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Wegwerfgesellschaft: Das Märchen vom bösen Müll: Wo unser Abfall landet - und was daraus entsteht

Meere voller Plastik, dampfende Deponien, verseuchte Böden: Abfall liefert genug Gründe für ein schlechtes Gewissen. Doch wer im Müll stöbert, stellt schnell fest, dass nicht alles schlecht ist, was weg kann.

Kapitel 1: Glas


Die gute Geschichte im bösen Müll beginnt auf einer glitzernden Bergkette in Wahlstedt bei Hamburg. Über den grünen, weißen, braunen Kuppen wabert schwer der Geruch einer durchzechten Nacht: Wein, Schnaps, Bier, dazwischen süße Noten von Marmelade mit einer Idee saurer Gewürzgurke. Altglas. Es riecht übler, als es ist.

Am Anfang des Kreislaufs sind Scherben

Am Anfang des Kreislaufs sind Scherben

Glas lässt sich beliebig oft einschmelzen und wiederverwenden, ohne an Qualität einzubüßen. Kein anderes Verpackungsmaterial schafft das. Torsten Büge blickt zufrieden über seine Glitzeralpen. Der Chef der Glasrecycling-Anlage sieht im müffelnden Panorama vor allem eines: "Glas ist ein Rohstoff, und ein ganz besonderer dazu. Das ist kein Müll."

Denn Müll mag niemand. Er ist das hässliche Überbleibsel der schönen Konsumwelt. Leergekratzte Joghurtbecher, alte Zeitschriften, durchgeschmorte Toaster, verschimmeltes Brot, ausgetrunkene Weinflaschen, volle Windeln - nichts davon hat einen Wert für denjenigen, der es in die Tonne stopft. Doch wertlos ist der Abfall deshalb nicht. Er ist eine wertvolle Ressource. Trennen, recyceln, einschmelzen, kompostieren, verbrennen: In der Metropole Hamburg sorgt ein stetiger Abfallstrom für Nachschub.

Im Werk von Torsten Büge vollendet Glas seinen Lebenszyklus und beginnt zugleich einen neuen. In Deutschland gibt es seit 1974 ein flächendeckendes Sammelsystem für Glas, 250.000 Container stehen im Land. Und die Deutschen nutzen sie fleißig. Jährlich werfen sie 2,3 Millionen Tonnen Glas ein. Rund 40.000 Tonnen davon werden auf Büges Recyclinghof abgeladen.

Dort wird das Glas sortiert - von Hand. Die Angestellten fischen aus den Glasbergen Plastiktüten, Teppichreste, manchmal sogar Windeln oder Portemonnaies. Alles, was durch die schmale Öffnung der Container passt, ist hier schon angekommen. Ein Förderband transportiert das Material dann zu einem riesigen Magneten, der die Schraubdeckel aus dem Glas zieht. Die Deckel sind ein gerngesehener Nebenverdienst. Sie werden als Metallschrott verkauft.

Ewiger Kreislauf: Der Weg der Scherben - was mit dem Rohstoff Glas passiert
Ein Lastwagenfahrer kippt eine Fuhre Altglas auf den Hof der Glasrecyclinganlage in Wahlstedt, eine Autostunde nord-östlich von Hamburg entfernt. Das "A" auf dem Schild steht zwar für Abfall. Tatsächlich handelt es sich bei Glas jedoch um einen wertvollen Rohstoff.

Ein Lastwagenfahrer kippt eine Fuhre Altglas auf den Hof der Glasrecyclinganlage in Wahlstedt, eine Autostunde nord-östlich von Hamburg entfernt. Das "A" auf dem Schild steht zwar für Abfall. Tatsächlich handelt es sich bei Glas jedoch um einen wertvollen Rohstoff.

Büges schlimmster Feind trägt das Kürzel "KSP": Keramik, Stein und Porzellan. Steckt zu viel davon im Altglas, bildet es im daraus hergestellten Glas Einschlüsse. Schon wenn pro Tonne 25 Gramm KSP enthalten sind - das entspricht einer Porzellanscherbe in der Größe eines Daumennagels - ist die Ware unbrauchbar. Hochsensible Sensoren scannen daher jeden Zentimeter Weg der Scherben. Sind sie lichtdurchlässig? Dann werden sie als Glas erkannt und dürfen passieren. Die Anlage sortiert auf diese Weise auch grüne Scherben aus Weißglas und umgekehrt. Bis zu 16 Millionen verschiedene Farben können die Kameras der Anlage unterscheiden.

