand. Die Mädchen sind oft stark geschminkt, die Jungs haben Pickel, Undercuts und Hoodies, die Kapuze auch mal überm Kopf, wie der Typ, dessentwegen sie alle hier sind: Capital Bra.

"Er ist Deutschlands erfolgreichster Rapper“, dröhnt eine Stimme durch die Halle. "Zwölf Nummer Eins Hits“, wird auf der Leinwand über der Bühne eingeblendet, irgendwo zwischen Kinotrailer und Powerpoint-Präsentation, und die Stimme dröhnt weiter: "Freut euch auf einen unvergesslichen Abend.“

"Ersguterjunge“

Ein deutschsprachiger Rapper, dessen Namen viele noch nicht mal gehört haben, in Deutschland größer als die Beatles, die hier elf "Nummer Eins Hits“ hatten? Einer, dem über drei Millionen auf Instagram folgen? Einer, der Bushido, einem der erfolgreichsten Hip-Hopper in Deutschland, den Rücken kehrte, obwohl der ihn unter Vertrag genommen hatte?

Capital wer?

Capital Bra heißt eigentlich Vladislav Balovatsky und ist 24 Jahre alt. Er kam in Sibirien zur Welt und ging in der Ukraine zur Grundschule. Balovatsky war sieben Jahre alt, als er mit seiner Mutter, der Vater soll sie verlassen haben, nach Deutschland kam: nach Berlin- Hohenschönhausen, viel Beton im Nordosten. Er schrieb mit elf seine ersten Texte und begann zu rappen. Später schmiss er die Schule.

Angeblich hatte er in Hohenschönhausen immer wieder Pro­bleme mit der Polizei, er soll dort geklaut haben, einmal soll ihn sogar ein Sondereinsatzkommando besucht haben, so erzählt es Capital Bra in seinen Tracks und in Interviews. Was Dichtung ist und was Wahrheit, wo beides sich vielleicht mischt, lässt sich schwer sagen. Als seine Frau schwanger wurde, habe er jedenfalls entschieden, die krummen Dinger sein zu lassen. Seine zwei Söhne hätten ihn dazu gebracht, sich auf eine Karriere im Hip-Hop zu fokussieren.

"Meine Bitch sieht aus wie Sylvie van der Vaart, van der Vaart/Chill mit ihr im Hotel und sie ballert grad, ballert grad Kokain“ (aus dem Stück "Van der Vaart", 2019)

"Meine Bitch sieht aus wie Sylvie van der Vaart, van der Vaart/Chill mit ihr im Hotel und sie ballert grad, ballert grad Kokain“ (aus dem Stück "Van der Vaart", 2019)

2014 erschienen erste Songs unter dem Namen Capital Bra. Seitdem hat er sechs Alben und vier EPs veröffentlicht. Seine Texte schreibe er nicht auf, sagte er mal, die habe er im Kopf. Manager und Plattenfirmen hat er oft gewechselt, er stand bei Bushidos Plattenfirma "Ersguterjunge“ unter Vertrag, stieg dort aber aus, weil Bushido an­geblich mit der Polizei zusammenarbeite. Mehr Gangsta-Rapper sein zu wollen als Bushido – eine verwegene Geste.

Von Bushido war dazu wenig zu hören. Seine Frau hingegen, Anna-Maria Ferchichi, postete eine Story auf Instagram, in der sie infrage stellte, ob Balovatsky und ihr Mann, wie Capital Bra es suggeriert hatte, jemals "Freunde oder Brüder“ gewesen seien. "Ach so, kannst du dich dran erinnern, wann du das letzte mal zuhause gewesen bist, bei deinen Kindern oder Frau??“, schrieb sie. "Ach nee, stimmt ja, du bevorzugst vollgekokst mit Nutten im Hotel zu liegen.“

Capital Bra und Dieter Bohlen im Instagrambattle

"Rap am Mittwoch“

2014, noch vor seinen frühen Songs, erlangte Capital Bra erste Bekanntheit durch Auftritte bei "Rap am Mittwoch“, einer Berliner ­Battle-Rap-Veranstaltung, bei der er zum besten Newcomer gewählt wurde und die damals der Rapper Ben Salomo moderierte.

Ein Sommernachmittag in Schöneberg, Hohenschönhausen liegt auf der anderen Seite Berlins. Jonathan Kalmanovich, 42, der sich als Rapper Ben Salomo nennt, sitzt vor dem Café "Mutter“. Er erinnert sich an den jungen Rapper: "Er kam mit einer Basecap auf dem Kopf, sehr tief runtergezogen, man konnte seine Augen fast nicht sehen. Er wirkte so schüchtern. Aber sobald der Beat losging und er seinen Text rappte, explodierte das in so eine unzähmbare Energie.“ Capital Bra sei bei "Rap am Mittwoch“ aus dem Durchschnitt herausgestochen, sagt Kalmanovich. Er habe etwas gehabt, das ihn von den anderen unterschied.

