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A. Lange & Söhne: Rosa Rehrücken der Feinmechanik

Kann eine Armbanduhr Hunderttausende Euro wert sein? Die Konstrukteure beim Luxus-Hersteller A. Lange & Söhne sind überzeugt davon. Ein Ausflug zu den Drei-Sterne-Tüftlern.

Im ersten Werktag des Monats schaut Udo Rudolf auf die Arbeit, die vor ihm liegt: 465 kleine Einzelteile, manche so winzig, dass sie auch mit einer Pinzette nur schwer zu greifen sind. Er wirft einen letzten Blick in den Himmel, lässt ihn kurz auf dem Baum vor seinem Fenster ruhen. Dann schiebt er die Lupe vor sein rechtes Auge, beugt sich über den brusthohen Arbeitstisch und beginnt. Man darf sich sein Berufsleben als konzentriert vorstellen.

Udo Rudolf ist 40 Jahre alt, verheiratet, Vater eines zweijährigen Sohnes und Besitzer eines Gartens, in dem er abends gern die Radieschen zieht. "Holz hacken", sagt er, "ist undenkbar." Davon werden die Hände ungelenkig. Auch von zu viel Kaffee während der Arbeit, Wutanfällen oder Nachdenken über die Zukunft der Renten muss er absehen. Davon lässt die Konzentration nach. Wenn der Monat vorbei ist und Rudolfs Hände geschickt genug und seine Konzentration stark genug waren, dann hat er die 465 Teile zu einer Uhr zusammengebaut. Genauer: zum "Tourbograph, Pour le Mérite", dem jüngsten Luxusprodukt der Uhrenmanufaktur A. Lange & Söhne.

Es ist die bisher aufwendigste und teuerste Armbanduhr des Nobeluhren-Herstellers aus Glashütte. Auch deswegen darf man sich Rudolfs Arbeit als konzentriert vorstellen: Eine falsche Bewegung, und er gefährdet den Gegenwert einer Eigentumswohnung in guter Lage. Die neueste Lange kostet 380 000 Euro.

Kann eine Uhr so viel Geld wert sein? "Selbstverständlich", sagt Walter Lange. "Diese Uhr ist eine Kostbarkeit, ein Kleinod der Uhrmacherkunst." Ein kleiner Herr, der das spricht, schütteres graues Haar, schlank, die Bewegungen langsam und bedächtig. Der Gang aber ist aufrecht, die Stimme fest. Man sieht ihm seine 81 Lebensjahre nicht an. Wenn sein Urgroßvater Ferdinand Adolph Lange, der Gründer der ersten Glashütter Uhrenmanufaktur, schon Uhren hätte bauen können, die man nicht in der Westentasche, sondern am Handgelenk trägt - diese Uhr hätte es ihm angetan, sagt Urenkel Lange. Geht der alte Herr durch das Stammhaus seiner Familie, wo heute wieder 345 Menschen arbeiten, denkt man: ein Patron. Alle lächeln, wenn sie ihn sehen, grüßen, drücken ihm die Hand. "Schön, dass Sie mal wieder da sind."

Walter Lange ist so etwas wie ein Hans im Glück, einer der wenigen Märchenhelden der deutschen Wiedervereinigung. Zumindest sieht er sich selbst so. Seine Ausbildung zum Uhrmacher musste er 1942 abbrechen und als Soldat an die Ostfront ziehen. Zweimal wurde er schwer verwundet, der russischen Gefangenschaft entkam er nur knapp. Nach Kriegsende fand er die väterliche Uhrenfabrik in Trümmern, nach dem Neubeginn nahmen die DDR-Behörden ihm auch die Überreste noch weg. Im Westen hat er dann noch einmal von vorn angefangen - bis ihn der Siegeszug der Quarzuhren auch dort zur Aufgabe seines Geschäfts zwang und er 1987 mit 63 Jahren in Rente ging. Dennoch hat er nie aufgehört, positiv zu denken. "Ich habe in meinem Leben gelernt, immer nach vorne zu schauen."

Nach dem Fall der Berliner Mauer zog es den Frührentner in die alte Heimat zurück, und eine glückliche Fügung brachte ihn mit dem Schweizer IWC-Manager Günter Blümlein und dem Werkzeugmacher und Ingenieur Hartmut Knothe zusammen. Letzterer verwaltete die Überreste der DDR-Uhrenproduktion in Glashütte. Gemeinsam verhinderten die drei Männer, dass die sächsische Uhrenherstellung einfach abgewickelt wurde. Sie glaubten fest daran, dass eine Wiedergeburt der Lange-Tradition möglich sei. "Ohne Walter Lange", sagt Knothe, "wären hier die Lichter ausgegangen."