In der nahe gelegenen Glashütte wird Büges Glas eingeschmolzen, es entstehen Gläser für Marmelade, Honig oder Würstchen. Im Schnitt besteht jede Glasflasche im Handel zu rund 60 Prozent aus recycelten Scherben.

 

Kapitel 2: Papier


Ein passabler Wert, den Ulrich Feuersinger jedoch leicht überbieten kann. Der 59-Jährige ist Geschäftsführer der Steinbeis GmbH in Glückstadt, einem der modernsten Papierrecycler Europas. Während in anderen Teilen der Welt ganze Wälder für die Papierherstellung gerodet werden, gehen die Glückstädter einen anderen Weg: Schon Mitte der 70er stellten sie die Produktion von Primärfasern aus Holz auf 100 Prozent Altpapier um und wurden so zum Pionier der Papieraufbereitung.

Heute fahren im Zehnminutentakt 40-Tonner mit Papierabfällen auf den Hof der Anlage.

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Dass es überhaupt noch große Waldflächen auf der Welt gibt, ist vielleicht Justus Claproth zu verdanken. Der Jurist gilt als der Erfinder des Recyclingpapiers. In der Schrift "Eine Erfindung aus gedrucktem Papier wiederum neues Papier zu machen" beschrieb er seine Versuche, Papier wieder in Fasern zu zerlegen und die Druckerschwärze zu entfernen. Das war im Jahr 1774. Sein sogenanntes De-Inking-Verfahren brauchte allerdings rund 175 Jahre, bis es sich industriell durchsetzen konnte. Heute liegt der Altpapieranteil an der gesamten inländischen Papierproduktion bei rund 74 Prozent.

Papier ist eben geduldig. Und rasend schnell: Wer in Schleswig-Holstein oder Hamburg seine Zeitung in die Blaue Tonne wirft, kann die Fasern seiner Morgenlektüre eventuell schon Stunden später wieder in der Hand halten. Das Papier muss nur zügig in die Recyclinganlage gebracht werden. Innerhalb von Minuten trennt sie Papier von Pappe, entfernt Büroklammern, schält Aktenordner von Heftern, sortiert Helles, Nasses, Dunkles auf ratternden, rasend schnellen Verbindungsbahnen.

Glückstadt: Die reinste Zettelwirtschaft: So arbeitet Deutschlands modernste Papierfabrik
Im Minutentakt fahren 40-Tonner auf das Gelände der Papierfabrik in Glückstadt, sie sind randvoll mit Papierabfällen.

Im Minutentakt fahren 40-Tonner auf das Gelände der Papierfabrik in Glückstadt, sie sind randvoll mit Papierabfällen.

Die Qualität und der Weißgrad des Papiers sind mittlerweile so gut, dass es auf den ersten Blick kaum einen Unterschied zu Frischfaserpapier gibt. Ökologisch trennen die beiden jedoch Welten: Bei der Produktion von Papier aus Altpapier werden bis zu 83 Prozent weniger Wasser und 72 Prozent weniger Energie verbraucht als bei der Produktion mit Frischfasern. Und nicht ein Baum wird dafür gefällt. Das Umweltbundesamt hat den Spareffekt in das bürotaugliche Format "Kaffeetassen" umgerechnet. Wer ein Paket Papier mit 500 Blatt in Recyclingqualität kauft, rettet nicht nur 5,5 Kilogramm Baum vor dem Abholzen, sondern kann mit der eingesparten Energie 525 Tassen Kaffee kochen.

Dennoch blickt Feuersinger mit Sorge in die Zukunft: "Die Digitalisierung verändert unser Geschäft." Was er damit meint, sieht man an jedem Altpapiercontainer: Die Menge an hochwertigem Papier aus Zeitschriften und Flyern geht zurück, zugleich steigt die Menge der Verpackungskartons. Doch aus braunem Karton wird niemals weißes Papier. Andere Unternehmen schwenken bereits auf die Kartonproduktion um. Steinbeis sieht jedoch Chancen, sich langfristig in seinem Markt zu behaupten. "Wir fühlen uns manchmal wie das kleine gallische Dorf", sinniert der Geschäftsführer.

