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Glasrecycling: Aus Alt mach Glas: Warum Scherben ein Glücksgriff für die Umwelt sind

Beim Besuch einer Glasrecyclinganlage wird klar: Glas ist ein geduldiger Rohstoff. Aber die Verbraucher tragen auch die Verantwortung dafür, dass aus alten Scherben neue Flaschen werden.

Besuch einer Glashütte: So vermeiden Sie die schlimmsten Fehler bei der Altglasentsorgung

Wenn Scherben wirklich Glück bringen, hat Torsten Büge das große Los gezogen: Vor ihm türmen sich Berge aus weißen, grünen und braunen Glasscherben, Tonnen von Glück sozusagen, auf jeden Fall aber kein Abfall. Das zu betonen ist dem Diplomingenieur wichtig: "Glas ist ein Rohstoff, und ein ganz besonderer dazu. Das ist kein Müll."

Für die Umwelt ist Glas tatsächlich ein Glücksgriff. Es lässt sich beliebig oft einschmelzen und wiederverwenden, ohne an Qualität einzubüßen. Kein anderes Verpackungsmaterial schafft das. Seit 1974 gibt es in Deutschland ein flächendeckendes Sammelsystem für Altglas, 250.000 Altglascontainer stehen in ganz Deutschland bereit für den ersten Schritt des Recyclingprozesses: den Einwurf durch die Endverbraucher. Für die Hütten, die daraus neue Flaschen und Gefäße gießen, ist das Recycling durchaus lukrativ, unter anderem auch deshalb, weil Glasscherben bei geringeren Temperaturen schmelzen als die ursprünglichen Rohstoffe Sand, Soda und Kalk. Pro Schmelzvorgang lassen sich bei Altglas etliche Grad Celsius einsparen - und damit Energie.

Altglas besteht zu einem Großteil aus Weinflaschen

Torsten Büge ist Betriebsleiter in der Glasrecyclinganlage der Glasrecycling Nord GmbH & Co. KG in Wahlstedt. Dort im Hof türmen sich die bunten Haufen, in die er jetzt hineingreift und die Scherben in seiner Hand knetet. "Die Kanten sind durch das Rütteln und Sieben in der Anlage abgerundet", erklärt er. "Schneiden kann man sich daran nicht mehr." Deshalb kommen auch schon mal Zauberkünstler zu ihm, um sich mit stumpfen Splittern für ihre Tricks zu versorgen, Architekten auf der Suche nach Dekorationsmaterial und Betreiber von Erlebnispfaden, die das Glas dann auf ihre Barfuß-Wege schütten.

Mehr zum Thema finden Sie im stern Nr. 16

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40.000 Tonnen sortiert und siebt Torsten Büges Team jedes Jahr. Das Altglas bezieht er aus Schleswig-Holstein, Teilen von Mecklenburg-Vorpommern und Niedersachen. In der Luft hängt ein süßer, schwerer Geruch, der an durchzechte Kneipenabende erinnert. Altglas besteht zu einem Großteil aus pfandfreien Weinflaschen. Aus den Glashaufen im Betriebshof in Wahlstedt entstehen in der nahe gelegenen Glashütte unter anderem die Marmeladengläser eines namhaften Herstellers. Jede Glasflasche, die im Handel zu finden ist, besteht im Schnitt zu rund 60 Prozent aus recycelten Scherben.

Alternulltiv

Das Problem mit den Kochtopfdeckeln

Damit das Altglas überhaupt verwendet werden kann, muss es von exzellenter Qualität sein. Der größte Feind jedes Glasgießers sind Fremdstoffe: Keramik, Stein oder Porzellan, in der Fachsprache kürzt man das mit "KSP" ab. Pro Tonne Recycling-Glas dürfen maximal 25 Gramm davon enthalten sein - das entspricht einer Porzellanscherbe in der Größe eines Daumennagels. Stecken zu viele KSP-Reste im Altglas, enthält das daraus hergestellte Glas Einschlüsse und ist nicht mehr zu gebrauchen.

Problematisch ist auch hitzebeständiges Glas aus Kochtopfdeckeln, Kaffeekannen, Kaminöfen oder Ceranfeldplatten. Oder alte Kristallgläser, die enthalten häufig Blei, das für einen schönen Glanz sorgen soll, aber für den Altglascontainer sind sie nichts: EU-weit gelten strenge Richtlinien für den Bleigehalt von recyceltem Glas. Die Maschinen in Wahlstedt können belastetes Glas zwar identifizieren und aussortieren, aber nur größere Stücke über 10 Millimeter. Kleineres Glas ist nicht sortierfähig und landet auf Deponien.

