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Bayreuth: Festspiel-Chef Wagner tritt zurück

Mehr als 40 Jahre lenkte Wolfgang Wagner die Geschicke rund um den Grünen Hügel. Nun wurde bekannt, dass der 88-Jährige die Leitung der Bayreuther Festspiele abgeben wird. Für die Nachfolge ist eine Doppelspitze favorisiert - natürlich aus dem Hause Wagner.

Der Leiter der Bayreuther Festspiele, Wolfgang Wagner, wird nach Angaben des bayerischen Kultusministers Thomas Goppel am Dienstag seinen Rücktritt ankündigen. Der genaue Zeitpunkt des Rückzugs sei noch nicht bekannt, sagte Goppel am Dienstag. Zuvor war in Abwesenheit Wagners in Bayreuth der Vorstand des Stiftungsrates zu einer Sitzung zusammengekommen. Hauptthema ist die Nachfolgeregelung für den Festspielleiter, der vor drei Wochen überraschend seinen Rücktritt in Aussicht gestellt hatte. Wagner hatte sich in einem Brief an den Stiftungsrat am 8. April für seine 29-jährige Tochter Katharina beziehungsweise alternativ für eine Doppelspitze aus Katharina und seiner Tochter aus erster Ehe, Eva Wagner-Pasquier, als Nachfolgerinnen ausgesprochen.

Mit dem Rücktritt von Wolfgang Wagner stehen die Bayreuther Festspiele vor einer tiefen Zäsur. Mehr als ein halbes Jahrhundert lenkte Wagner das weltweit renommierteste deutsche Musikfestival. Sein gesamtes Leben hat er dem Erbe seines berühmten Großvaters Richard Wagner (1813-1883) gewidmet.

Im Schatten des Bruders

Wolfgang Wagner wurde am 30. August 1919 in Bayreuth als drittes Kind von Siegfried und Winifred Wagner geboren. Nach dem Zweiten Weltkrieg baute er gemeinsam mit seinem älteren Bruder Wieland Wagner die durch die Nähe zum Nazi-Regime diskreditierten Festspiele wieder auf. Die Inszenierungen von "Neu-Bayreuth" sorgten weltweit für Aufsehen. Freilich stand Wolfgang Wagner als Regisseur stets im Schatten des älteren Bruders.

Nach Wielands frühem Tod 1966 übernahm der Jüngere die alleinige Verantwortung für die Festspiele. Über Jahrzehnte gelang es ihm, die besondere Atmosphäre am "Grünen Hügel" zu erhalten, wo sich renommierte Sänger und Musiker aus aller Welt im Sommer versammeln und zu deutlich niedrigeren Gagen als anderswo üblich auftreten.

Unter Wagners Ägide entstanden rund 1600 Aufführungen im Festspielhaus. Daneben schuf er zwölf eigene Inszenierungen. Während er für seine eigenen, oft konventionellen Arbeiten viel Kritik ertragen musste, bewies Wagner als Intendant Mut zu Neuerungen. Er öffnete die Festspiele für Regisseure von außen und holte schon 1972 Götz Friedrich, dessen "Tannhäuser" für einen Skandal sorgte. Später kamen Patrice Chereau ("Ring" 1976), Heiner Müller ("Tristan und Isolde" 1993) und Christoph Schlingensief ("Parsifal" 2004).

Familiäre Zerwürfnisse

Daneben liegt sein großes Verdienst in der finanziellen Stabilisierung der Festspiele. Auch die bauliche Substanz im Festspielbezirk und die technische Ausstattung des Opernhauses erneuerte er unermüdlich. Wagner ist weltweit als geschickter Intendant respektiert. Schlagzeilen machten jedoch auch die familiären Zerwürfnisse. Nach Wieland Wagners Tod drängte Wolfgang Wagner dessen Familie vom Grünen Hügel, nach seiner eigenen Scheidung von Ehefrau Ellen auch die gemeinsamen Kinder.

Das Vorhaben, seine zweite Ehefrau Gudrun Wagner, die er 1976 geheiratet hatte, als Nachfolgerin zu etablieren, scheiterte 2001 am Widerstand der Geldgeber. Gudrun Wagner starb überraschend am 28. November 2007 - ein schwerer Schlag für Wolfgang Wagner.

AP/DPA/Stephan Maurer