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Wolfgang Wagner ist tot: Der Gralshüter auf dem Grünen Hügel

Wolfgang Wagner, der langjährige Leiter und Intendant der Bayreuther Festspiele, ist am Sonntag im Alter von 90 Jahren gestorben.

Wolfgang Wagner, dem langjährigen Leiter und Intendanten der Bayreuther Festspiele, ist schon vieles nachgesagt worden. Seine eigenen Inszenierungen seien konventionell und uninspiriert. Auch habe er sich als Gralshüter auf dem Grünen Hügel inthronisiert und bis zu seinem Abgang nach 57 Jahren im August 2008 zunehmend als Autokrat geherrscht. Die Verdienste Wagners, der am Sonntag 90-jährig starb, sind aber auch bei seinen Kritikern unumstritten. Der Enkel des Komponisten Richard Wagner befreite die Festspiele vom brauen Mehltau der Nazi-Ära und stellte sie mit großem kaufmännischen Geschick auf eine solide finanzielle Basis.

Die Erblast, die Wagner zu tragen hatte, wog zunächst jedoch schwer. Wolfgang Wagners Mutter und Festspielleiterin Winifred hatte den Aufstieg Adolf Hitler früh gefördert und das Werk Richard Wagners durch die NS-Schergen vereinnahmen lassen. Die Nähe zu den Wagners ging soweit, dass der Opernfreund Hitler den im Krieg schwer verwundeten Wolfgang Wagner 1939 im Lazarett besuchte.

Mit dem Neubeginn, den Wagner ab 1945 plante, stand für ihn fest, dem Grünen Hügel den "Nimbus des geheiligten Platzes" zu nehmen und "aus der Stätte esoterischer Kulthandlungen eine Werkstatt" zu machen, wie es in seinen Memoiren heißt. Die Opern sollten vom nationalen Pathos befreit werden und das Menschliche mehr zur Geltung kommen. Die Leitung der 1951 eröffneten Festspiele teilte sich Wagner dabei mit seinem Bruder Wieland, der die meisten Aufführungen bis zu seinem Tod 1966 mit großem Erfolg inszenierte.

Im künstlerischen Schatten seines Bruders konzentrierte sich Wagner in diesen Jahren auf die Organisation der Festspiele. Er förderte 1951 die Gründung der "Freunde von Bayreuth", die mittlerweile einen zweistelligen Millionenbetrag für Bau- und Sanierungsarbeiten spendeten. Zudem konnte der geschäftstüchtige Intendant den Bund, Bayern und die Stadt Bayreuth jährliche Zuschüsse für den Grünen Hügel abringen. Mit Glamour, lukrativen Verträgen für TV-Aufzeichnungen und Haushaltsdisziplin sicherte Wagner die wirtschaftliche Grundlage der Festspiele und machte sie zu einem international beachteten Publikumsmagneten.

Auf der künstlerischen Seite zeigte Wagner nach dem Tod seines Bruders Mut zu Neuerungen. Er öffnete 1969 die Festspiele für Regisseure von außen und ermöglichte damit Inszenierungen, die weltweit gerühmt wurden. Dazu zählt vor allem der 1976 von dem Franzosen Pierre Boulez dirigierte "Ring der Nibelungen", der unter Wagnerianern inzwischen als "Jahrhundertring" gilt.

In den 90er Jahren traten dann immer mehr die Familienstreitigkeiten um die Nachfolge Wagners in den Fokus der Öffentlichkeit. Wagner hatte nach dem Tod seines Bruders Wieland dessen Familie ebenso aus der Festspielleitung gedrängt, wie nach seiner Scheidung 1976 seine Kinder aus erster Ehe: Für die Erbfolge auf dem Grünen Hügel bevorzugte der Gralshüter stattdessen seine zweite Ehefrau Gudrun und die gemeinsame Tochter Katharina.

Der Streit eskalierte dann 2001, als der Stiftungsrat Wagners Tochter aus erster Ehe, die Opernmanagerin Eva Wagner-Pasquier, zur Nachfolgerin wählte. Doch der Patriarchen ignorierte dieses Votum, und seine älteste Tochter gab zunächst auf. Ein Kompromiss konnte erst nach dem massiven Druck der Geldgeber und dem unerwarteten Tod von Wagners Ehefrau Gudrun 2007 gefunden werden. Im September 2008 übernahmen die damals 63-jährige Eva und die 30-jährige Katharina gemeinsam die Festspielleitung. Der zuletzt pflegebedürftige Wagner akzeptierte später diese Entscheidung für die beiden Halbschwestern.

Jürgen Oeder, AFP / AFP