Kapitel 3: Elektromüll


Ganz andere Sorgen hat Stefan-Georg Fuchs. Er kann sich noch gut an seinen Frust erinnern, als gleich am ersten Tag sein neues Smartphone runterfiel und das Display zerbrach. Eine Reparatur hätte 400 Euro gekostet, fast so viel wie ein neues Gerät. Der teure Schatz war plötzlich nur noch Schrott.

Wertvoller Schrott allerdings, wusste Fuchs. Sein Job als Manager bei Aurubis ist es, im großen Stil aus kaputter Elektronik die wertvollen Metalle herauszuholen.

Das Unternehmen betreibt in Lünen eine der weltgrößten Recyclinganlagen für Kupfer. Aus 400.000 Tonnen Recycling-Rohstoffen, darunter auch Kupferabfall aus der Industrie, werden hier jährlich 200.000 Tonnen reines Kupfer hergestellt. Hinzu kommen Gold, Silber und andere Edelmetalle aus elektronischen Bauteilen. "An einem modernen Smartphone können wir bis auf die Batterie eigentlich alles recyceln", sagt Fuchs. Das Geschäft lohnt sich. In Deutschland werden jedes Jahr rund 24 Millionen Smartphones verkauft. Allein dafür benötigt die Industrie

  • 1531 Tonnen Kunststoff,
  • 396 Tonnen Kupfer,
  • 7320 Kilogramm Silber.

Recyclinghof

Wenn die einst begehrten Technik-Gadgets irgendwann zu Elektroschrott werden, können sie auf dem Recyclinghof abgegeben werden.  

Und irgendwann kommt der Tag, an dem die einst schicken neuen Gadgets im Müll landen - hoffentlich auf dem Recyclinghof.

Ein Blick in Deutschlands Tonnen zeigt: Keine andere Müllsorte hat Zuwachsraten wie der Elektroschrott. 2016 fielen bei jedem Bundesbürger durchschnittlich 22,8 Kilogramm dieses Mülls an. Dabei machen Smartphones, Tablets oder Laptops keineswegs den Löwenanteil aus, sondern Haushaltsgeräte wie Staubsauger, Toaster, Mikrowellen oder Kühlschränke.

Deponie

Was nicht in Deutschland auf den Recyclinghof kommt, landet im schlimmsten Fall auf Deponien wie dieser bei Accra in Ghana

Picture Alliance

Fuchs kauft das Material weltweit, aber vor allem in Europa bei ungefähr 200 Lieferanten. Der Elektroschrott wird meist schon vorsortiert angeliefert, etwa eine LKW-Ladung PC-Bauteile für eine halbe Million Euro. In aufwendigen Verfahren werden dann die Innereien extrahiert: Gold, Silber, Platin oder Kupfer.

Wertvolle, weil endliche Rohstoffe. Apple hat bereits angekündigt, seine Produkte künftig ausschließlich aus recyceltem Material herzustellen, dessen saubere Herkunft belegt ist. Acer und Samsung reparieren defekte Geräte mittlerweile in eigenen Werkstätten, anstatt sie wie früher wegzuwerfen und gegen ein Neugerät auszutauschen.

Elektroschrott ist ein boomender Markt, mit sehr viel Luft nach oben. Denn die Wahrheit ist: Nur aus einem Fünftel des globalen Elektroschrottberges werden fachgerecht die kostbaren Wertstoffe geholt. Von einem geschätzten Gesamtwert aller gewinnbaren Materialien im Müll von rund 55 Milliarden Euro im Jahr 2016 verschwindet ein Großteil einfach - auf Mülldeponien, in Schrottpressen oder Verbrennungsanlagen. Bestenfalls verstauben ausrangierte Geräte in Schubladen oder Schränken.

Im schlimmsten Fall enden die Geräte bei dubiosen Händlern und finden ihren Weg auf afrikanische Deponien, wo das wertvolle Metall unter freiem Himmel in offenen Feuern freigebrannt wird.

 

Kapitel 4: Plastik


Derart wertvolle Stoffe einfach zu verkohlen wäre in der Antike wohl undenkbar gewesen. Archäologen finden bei Ausgrabungen jedenfalls nur wenig Metall und Glas. Ihre Erklärung: Schon im alten Ägypten und in der Blüte Roms wurden diese Wertstoffe gezielt gesammelt und recycelt.

