HOME

Porträt Sophie Burcu Dal: Anwalts Liebling

An diesem Dienstag läuft die vorerst letzte Folge von "Der Dicke", der Anwaltsserie mit Dieter Pfaff. Ende der Woche will die ARD über eine Fortsetzung entscheiden. Wir sind dafür! Allein schon wegen Sophie Burcu Dal, die ganz zauberhaft Pfaffs Assistentin spielt.

Von Alexander Kühn

Vor kurzem hat sie sich einen neuen Namen gegeben: Sophie. Für den Abspann vom "Dicken", Staffel zwei, kam er zu spät; die ARD hatte den bereits im vergangenen Jahr bauen lassen, deshalb rollt vom 11. September an 13 Folgen lang noch einmal "Burcu Dal" über den Bildschirm. Die Kollegen nennen sie folgsam "Sophie", die Eltern sagen nach wie vor "Burcu", klar; ihr Freund Christopher, der Jura-Student, ruft sie wie bisher: "Scha-hatz!"

Und sie? Zuckt mit den Schultern. "Ich heiße jetzt Sophie Burcu Dal", sagt sie und strahlt einen an, ein Gang aufs Rechtsamt, eine kleine Gebühr, "ist doch nur ein Name". Damit wäre für sie das Thema auch schon abgehakt an diesem herbstlichen Julitag. Spaziergang. Ein Park in Schöneberg, nahe dem Rathaus, in dem Willy Brandt regierte. In der Mitte des Parks eine Säule, darauf ein abscheulich goldener Hirsch. Ihr Lieblingsplatz in ihrer Heimatstadt Berlin. Einsam ist sie am liebsten hier, sommers wie winters.

Ein Versuch noch: Warum muss sie, bis auf einen Buchstaben, mit 25 Jahren auf einmal fast so heißen wie das berühmte britische Model - Sophie Dahl? "Von der hab ich erst erfahren, als ich mich schon entschieden hatte." Sophie, das ist das Ausreißen vor den immergleichen Fragen: Woher der Name kommt; wie man ihn ausspricht, Bur-ku, Bur-zu, ah, Bur-dschu, richtig so? Und vielleicht stößt Sophie, angenehmer Nebeneffekt, eine Tür auf zu anderen Rollen. Weg von der Schablone "Mädchen mit Migrationshintergrund".

Mit acht ihr Debüt in der Kinderserie "Siebenstein", ein Schauspieler, Freund der Familie, hatte das vermittelt - Burcu als Erstklässlerin, deren Eltern aus der Türkei nach Deutschland eingewandert sind und die am ersten Schultag als einzige keine Tüte mit Süßkram mitbekommen hat. Mit elf spielte sie in einem Fernsehfilm ein herzkrankes türkisches Mädchen; dessen Eltern nicht versichert sind. Ein guter Onkel, Harald Juhnke, überfällt eine Bank, um Geld für die ärztliche Behandlung zu beschaffen. Vier Jahre später der "Tatort" mit ihr als Waise, deren ältere Schwester ausgewiesen werden soll.

Der gute Mensch von Altona

Jetzt ist sie Yasmin Ülküm, Assistentin des Anwalts Gregor Ehrenberg, genannt "Der Dicke", gespielt von Dieter Pfaff. Ehrenberg ist ausgezogen, zuhause und aus der Kanzlei, die er mit seiner Frau betrieben hatte. Neues Leben, neuer Sinn - nun vertritt er nicht mehr potente Konzerne, sondern die Entrechteten: Die Frau, die vor Gericht steht, weil sie zuließ, dass ihr todkranker Mann ins Wasser ging; oder den Alten, der die Gleise manipuliert hat, weil jeder vorbeibollernde Zug sein Häuslein durcheinander rüttelt.

Ehrenberg ist der gute Mensch von Hamburg-Altona - zwischen Hafen, Graffiti und türkischen Gemüseläden, wo man als Anwalt aus dem Establishment auf ein lokal verwurzeltes Helferlein angewiesen ist. Yasmin, Temperament heftig, Herz groß, zeigt ihm, wie man mit den Leuten hier umgeht, mit dem Bauarbeiter Mehmet, mit der Putzfrau und dem Cafébesitzer. Manchmal strengt sie sich so sehr an, dass es schiefgeht. Die erste Staffel sendete das Erste vor mehr als zwei Jahren, in einer langen Pause entstand die zweite.