1994 war es dann so weit. Nach vier Jahren Entwicklungszeit präsentierten sie am 24. Oktober einer zwölfköpfigen Gruppe exklusiver Juweliere die ersten vier neuen Lange-Modelle, unter ihnen die inzwischen berühmte "Lange 1". 20 Millionen Mark Entwicklungskosten und damit die Zukunft des Unternehmens standen auf dem Spiel. Es wurde ein triumphaler Erfolg. Die Händler orderten mehr als lieferbar war. Am Ende musste das Los entscheiden.

Seitdem geht es nur noch aufwärts. 5000 Uhren baut die Firma heute pro Jahr, mehr sollen es nicht werden. Sie werden sämtlich von Hand gefertigt, alle Oberflächen in der Uhr, auch die völlig unsichtbaren, sind poliert, perliert oder geschliffen. Die zugebilligten Genauigkeitstoleranzen der Werke liegen im Sekundenbereich, die Endkontrolle dauert Wochen. Die "Langematik Perpetual" mit ewigem Kalender ist wartungsfrei bis zum 28. Februar 2100 - erst dann muss sie einmal gestellt werden, weil ein Schaltjahr ausfällt. Manche Modelle sind so begehrt, dass interessierte Kunden anderthalb Jahre auf sie warten müssen.

Mit Bedacht haben die sächsischen Feinmechaniker jetzt wieder den 24. Oktober ausgewählt, als sie einer halben Hundertschaft von Fachleuten und Uhrenkennern ihr neuestes Produkt präsentierten. Der Rahmen ist opulent: Schloss Proschwitz, festlich erleuchtet, Lakaien in Livree, Kammermusik und Sterne-Menü. Es kann eigentlich nichts schief gehen mit der neuen Uhr. Die limitierte Auflage von 101 Stück ist trotz (oder gerade?) wegen des exorbitanten Preises so gut wie verkauft. Und die paar Nörgeleien aus Expertenmund werden so wenig ernst genommen wie die spitze Bemerkung eines Sterne-Kochs, dass die Sauce seines Kollegen eine Spur zu viel Madeira enthalte.

Es geht tatsächlich um eine Art Haute Cuisine, so was wie "getrüffelte Fasanenzunge auf rosa Rehrücken an Steinpilzen in Champagner-Sud" - aber das Ganze in Feinmechanik. Ein Leckerbissen für Uhren-Gourmets: Die Konstrukteure mechanischer Uhren standen nämlich stets vor einem technischen Dilemma, das schwer zu lösen schien. Ist eine Uhr frisch aufgezogen und ihre Zugfeder gespannt, hat sie ein starkes Drehmoment. Läuft sie länger, entspannt sich die Feder, und das Drehmoment wird schwächer. Folge: Die Uhr geht mal schneller, mal langsamer, also ungenau.

In aufwendig konstruierten alten Taschenuhren wurde dieses Problem durch die Verlagerung des Uhrenantriebes auf eine "Schnecke" gelöst: Die Zugfeder zieht bei Vollaufzug über eine Kette am kleineren Umfang der Schnecke, das heißt am kürzeren Hebel. Bei geringem Aufzug wird der längere Hebel bedient. Die Folge: ein konstanter Antrieb. Die Uhr geht genau.

Nun hat man dieses Problem zwar längst auch auf andere Weise in den Griff bekommen - die Federn wurden verbessert, Automatikwerke sorgen für gleichmäßige Zugkraft, aber die Herausforderung blieb. In der neuen Lange-Uhr ist sie bewältigt. In ihr ist das Kette-Schnecke-Prinzip auf Armbanduhrenformat miniaturisiert. Und zusätzlich noch vereint mit einer Reihe weiterer Komplikationen wie dem "Tourbillon", das den Einfluss der Erdanziehung auf Schwerpunktfehler der Unruh ausgleicht, sowie einer besonderen Stoppfunktion mit Zwischenzeiten. Das erklärt - zumindest teilweise - den Preis.

Wer will

, kann in alledem auch schlichtweg die veraltete Technik einer Dampflok sehen, die jetzt einen Stadtflitzer antreibt. Mit einem Wunderwerk an Erfinderwitz und konstruktiver Tüftelkunst hat man es auf jeden Fall zu tun. Und eines steht auch außer Frage: Es geht bei dieser Uhr gewiss nicht um so etwas Nebensächliches wie die Beantwortung der Frage nach der Uhrzeit. Das sagt einem ja heute schon jedes dahergelaufene Handy. Viel eher geht es um ein Statement.

"Besitzer einer Lange-Uhr", sagt Geschäftsführer Fabian Krone, "drücken mit ihrer Uhr extreme Leidenschaft für die Kunst handwerklicher Zeitmesser aus, gepaart mit einem gewissen Understatement und dem Zugehörigkeitsgefühl zu Menschen mit ähnlichen Träumen." Da stellt sich beim jüngsten Produkt des Hauses allerdings eine schwierige Frage: Welche Träume kann einer noch haben, der für eine Armbanduhr fast eine halbe Million Euro ausgibt?

Peter Sandmeyer / print
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