Wenn einst Eisen und Bronze ihrer Zeit den Namen gaben, müsste unsere Epoche als Plastikzeitalter in die Geschichte eingehen. Zwischen 2005 und 2015 ist die Plastikmüllmenge in Deutschland um 29 Prozent gestiegen, wie das Institut der deutschen Wirtschaft errechnet hat. Statistisch hinterlässt jeder Bundesbürger 37 Kilogramm Verpackungsmüll aus Plastik pro Jahr.

Kunststoff klingt einheitlicher als er ist und die Verwertung wird dann kompliziert, wenn die Stoffe besonders vielfältig sind. "Oft ist die Zusammensetzung schwierig, viele Verbundkunststoffe können nicht gut getrennt werden", sagt Peter Kurth, Präsident des Bundesverbandes der Deutschen Entsorgungswirtschaft (BDE). Joghurtbecher zum Beispiel gehen schon mit dem kleinsten Rest Aludeckel in die Verbrennung. Daher ist es wichtig, beide vorher voneinander zu trennen.

"Beim Design von Verpackungen spielt die Recyclingfähigkeit heute kaum eine Rolle", so Kurth. Wurstverpackungen bestehen aus teilweise fünf verschiedenen Schichten Kunststoff, jede mit einer anderen Funktion (luftdicht, gasdurchlässig, wasserdicht, fest, UV-dicht). Diese Schichten sind nicht zu trennen, die Verpackung wird automatisch verbrannt.

Der heilige Gral der Industrie ist, aus den unterschiedlichsten Materialien ein homogenes Plastik zu formen: das sortenreine Recyclat. Es ist der Ausgangsstoff für neue Plastikprodukte. Manche Hersteller werben bereits mit "100% Recyclat"-Aufklebern auf ihren Verpackungen.

Was die Verbraucher wahllos in die gelbe Tonne stopfen, kommt als gepresster Ballen unter anderem bei dem führenden Recycling- und Umweltdienstleister Alba in Eisenhüttenstadt an. Dort landet es auf dem Seziertisch von Manica Ulcnik-Krump. Die zierliche blonde Frau ist die Kunststoff-Koryphäe bei Alba: Neben der Anlage in Eisenhüttenstadt leitet sie auch das firmeneigene Plastik-Forschungszentrum im slowenischen Maribor.

Manica Ulcnik-Krump leitet die Anlage in Eisenhüttenstadt und Plastik-Forschungszentrum von Alba im slowenischen Maribor.

Manica Ulcnik-Krump leitet die Anlage in Eisenhüttenstadt und das Plastik-Forschungszentrum von Alba im slowenischen Maribor.

"Wenn die vorsortierten Kunststoffe in Ballen hier ankommen, klassifizieren wir die Qualität und teilweise die Homogenität des Materialtyps und erfassen sie per Strichcode. So können wir durch die richtige Mischung später möglichst homogene Rezyklate herstellen", sagt Ulcnik-Krump. Während sie das sagt, geht sie an ein paar blau-weiß-gelben Ballen vorbei, die bei näherem Hinsehen fast ausschließlich zerquetschte Becel-Margarinebecher enthalten.

Verarbeitet werden hier vor allem Verpackungsabfälle aus Polypropylen (PP) und Polyetylen (PE). Was hier als erkennbare Verpackung landet, wird zunächst geschreddert, anschließend werden die verschiedenen Stoffkomponenten per Sieb, Magnet und heißer Luft voneinander getrennt. Dann wird der Kunststoff bei rund 200 Grad eingeschmolzen und zu etwa fünf Millimeter großen Pellets geformt, die millionenfach vom Band rieseln. 85 Mitarbeiter verarbeiten hier rund 50.000 Tonnen Plastik im Jahr.

"Was genau dazu kommt, ist unser Entwicklungswissen und Geheimnis", sagt Manica Ulcnik-Krump nicht ohne Stolz. "Uns gelingt es in der technischen Qualität - wie zum Beispiel bei Bruchfestigkeit oder Elastizität - mit neuen Kunststoffen zu konkurrieren. Wenn man es richtig macht, dann kann man sich kein besseres Recyclingmaterial vorstellen als Kunststoff."

Nur macht man es leider längst nicht überall richtig. Plastik ist und bleibt ein Teufelszeug. Jährlich bestehen 75 Prozent des Mülls, der ins Meer gespült wird, aus Kunststoff. Eine Plastikflasche braucht im Meer rund 450 Jahre, um sich zu zersetzen. Das Plastik verrottet nicht, sondern zerfällt in immer kleinere Teile. Und gelangt so überall hin, auch in die Nahrungskette.