Der wichtigste Mitspieler: Wir selbst

Das wichtigste Glied in der Verwertungskette von Glas ist der Verbraucher, also der Mensch, der mit seiner Tasche voller alter Flaschen vor dem Altglascontainer steht. Er stellt quasi den Rohstoff für die Recyclinganlagen zur Verfügung und entscheidet mit jedem Einwurf maßgeblich über dessen Qualität. Stecken im Weißglas zu viele grüne Flaschen, kann das eine ganze Wagenladung unbrauchbar machen. Für gelbes, rotes und blaues Glas gibt es keine eigenen Glascontainer. Flaschen in diesen Farben gehören in die Container für Grünglas, weil das am ehesten Fremdfarben schluckt. Dass die einzelnen Glasfarben bei der Entleerung im LKW zusammengeschüttet werden, ist übrigens ein Mythos. Der Laderaum besteht aus Kammern, in denen das Glas nach Farben sortiert transportiert wird.

Ewiger Kreislauf: Der Weg der Scherben - was mit dem Rohstoff Glas passiert
Ein Lastwagenfahrer kippt eine Fuhre Altglas auf den Hof der Glasrecyclinganlage in Wahlstedt, eine Autostunde nord-östlich von Hamburg entfernt. Das "A" auf dem Schild steht zwar für Abfall. Tatsächlich handelt es sich bei Glas jedoch um einen wertvollen Rohstoff.

Ein Lastwagenfahrer kippt eine Fuhre Altglas auf den Hof der Glasrecyclinganlage in Wahlstedt, eine Autostunde nord-östlich von Hamburg entfernt. Das "A" auf dem Schild steht zwar für Abfall. Tatsächlich handelt es sich bei Glas jedoch um einen wertvollen Rohstoff.

Die Farbtrennung durch die Verbraucher gelingt in der Regel recht gut. Doch in den Containern landen manchmal auch "Störstoffe", wie es Torsten Büge nennt: Teppichreste, Kochtöpfe, Plastiktüten, sogar Windeln hat Büges Team schon aus dem Glas gezogen - alles, was durch die schmale Öffnung der Altglascontainer passt. Einmal war sogar eine Pistole dabei. Und ein, zwei Mal im Monat leergeräumte Portemonnaies. Steckt der Ausweis drin, ruft Torsten Büge die rechtmäßigen Besitzer an, um sie über den Fund zu informieren. "Die fallen dann aus allen Wolken." Auch Autoschlüssel holt sein Team regelmäßig aus dem Altglas.

Vier Schritte zum neuen Gefäß

Der Recyclingkreislauf ist simpel: Glas trennen, aufbereiten, einschmelzen und zu neuen Verpackungen gießen. Der Prozess der Aufbereitung selbst ist jedoch komplex. Das Glas, das in Wahlstedt auf dem Hof landet, muss zunächst von Hand sortiert werden. Dafür sind ausschließlich Frauen zuständig, sagt Torsten Büge. Männer könne er für den Job nicht gebrauchen, "die sind nicht multitaskingfähig." Die Mitarbeiterinnen sitzen an einem Fließband und ziehen Plastiktüten, PET-Flaschen oder Müll aus dem Glas. Auch andersfarbige Glasflaschen werden aussortiert.

Über ein Förderband gelangen die Flaschen zu einem riesigen Magneten, der die Schraubdeckel, die oft noch dran sind, vom Glas trennt. Gibt es eine Rüge für die Verbraucher? Büge winkt ab: Kein Problem, sagt er, die Leute mögen den Schraubverschluss nur nicht zu fest verschließen, damit der Magnet den Deckel leicht lösen kann und kein Glas darin haften bleibt. Die gesammelten Eisendeckel kann er außerdem wieder zu Geld machen: Die kauft dann ein Müllverwerter.

Für das Glas geht es nun in einen riesigen Trockner. Der pustet die Flaschen bei 135 Grad Celsius trocken und dreht sich, was dazu führt, dass sie zerbrechen und die Papieretiketten abgeschmirgelt werden. Die Scherben wandern dann über ein Sieb, wo leichte Teile wie Papierreste und Alu-Ringe abgesaugt werden, bevor sie in eine Maschine fallen.