"Sophie hat einen großen Zauber"

Sommer 2006, Dreharbeiten in Hamburg. Ein Treppenhaus, nicht weit vom Fischmarkt, Sophie Dal mit Pferdeschwanz und rosa Kapuzenpulli. Stellprobe. Ein Tiertrainer drückt ihr einen Königspython in die Hand, "das ist Köpy", sagt er; Köpy wird in der nächsten Einstellung aus einer Wohnung entwischen, Sophie muss ihn einfangen. Sie hat sich die Schlange über den Arm gelegt wie ein Seil. Schiss? "Nö."

Dieter Paff pausiert in seinem Wohnwagen und lässt sich von seinem neuen Filmhund beschnuppern. "Sophie hat einen großen Zauber", schwärmt Pfaff. "Etwas, das man nicht erlernen kann." Als Yasmin mit Ehrenberg zum ersten Mal über private Probleme redete, sagt Pfaff, habe er eine Gänsehaut bekommen, so intensiv habe Sophie gespielt.

Das Gegenteil aller Kopftuch-Kanaksprak-Klischees

Ihre Mädchenstimme, die kaninchenhafte Scheu, dazu die Angst, zuviel Privates preiszugeben. Beim ersten Treffen nähert man sich ihr sanft. Und dann, wenn sie ins Erzählen kommt, erfährt man, wie entschlossen sie Rollen ablehnt, die ihr zu platt erscheinen, weshalb sie in jüngster Zeit gerade mal auf eine Folge "Großstadtrevier" kam und einen Fernsehfilm - und jetzt erst mal pausiert. Wie es sie mopste, als sie in der dritten Klasse nicht Erste wurde beim Vorlesewettbewerb. Und dass sie mit elf Jahren emsig Listen führte, wie viele Bücher sie bereits gelesen hatte.

Das Leben der Sophie Burcu Dal ist das Gegenteil aller Kopftuch-Kanaksprak-Klischees. Fernab vom anatolisch bunten Kreuzberg wuchs sie auf, im gesetzten Wilmersdorf. Religion spielte in der Familie keine Rolle, ihre Freunde waren Deutsche, türkisch sprach sie nur zuhause. Der Vater, Güney Dal, Schriftsteller; die Mutter arbeitete als Vormund. Anfang der 70er Jahre waren die beiden nach Deutschland gekommen, in der Türkei hatte das Militär geputscht, Studenten waren sie, und die wurden verfolgt, unruhige Zeiten.

Ihr Philosophiestudium schmiss sie hin

Anfangs planten die Eltern, nur eine zeitlang hierzubleiben. Dann kam die erste Tochter, Cenen. Sie blieben. Acht Jahre darauf kam Burcu. Sie war neun, da wurde noch einmal diskutiert, ob man nicht zurückgehen wolle. Burcu protestierte. Weil das für sie kein Zurück bedeutet hätte, sondern einen Aufbruch in ein fremdes Land. Die Familie blieb.

14 war sie, als sie einen Artikel las über das Max-Reinhardt-Seminar, die Wiener Schauspielerschmiede. Und das als ihren Traum annahm: nicht, auf der Bühne zu stehen oder vor der Kamera - sondern dort ausgebildet zu werden, in Wien, an dieser berühmten Schule. Doch dann, als sie alt genug war für eine Bewerbung, stand ihr die eigene Feigheit im Weg. Stattdessen beschloss sie, über das Leben zu lernen und über die Welt, sie begann mit dem Studium der Philosophie - und schmiss nach vier Semestern hin, genervt von klugscheißenden Kommilitonen. "Man kann doch nicht von vornherein alles besser wissen", sagt sie mit zarter Empörung. "Die sollen erst mal lernen, etwas annehmen. Kritisieren kann man immer noch."

Beim "Dicken" ist es wieder das Lernen, das sie am meisten begeistert. Die Arbeit mit Dieter Pfaff, der ihr so viel beibringt über den Beruf. Wie man sich auf den andern einlässt. Und was wahrhaftiges Spielen heißt. "Als Ehrenberg eine Fischvergiftung hatte, bekam‘s der Dieter im Magen", sagt Sophie Dal; das bewundert sie, dass einer sich so fallen lässt in seinen Rollen. Weil sie Wale und Delphine so liebte, hatte sie als Teenager zeitweilig den Plan, Meeresbiologin werden. Den Dingen auf den Grund gehen, tief eintauchen. Ein schönes Bild für ihre Art, durchs Leben zu gehen.