 

Leider ist Plastik so unglaublich bequem. Wer hat schon Lust, eine Kiste mit gläsernen Wasserflaschen in seine Wohnung zu wuchten, wenn es die gleiche Menge Wasser auch in superleichten PET-Flaschen gibt?

Der Anteil an Mehrwegflaschen sank in den vergangenen 20 Jahren von 93 auf 40 Prozent. Das Dosenpfand konnte den Niedergang der Mehrwegflasche nicht stoppen. Möglicherweise weil Pfand eine gesunde Kreislaufwirtschaft suggeriert. Für 25 Cent pro Flasche erkauft man sich ein gutes Ökogewissen - trotz Plastik.

Als würde ich Fässer mit Geld durch die Gegend rollen

Für Uwe Tröger jedoch war das Einwegpfand ein Glücksfall. Es war sein Weg in ein geordnetes Leben. Tröger hat ein besonderes Gespür für Pfandflaschen entwickelt. Er kann sie an ihrer Form erkennen. Sogar im Dunkeln. Die, mit denen sich Geld verdienen lässt, die dünnwändigen Einwegflaschen aus Plastik. Da sind bis zu 25 Cent pro Stück drin. "Das sind die wichtigsten, die heiligen Flaschen", sagt der 50-Jährige.

Für ihn sind sie nicht einfach nur weggeworfener Müll - sondern sein Gehalt. Er arbeitet am Hamburger Airport als "Wertstoff-Beauftragter" für das Projekt "Spende dein Pfand". Als Pfandsammler möchte er nicht bezeichnet werden. "Das klingt ja so, als hätte ich keinen Job." Den hat Tröger aber. Er ist festangestellt, sein Arbeitsvertrag unbefristet. Er bezieht Mindestlohn. Er lebt von dem, was andere Menschen wegwerfen: Plastikflaschen und Pfanddosen.

Uwe Tröger (links) und Stephan Karrenbauer vor den gesammelten Pfandflaschen.

Uwe Tröger (links) und Stephan Karrenbauer vor den gesammelten Pfandflaschen.

Tröger leert die großen durchsichtigen Behälter, die am Airport vor den Sicherheitskontrollen aufgestellt sind. Dort können Reisende vor dem Abflug ihre Flaschen noch schnell austrinken, mitnehmen dürfen sie die Behälter nicht. Sind die Tonnen voll, kommt Tröger mit einer Sackkarre vorbei und holt sie ab. "Das ist dann ein bisschen so, als würde ich Fässer mit Geld durch die Gegend rollen."

Im September 2015 startete der Hamburger Flughafen gemeinsam mit dem Straßenmagazin "Hinz und Kunzt" und dem Grünen Punkt die Aktion "Spende dein Pfand". Inzwischen finanziert der Erlös dreieinhalb Arbeitsplätze - drei Beauftragte und eine studentische Hilfskraft. Allein im vergangenen Jahr sammelte das Team 550.000 Flaschen. Als Tröger an diesem Tag auf dem Weg von der Arbeit nach Hause in der S-Bahn sitzt, entdeckt er eine Dose im Mülleimer. Er zieht sie heraus, drückt vorsichtig die Beulen aus dem Metall. Wieder 25 Cent. Er stellt die Dose auf den Boden. "Für die Pfandsammler."

 

Kapitel 5: Biomüll


Müll ist, was wir dazu machen. Es ist eine Zuschreibung, kein Zustand. Das gilt selbst für vertrocknete Schnittblumen, schimmeliges Brot und Kaffeefilter.

Wo andere vor Ekel wegschauen, sieht Wissenschaftlerin Ina Körner genau hin.

Wo andere vor Ekel wegschauen, sieht Wissenschaftlerin Ina Körner genau hin.

Kann dieser Biomüll einen Wert haben? Ina Körner stört sich schon an der Bezeichnung. "Den Begriff habe ich mir abgewöhnt. Biomüll klingt so abwertend. Besser ist eigentlich Bioabfall, und noch besser Bioressource, denn es besitzt ein beachtliches Verwertungspotenzial", sagt Körner.