Da sei zum einen seine Aussprache, offenbar geprägt von Balovat­skys Herkunft: "Er wirkt selbstbewusst, authentisch, auch aggressiv durch diesen Akzent.“

Capital Bras Debütalbum "Kuku Bra“ erschien 2016, seine Raps darauf passen zu der Energie, die Kalmanovich einst entdeckte, sie wirken rau, wütend, getrieben, er rollt das "r“.

"Bündel in der Tasche wie ein Saudi/An der Hand vier Ringe wie bei Audi" (aus dem Stück "Rolex") – Capital Bra vor einem Auftritt in Mannheim, April 2019

"Bündel in der Tasche wie ein Saudi/An der Hand vier Ringe wie bei Audi" (aus dem Stück "Rolex") – Capital Bra vor einem Auftritt in Mannheim, April 2019

"Brrra, Brrra, Brrra macht die Uzi“, und gleich zu Beginn fällt der Ausdruck "Rap-Anarchie“. Teile seiner späteren Nummer-eins-Hits wie "One Night Stand“ und "Prinzessa“ singt Capital Bra auf Russisch. Ein Wort, das wiederholt bei ihm auftaucht, ist "Bratan“, russischer Slang für Bruder, auch gern in der Kurzform: Bra eben.

Und da seien Wörter, "die eher in der Migrantengesellschaft zu finden sind“, sagt Kalmanovich. Capital Bra rappt nicht nur von "Geld machen“, sondern auch von "Para“, Türkisch für Geld, oder "Massari“, arabischer Slang für Geld.

In "Berlin lebt“, einem weiteren Nummer-eins-Hit, heißt es: "Abiad, ich packe fette Tüten, Bra.“ – "Abiad“ bedeutet "weiß“, eine arabische Metapher für Kokain. "Er holt alle Welten ab“, sagt Kalmanovich. "Die Migranten, die Deutschstämmigen und die Russlanddeutschen.“ Er fügt hinzu: "Und die Mädels!“

"Cherry, Cherry Lady“

Auf der Bühne in Bremen tigert Capital Bra hin und her, hinter ihm eine Kulisse, die dem Berliner Reichstag nachempfunden scheint und über der CAPITAL BRA steht. Er singt "Cherry, Cherry Lady“, und ein paar Mütter aus dem Raucher­bereich freuen sich, dass sie etwas wiedererkennen. Von "Cherry Lady“ hat Capital Bra eine Abwandlung gemacht, nachdem er Streit mit Dieter Bohlen bekam, sich dann aber wieder vertragen hat.

"Cherry Lady“, einer der Nummer-eins-Hits, hat aktuell mehr als 58 Millionen Aufrufe auf Spotify; achtstellige Aufrufzahlen für Capital Bras Singles dort sind keine Seltenheit. Darüber, ob die Streams einiger Rapper in Deutschland gekauft sein könnten, wurde kürzlich auf der Website Reddit und in gewissen Hip-Hop-Blogs spekuliert. Ein "Klickkäufer“ meldete sich hier und da zu Wort und sagte, er habe unter anderem die Aufrufe bei Capital Bra geschönt. Dass es möglich ist, sich in Spotify-Accounts einzuhacken und so die Zahlen nach oben zu treiben, zeigte vor Kurzem ein Beitrag der Reihe "Y-Kollektiv“ beim ARD-/ZDF-Jugendsender "Funk“. Ob das bei Capital Bra der Fall ist oder nicht, bleibt allerdings Spekulation.

Bei "Cherry Lady“ wie bei anderen Hits, "Melodien“ oder "Benzema“ etwa, singen die Jugendlichen in Bremen mit, text­sicher, und Capital Bra fragt rhetorisch: "Habt ihr Bock?“

Auf der großen Leinwand über ihm werden dazu immer wieder Videoschnipsel eingeblendet, auf denen er in Nachtclubs oder vor Sportwagen post, raucht, wippt, Zoom auf eine ausladende Armbanduhr. Auf der Leinwand scheint er manchmal mehr zu posen als auf der Bühne, hier schleicht er erst, hüpft mal, später sieht es aus, als joggte er, der eine Sporthose trägt, in kleinen Schritten. Er wirkt auch mal wie ein Boxer, der sich auf einen unsichtbaren Gegner zubewegt, aber wann schlägt er zu?

Seine Oberteile zieht er nach und nach aus, den Hoodie, die Shirts, Oberkörper frei zum Schluss, und ein ohrenbetäubendes Kreischen zieht durch die Halle. Eines, das an Auftritte von Teenie-Bands erinnert. "Habt ihr noch Bock?“, fragt Capital Bra, und die Antwort ist klar.

Sein letztes Album, das im April erschienen ist, heißt "CB6“ – eine Anspielung auf CR7, Cristiano Ronaldo, eine von mehreren Fußballerreferenzen in Capital Bras Werk ("Benzema“, "Neymar“).

