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Zum Tod von Dieter Pfaff Ein Mann von Statur

Dieter Pfaff
Dieter Pfaff
© Horst Ossinger / DPA / Picture Alliance
Dieter Pfaff ist tot. Eine Nachricht, die nicht nur die Fernsehbranche traurig macht. Der sanfte Riese gehörte zu den Publikumslieblingen von ARD und ZDF - weil er Statur stets mit Haltung verband.
Von Volker Königkrämer

Am Ende hat er seine Statur sogar zum Titel einer Serie gemacht. Dieter Pfaff war "Der Dicke". Als solcher war er selbst jenen präsent, die mit Schauspielern sonst nicht viel am Hut haben. Bei ihm hieß es dann immer: "Du weißt schon, dieser Dicke aus dem Fernsehen." Und jeder wusste, wer gemeint war.

Doch was heißt schon dick. Pfaff hat seinen Rollen Gewicht verliehen. Weil er nicht nur eine Statur hatte, sondern eine Haltung. Weil man spürte, dass da einer unterwegs war, der seine Figuren ganz nah an sich rangelassen hat, um sie dadurch umso intensiver zum Leben erwecken zu können. Am Ende hat ihn das vielleicht sein eigenes Leben gekostet. Im Alter von 65 Jahren ist Dieter Pfaff in Hamburg gestorben. Lungenkrebs.

"So wie der Messner auf Berge geklettert ist, hab ich irgendwann Leistungssport gemacht im Fühlen, Denken und Empfinden. Meinen Körper hab ich dabei sicherlich manchmal vergessen", hatte Pfaff einmal über sein Gewicht gesagt.

Schwergewicht mit Bodenhaftung

Kaum vorstellbar, aber in seiner Jugend war der gebürtige Dortmunder ein ambitionierter Handballspieler und lief die 100 Meter in 11,5 Sekunden. Längst hatte er sich daran gewöhnt, dass die Menschen ihn berühren wollten, ihn anfassen. Wie eine Blondine mit Ausschnitt, fühle er sich mitunter, so Pfaff. Andererseits: "Vielleicht musste ich so schwer werden, damit mich etwas am Boden hält."

Am Boden gehalten hatte Pfaff sich zunächst selbst. Weil er sich das Spielen nicht recht zutraute, ging er so ziemlich jeden Umweg, der gleichzeitig Nähe und Distanz zur Schauspielerei versprach. Er führte Regie am Theater, war städtischer Kulturbeauftragter, wurde Spielleiter und Dramaturg, mit 35 Jahren Professor für Schauspiel an der Hochschule für Musik und Darstellende Kunst in Graz.

Und dann passierte etwas, das Pfaff auch so oft an seinen Figuren gereizt hatte: der radikale Bruch in seiner Biografie. "Ich muss das jetzt tun mit der Filmerei", sagte er damals zu seiner Frau Eva, die er 1969 geheiratet hatte. "Wenn ich das nicht tue, sterbe ich."

"Momente von Wahrhaftigkeit"

Damals, Anfang der 1980er-Jahre schmiss Pfaff sein Leben und das Leben seiner Familie radikal um, ging mit seiner Frau und den inzwischen geborenen Zwillingen Johanna und Maximilian nach München, um ganz und gar Schauspieler zu sein. Und Pfaff hatte Glück, ergatterte eine Nebenrolle in der ARD-Vorabendserie "Der Fahnder". Als Streifenpolizist Otto fiel er nicht nur erstmals einem breiten Fernsehpublikum auf, es ergab sich auch der Kontakt zu ambitionierten Regisseuren wie etwa Dominik Graf.

Graf war es auch, der gemeinsam mit dem Autor Rolf Basedow für Pfaffs Durchbruch als ernsthafter und vor allem auch ernstgenommener Schauspieler sorgte. Gemeinsam entwickelte das Trio die Figur des "Kommissar Sperling", der zwischen 1996 und 2007 in 18 Folgen im ZDF ermittelte. Und obwohl für jenen "Sperling" extra eine kreisrunde Aussparung in den Kneipentisch gesägt werden musste, wie es im Vorspann der Reihe hieß, waren es gerade nicht solche Äußerlichkeiten, sondern es war die Qualität von Regie, Drehbüchern und vor allem Pfaffs Spiel, das dem Berliner Kommissar Melancholie und Tiefgang gab.

"Momente von Wahrhaftigkeit" finden, das war Pfaffs Anspruch an sich und seine Arbeit. Immer war er auf der Suche nach dem Kern, der einen Menschen im Tiefsten ausmacht. "Wenn ich einen Beruf ausübe, in dem ich schreibe, male oder inszeniere, muss dieser Kern in meiner Arbeit vorkommen. Nur dann habe ich eine Chance, andere Menschen zu berühren."

Berühren. Emotionen wecken. Haltung zeigen

Pfaff wollte immer ein "Volksschauspieler" sein, wie er selbst sagte. Jenseits von Dialekt und Landsmannschaft natürlich, sondern jemand, der die Menschen erreicht, ihnen so ganz nebenbei Werte vermittelt wie Toleranz, Mitmenschlichkeit. Und wie gut ist ihm das gelungen. Als "Bruder Esel" beispielsweise, dem Franziskanermönch, der seinen Orden verlässt, weil die Liebe wichtiger wird als sein Glauben. Natürlich als "Der Dicke", jenem Hamburger Kiez-Anwalt mit dem Herz für die kleinen Leute. Und nicht zuletzt als "Bloch", dem behutsamen Psychiater und Therapeuten, der seinen Patienten aber auch sich selbst bei der Suche nach den Ursachen ihrer psychischen Störungen eine Menge zumutet.

Zu welcher Hingabe Dieter Pfaff dabei fähig war, lässt sich vielleicht am besten erahnen, wenn man ihn bei seinem Hobby beobachten durfte: der Musik. Pfaff war ein leidenschaftlicher Sänger, griff auch regelmäßig am Set in die Saiten. Bob Dylan war sein Held. Auf You Tube gibt es ein Video von seinem Auftritt bei Inas Nacht. Johnny Cashs "Ring of Fire" spielt er da - in einer Version, die einem die Tränen in die Augen treiben kann.

Berühren. Emotionen wecken. Haltung zeigen. Das war es, was die Zuschauer an dem sanften Riesen so schätzten. Auch deshalb macht viele die Nachricht von seinem Tod so traurig. "Es ist so viel Schrott auf dem Bildschirm. Wehe, Sie stehlen sich davon", schrieb jemand, als vor Monaten seine Krebserkrankung öffentlich wurde.

Beinahe schien es, als könnte Pfaff dieser Aufforderung nachkommen. Mitte Februar hatte er noch angekündigt, schon bald wieder für neue "Dicke"-Episoden vor der Kamera zu stehen. "Der Krebs ist weg", sagte er damals.

Was für ein trauriger Irrtum.

Der WDR zeigt heute abend um 22.15 Uhr die Wiederholung "Bloch - Tod eines Freundes".

Das ZDF zeigt am Donnerstag um 00.45 Uhr "Sperling und die Katze in der Falle" mit Dieter Pfaff und am Freitag um 23.30 Uhr "Balthasar Berg - Sylt sehen und sterben".

Am Donnerstag um 20.15 Uhr sind in der ARD zwei Folgen von "Der Dicke" zu sehen. Am kommenden Mittwoch - quasi als Vermächtnis - wird eine neue Folge der Serie "Bloch" ausgestrahlt.

Der NDR zeigt am Freitag eine Ausgabe von "Inas Nacht" und "Talkshow Classics" mit Dieter Pfaff.


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