Seit 1994 beschäftigt sich die Wissenschaftlerin mit der Kompostierung dessen, was die meisten möglichst schnell aus ihrer Küche haben wollen: Essensreste, feuchter Schnittabfall vom Kochen bis hin zu den Gräten der Forelle. Wo andere vor Ekel den Kopf abwenden, schaut Körner ganz genau hin. Selbst aus alten Kartoffelschalen lässt sich noch etwas machen, sagt sie. Strom zum Beispiel.

Ihr Arbeitsfeld ist die 2011 in Hamburg eingeführte Biotonne, von ihr stehen über 130.000 Stück in der Hansestadt. Rund 70.000 Tonnen Biomüll landen jährlich in Tangstedt, nördlich von Hamburg. Hier im Biogas- und Kompostwerk Bützberg kippen die Lastwagen die oft schleimigen Reste aus Küche und Garten ab. Die Ladung findet in einer riesigen Halle zum Verrotten ihre vorerst letzte Ruhe, wenn auch nicht für lange.

In luftdichten Fermentern, also riesigen "Garagen", machen sich Mikroorganismen bei 38 Grad ans Werk, den Biomüll innerhalb von drei Wochen zu zersetzen. Dabei entsteht Gas, das entweder direkt in das öffentliche Gasnetz eingespeist oder in einem Kraftwerk zu Öko-Strom wird. Rund 11.000 Zwei-Personen-Haushalte können so komplett mit Elektrizität versorgt werden.

Selbst aus den Küchenresten holt die Abfallwirtschaft noch eine ganze Menge Gutes heraus. Und Körner ist sich sicher: Da ginge noch mehr. So forschen ihre Kollegen in Potsdam derzeit daran, aus den Zuckern der Lebensmittel Milchsäure zu raffinieren und daraus dann Bio-Kunststoff herzustellen.

Häufig weiß man heute nicht, wie etwas hergestellt wird, wie viele Ressourcen nötig waren und wie aufwendig die Entsorgung ist

Doch auch wenn sich Ina Körner über gut gefüllte Lastwagen mit miefenden Abfällen freut, sie sähe es lieber, wenn die Menschen viel weniger Lebensmittel wegwerfen würden. "Häufig weiß man heute nicht, wie etwas hergestellt wird, wie viele Ressourcen nötig waren und wie aufwendig die Entsorgung ist", sagt Körner.

Man schätze diese Produkte daher weniger und wenn zum Beispiel das Mindesthaltbarkeitsdatum erreicht ist, wandern sie vorschnell in die Tonne - und zwar in erheblichen Mengen. In Lübeck habe man die Inhalte der Biotonnen genauer untersucht, sagt die Expertin. Ein allgemeines Ergebnis bei Untersuchungen dieser Art: Die Hälfte der Lebensmittelabfälle wären vermeidbar gewesen.

 

Diesen Wahnsinn der Verschwendung will Ionel Lupu nicht hinnehmen. Es ist früh morgens, fast noch nachts, als er sich mit seinem Sprinter auf den Weg nach Lübeck macht. Sein Ziel ist die Bäckerei Junge. Dort erwarten ihn schon Plastikkörbe voller Brote, Streuselkuchen und Brötchen. Eigentlich Müll, denn die Waren vom Vortag kann die Bäckerei nicht mehr verkaufen. Gebacken für die Tonne - ein perverses System.

"Der Verbraucher will es so", sagt Gerd Hofrichter, Sprecher des Lübecker Familienbetriebs Bäckerei Junge. "Gibt es nur noch drei Brötchen in der Auslage, kauft in der Filiale niemand mehr ein." Aus betriebswirtschaftlicher Sicht müssen die Regale voller Backwaren sein. Sind sie am Abend leer, hätte man mehr Umsatz machen können. Es ist ein Teufelskreis, den Lupu durchbricht. Denn er ist "Brotretter".

Die Bäckerei Junge hat in Hamburg und Lübeck zwei Brotretter-Läden eröffnet. Sie sehen aus wie normale Bäckereifilialen. Seit März 2016 wird hier verkauft, was zuvor in den Müllcontainern vor der Fabrik gelandet ist. Brot vom Vortag zum günstigen Preis. Einwandfreie Qualität. "Vor allem die Vollkornbrote sind der Renner", sagt Melanie Mauritz, Filialleiterin der "Brotretter" in Hamburg-Bergedorf.

Gibt es nur noch drei Brötchen in der Auslage, kauft in der Filiale niemand mehr ein.