Im Inneren prüfen Sensoren jede einzelne herabpurzelnde Scherbe: Ist sie lichtdurchlässig? Dann wird sie als Glas erkannt und darf passieren. Porzellan und Stein, aber auch stark verschmutzte Scherben werden aussortiert. Melden die Sensoren Alarm, aktivieren sie ein Ventil: Es öffnet sich und pustet den Fremdkörper hinaus. Das Ganze passiert so schnell, dass man es mit freiem Auge gar nicht erkennen kann.

Die Anlage sortiert auf diese Weise auch grüne Scherben aus Weißglas und umgekehrt. Bis zu 16 Millionen verschiedene Farben können die eingebauten Kameras unterscheiden. Aber auch die beste Maschine arbeitet mit einer gewissen Fehlerquote. Das bedeutet: Einige Scherben der Fremdfarbe bleiben immer zurück. Im schlimmsten Fall muss er die gesamte aufbereitete Fuhre noch einmal durch seine Anlage jagen. Das kostet Zeit, die vermieden würde, wenn am Container bereits sorgsamer getrennt würde.

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Vorzeigebranche

In Deutschland werden jedes Jahr rund 7,5 Millionen Tonnen Glas und Mineralfasern produziert. Die größte Gruppe ist Behälterglas mit rund 4 Millionen Tonnen. Es folgen Flachglas, Glas- und Steinwolle und spezielle Gläser für Haushalte, Forschung und Wirtschaft. Als sogenanntes Feinkorn wird es auch für den Wegebau eingesetzt: Fahrbahnmarkierungen enthalten feinstes Glasmehl, das für die reflektierende Wirkung sorgt. Behältergläser kommen vor allem im Lebensmittel- und Getränkehandel zum Einsatz.

In Glasverpackungen werden Joghurts, Desserts, Marmeladen und Getränke verkauft. Mehrwegverpackungen aus Glas gelten als umweltfreundlicher als Einwegverpackungen. Und überall kommt wiederverwertetes Glas zum Einsatz. Die höchste Recyclingquote wurde in Deutschland bereits im Jahr 2004 verzeichnet, damals mit 91,2 Prozent. In den folgenden Jahren sank diese wieder leicht und lag zuletzt bei 87,1 Prozent. Die Verpackungsverordnung fordert 75 Prozent - es gibt nicht viele gesetzliche Quoten, die so deutlich übertroffen werden.

Plastiketiketten und Pfand

Aber es gibt auch Probleme. Neue Herausforderungen harren einer Lösung. Etwa, dass immer mehr Hersteller Plastik- statt Papieretiketten auf ihre Flaschen kleben. Das erschwert die Aufbereitung: Während Papier durch das Schmirgeln und Sieben zerfällt und weggepustet wird, bleibt Plastik stabil. Da wird sich noch jemand etwas überlegen müssen. Auch ein anderer, für den Naturschutz wichtiger Verpackungstrend, bereitet Büge Sorgen: die Einführung des Pfands. Seither verschwänden Glas-Einwegflaschen zusehends vom Markt. "Die fehlen dann bei uns." Seine Anlage sei früher einmal für 120.000 Tonnen im Jahr ausgelegt gewesen. Derzeit laufe sie mit 40.000 Tonnen.

Zum Schluss beantwortet Torsten Büge noch gerne Fragen der wissbegierigen Endverbraucherin. Wie sauber muss Glas etwa sein, das im Container landet? "Also, größere Mengen Marmelade oder Pesto sollten nicht mehr daran kleben", sagt der Betriebsleiter. Dann würde die Anlage das Glas nicht mehr als solches erkennen und aussortieren. Am besten ist das Glas löffelrein. "Ausspülen ist kein Muss", betont Büge. "Das wäre zwar charmant, wir nehmen das Glas aber auch so."

Viel schlimmer seien die erwähnten KSP-Fremdstoffe im Container – oder Glasgefäße, die einfach im Restmüll entsorgt werden. Die landen in der Müllverbrennungsanlage und werden zu Schlacke statt zu neuen Flaschen. "Und da", sagt Torsten Büge und hebt bedauernd die Schultern, "ist es doch schade um jedes einzelne Glas."

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