Capital Bra – cinderellamäßige Story

"CB6“ klingt auch ähnlich, wie manch neureicher Fußballmillionär sich kleidet: war bestimmt ziemlich teuer, wirkt aber billig.

Es geht um die Rolex, um Gucci, um den Benz, logisch, ums Kapital. Und es geht um den Rausch, um Wodka und eben um das Opioid Tilidin: "Wir ticken.“ 

Video-Statement: "Die Polizei ist jetzt dein Team" – Rapper Capital Bra wirft Bushido Verrat vor

Es geht um grundlegende Codes des Straßen-Rap: den Traum vom Luxusleben und den harten Weg dorthin. "Gestern war’n die Platten grau“, heißt es in "Benzema“, "heute sind sie Gold.“

"Bei Capital Bra ist das diese klassische Hip-Hop-Geschichte, fast cinderellamäßig“, sagt Niko Hüls, der Chef des deutschen Hip-Hop-Magazins "Backspin“. Hüls denkt bei Capital Bra aber nicht nur an Cinderella, sondern auch an den Aufstieg von amerikanischen Gangsta-Rap-Gruppen wie N.W.A. Ende der Achtziger. Capital Bra sei auch eine Gestalt, die vom Rand der Gesellschaft komme und die eine Härte zeige. Zugleich aber rühre Bras Erfolg von Käufern aus der gesellschaftlichen Mitte: "Das ist auch die Faszination des anderen.“ Die Fas­zination der Straße für die Mittel- und Oberstufe.

Doch stärker als bei vielen Rappern ist die Straße auf "CB6“ überzogen mit Zuckerguss: mit Autotune, mit "Lalala“-, "Lelele“-, "Nanana“- und "Bababambam“-Singsang.

Bras Musik klingt ein bisschen nach Alcopops aus der Dose, aber mit karibischem Sonnenschirmchen drin, und ein bisschen nach Wodka-Energy auf der Ostblockparty. 

Niko Hüls sagt: "Bra macht Mucke, die im Prinzip die neue Schlagermusik ist.“ Kombiniert mit dem Russischen, mit dieser "Nische“, wie Hüls sie nennt, sei Capital Bra auf eine "Goldader“ gestoßen. Er habe den Pop in seinem Rap zugelassen und diese Formel – Rap plus Pop – perfektioniert: "Das ist locker, leicht, eingängig. Das ist der Grund, warum jedes Mädchen in der Mittelstufe irgendeiner deutschen Kleinstadt diese Songs von vorn bis hinten kennt. Früher war es Lady Gaga, heute ist es Capital Bra.“

Und dann hören die Mittelstufen-Mädchen Lieder, in denen Frauen als "Prinzessa“ oder als "Bitch“ adressiert werden. Es bewegt sich alles in einem Spannungsfeld, das Capital Bra schon in einem früheren Song besungen hat: "Ich liebe es, wenn Frauen in Strapsen im Club mit mir tanzen.“

Die Liebe. Und die Strapse. Ach ja, und die Familie. Der letzte Song auf "CB6“ ist ­Capital Bras Frau gewidmet: "Alkohol und Frauen, damit ist jetzt Schluss, Babe, ich will nur dich, auf alle andern keine Lust.“

Rappen für die Familie.

Slawisch geprägter Straßenschlagerstil

Capital Bra gibt sich als Familienmensch, als ver­antwortungsvoller Ehemann und ist zugleich ein Sexist, der Drogen feiert. Er streitet mit Dieter Bohlen und umarmt ihn hinterher, ein Ballerfilm mit Happy End.

Er stilisiert sich als Gangster, aber als einer, dem man unterstellen könnte, eigentlich doch nur kuscheln zu wollen: "Der Staatsanwalt und Richter wollen mich hinter Gittern sehen, aber alles hat seinen Preis, und ich zahl mit Mamas Tränen.“

Das macht ihn in der heutigen Zeit, in der das Männerbild des ultraharten Machos, an dem alles abprallt, sein Haltbarkeitsdatum überschritten hat, zu einem etwas zeitgemäßeren Sexsymbol. Und ist gleichzeitig noch ausreichend derb für den pubertären Schulhof-Talk. Zudem hat er mit seinem slawisch geprägten Straßenschlagerstil ein authentisches Alleinstellungsmerkmal – nicht nur im deutschen Rap, sondern im gesamten deutschen Pop.

"Was geht ab?“, fragt Capital Bra in einer Songpause. "Bratan, ich hab dich gefragt: Was geht ab?“ – Und in einer anderen: "Wo sind meine Bra­tinas?“ Noch sind sie da, sie tanzen, sie giggeln, sie singen mit, sie erhellen mit ihren Handys beständig das Dunkel, aber gleich, nach einer Zugabe, nicht mehr.

Capital Bra schleicht von der Bühne, die Musik geht aus, das Licht geht an, und die Bratans und die Bratinas verlassen zügig die Halle in Bremen. Ist ja auch schon spät geworden.