Kosten die normalerweise über vier Euro, gibt es die dunklen Dinkel- und Roggenbrote bei den "Brotrettern" für 1,29 Euro. Ein Schnäppchen, die Brote halten sich bei richtiger Lagerung noch tagelang.

Von den "Brotretter"-Filialen fällt kein Gewinn ab. Sie sind aber ein Investment in etwas vielleicht viel Wertvolleres: gesellschaftliche Verantwortung. Hier werden nicht nur Lebensmittel gerettet, sondern auch Menschen wie Lupu. Erstmals hat er einen festen Arbeitsvertrag, ist krankenversichert und hat Urlaubsanspruch.

Kapitel 6: Müll vermeiden


Brot wird gerettet, Müll verstromt, Glas neu gegossen und Plastik geformt, Edelmetalle werden zurückgewonnen. Klingt gut, doch eine Aufforderung, sorglos immer mehr Müll zu produzieren, kann das nicht sein. Denn am Ende des Tages ist der beste Müll immer noch kein Müll. Doch geht das überhaupt in einer Gesellschaft, die so auf Konsum geeicht ist? Bei Vanessa Riechmann und Erdmuthe Seth, zwei von insgesamt 1,8 Millionen Hamburgern, passt der Müll eines Monats jedenfalls in ein Marmeladenglas.

Zerschnittene Plastikkarten (wegen Namensänderung nach Heirat), ein Bahn-Ticket (Handy-App funktionierte nicht) und ein Schokobon-Papierchen aus einem schwachen Moment, vielmehr Müll fällt bei den beiden Frauen nicht an. Sie sind Teil der "Zero Waste"-Bewegung, die weltweit versucht, möglichst müllfrei zu leben. Zugegeben, die beiden Hamburgerinnen treiben es auf die Spitze, doch sie zeigen eben auch, dass es gelingen kann - wenn man sich umstellt.

Außerdem: Oma hat in den 50ern auch nicht anders gelebt. "Zero Waste" ist eigentlich nur die Rückbesinnung auf Altbewährtes. Großmutter holte auf dem Markt ein, wie die Hamburger sagen, ging mit dem Korb zum Bäcker und griff im Kolonialwarenladen zu den losen Produkten. Heute heißt das "Unverpackt-Laden".

Im Supermarkt kaufen Riechmann und Seth kaum noch ein. Wenn sogar Bio-Gurken in Folie verschweißt werden, wäre das Glas schnell voll. Die meisten Dinge des täglichen Bedarfs bekommen sie im "Stückgut", einem Unverpackt-Laden in Hamburg-Altona. Hier kann jeder seine eigenen Behältnisse mitbringen und sich die Ware grammweise in Gläser, wiederverwendbare Dosen und Stoffbeutel abfüllen. Nudeln, Reis oder Haferflocken stecken in großen Spendern, Nüsse oder Schokolade können stückweise aus Glasbehältern entnommen werden.

Der Laden läuft gut, demnächst wird in Hamburg eine zweite Filiale eröffnet. Auch in vielen anderen Städten sind in den letzten Jahren Unverpackt-Läden entstanden. Natürlich ist es etwas teurer als im Discounter. "Wir geben nicht mehr Geld aus als vorher", sagt Seth. Denn das Unverpackt-Prinzip erlaube es ihr, nur die Mengen zu kaufen, die sie auch wirklich benötigt. "Wir kaufen bewusster ein", ergänzt Riechmann. Und schmeißen Lebensmittel nicht mehr weg.

Das Leben auf ein müllfreies Dasein auszurichten, mag radikal erscheinen. Doch genauso wenig wie Oma sich als Müllvermeidungs-Lifestyle-Hipster verstand, sehen sich die beiden Frauen als Missionarinnen, die anderen ihr Lebensmodell aufquatschen wollen. Sie sind keine Blaupause für die Massen. Sie zeigen lediglich: Müllvermeiden kann auch im Alltag gelingen. Wenn man will.

 

Kapitel 7: Restmüll


Ganz am Ende bleibt trotz aller technischen Verfahren und Abfallvermeidung noch etwas übrig: der Restmüll. Von Wertstoffen befreit, verschmutzt und völlig unsortiert will ihn keiner haben. In Hamburg hat es Tradition, ihn den Flammen zu übergeben. Müllexperten sprechen von der "thermischen Verwertung", weil dabei Fernwärme erzeugt wird. Doch die Verwertung des Rests der Reste geht weiter.

In die Verbrennung sollte eigentlich nur gelangen, was nicht mehr verwertet werden kann. Ein Blick in den Schlund der Müllverbrennungsanlage Borsigstraße in Hamburg zeigt: Ganz so einfach ist es nicht. Kinderwindeln, Tampons, Staubsaugerbeutel oder Katzenstreu - viel mehr sollte eigentlich nicht aus dem LKW in die tiefe Grube gekippt werden.

Doch beim Abladen der Müllwagen hört man deutlich das Klirren von Glas. Auch viele Folien, alte Töpfe, Spielzeug und Essensreste rutschen in den Bunker, einem tiefen Betonkerker für Müll. Von hier aus geht es in den über 800 Grad heißen Ofen. Jeden Tag kippen bis zu 300 Müllwagen ihre Ladung hier ab. Mehr als 327.000 Tonnen pro Jahr. Und obwohl die Hamburger immer besser trennen, wächst die Menge, die hier verfeuert wird. 

Stationen des Restmülls: Am Ende bleibt nur noch Asche
Restmülltonne in Hamburg

Mehr als 455.000 Tonnen Restmüll landen in der Müllverbrennungsanlage Borsigstraße in Hamburg. Eigentlich soll in den Tonnen nur das landen, was nicht mehr recycelt werden kann.

Nach dem Verbrennen bleibt Schlacke, eine Mischung aus Asche und nicht abgebranntem Material. Doch die Kreislaufwirtschaft ist hier noch nicht am Ende. In Hamburg wird aus der Schlacke ein so genannter Sekundärbaustoff. Allerdings einer mit Haken: die Schlacke ist ein fieses Periodensystem-Potpourri aus Blei, Eisen, Nickel, Kupfer, Zinn und Salzen. Alles, was mit Grundwasser besser nicht in Berührung kommen sollte.

Erst seit wenigen Jahren forscht die Abfallindustrie an sauberer Schlacke und entwickelt Maschinen, die inzwischen 70 Prozent der Metalle zurückgewinnen können. Und je wertvoller die Metalle werden, desto eher lohnt sich das Geschäft mit ihnen. "Wir lassen rund drei Millionen Euro jährlich in der Schlacke, die wir irgendwann rausholen könnten", sagt Stefan Lübbe, Klimaschutz- und Energieeffizienzbeauftragter bei der Stadtreinigung Hamburg. Da gehe auf jeden Fall noch was.

Bis die Schlacke sauberer wird, darf sie nur unter hohen Auflagen eingesetzt werden: Der Ersatzbaustoff darf beispielsweise nicht mit dem Grundwasser in Berührung kommen. Auch die Grenzwerte bei den enthaltenen Metallen dürfen nicht überschritten werden. Ein Hamburger Musterbeispiel wie Schlacke im großen Stil als Baustoff eingesetzt wird, ist das Containerterminal Altenwerder. Hunderttausende Tonnen Schlacke sind dort im Untergrund verbaut worden, statt Beton. Dort erfüllte das Material die Anforderung. Die Schlacke wird jedoch auch im Straßen- und Wegebau als eine Zwischenschicht bei der Asphaltierung verwendet. Und so kommt es, dass viele Hamburger, wenn sie ihre Mülltonne an die Straße rollen, bereits die ersten Meter des großen Recyclingweges ihres Mülls beschreiten.

 

Veröffentlicht am 12. April 2018

Chefredaktion: Anna-Beeke Gretemeier, Christian Krug

Projektleitung: Christoph Fröhlich

Autoren: Christoph Fröhlich, Katharina Grimm, Henry Lübberstedt

Mitarbeit: Daniel Bakir, Susanne Baller, Felix Haas, Stephanie Harke, Malte Herwig, Lea Kosch, Ilona Kriesl, Dirk Liedtke, Julia Rau, Nora Reinhardt, Stefan Schmitz, Sylvia Steinitz, Swen Thissen, Denise Wachter, Jan Boris Wintzenburg, Dirk van Versendaal, Christine Zerwes

Fotos: Lars Berg, Philipp Spalek, Jonas Wresch

Video: Jannis Frech, Katharina Frick, Isa von Heyl, Nils Iwersen, Steven Montero, Florian Saul

Infografiken / Visuelle und technische Umsetzung: Patrick Rösing

Impressum stern.de


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