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Pappbecher: Der Feind in meiner Hand

Es ist für uns selbstverständlich geworden, dass wir uns unterwegs Kaffee kaufen und ihn im Gehen trinken. In den meisten Fällen verbrauchen wir dafür einen Pappbecher pro Kaffee. Müll, der sich leicht vermeiden lässt.

Eine Frau hält einen Pappbecher in der Hand

Pappbecher sind zu einem echten Müllproblem geworden, weil sie sich weder recyceln noch wiederverwenden lassen

Getty Images

Zuerst die schlechte Nachricht: 320.000 Einwegbecher werfen die Deutschen stündlich weg, hat die Deutsche Umwelthilfe (DUH) errechnet, das sind 7,6 Millionen täglich, 2,8 Milliarden Becher pro Jahr. Sie stehen auf Stromkästen, liegen in Parks und auf der Straße, aber eigentlich geht das Übel schon damit los, dass nicht das sind, wonach sie klingen: Tatsächlich besteht der überwiegende Teil der To-go-Trinkgefäße aus einem verklebten Pappe- und Kunststoffanteil – das macht Recycling unmöglich. Dadurch hinterlassen die Becher 31.000 Tonnen Abfall pro Jahr in Deutschland und die Deckel noch einmal 9000 Tonnen, weil sie so gut wie nie ihren Platz im Gelben Sack finden.

Die gute Nachricht lautet: Dieser Müll lässt sich vermeiden.Wenn wir über Plastikreste in den Meeren lesen, die so groß wie Inseln sind, beschleicht uns leicht ein Gefühl der Machtlosigkeit. Wir haben den Müll da ja nicht hineingeworfen und wir haben auch kein Motorboot und Schleppnetz, um ihn da wieder herauszufischen. Was wir aber können, ist im Kleinen anfangen, indem wir konsequent nie wieder einen Pappbecher in die Hand nehmen. Der stern hat sich zwei Alternativen angesehen.

Schluss mit Einweg – ganz konsequent

Die Suche nach einem umweltfreundlichen Einwegbecher lehrte die Betreiber des Hamburger Kaffeehandels El Rojito, dass die Idee einen Denkfehler enthält. "Wir hatten eine Ökolinie Pappbecher bestellt, die kompostierbar ist. Und als der Karton ankam, stand da "Made in China" drauf. Das bringt's ja irgendwie auch nicht", rollt Susanne Voss, die für das El-Rojito-Café in Ottensen zuständig ist, mit den Augen. "Also haben wir die Pappbecher ganz aus dem Programm genommen und auf ein Pfandsystem gesetzt, auch wenn wir etwas besorgt waren, wie das ankommt."

Die Hamburger entschieden sich für einen von NoWaste, der spülmaschinenfest sowie "Made in Germany" ist und dessen "kleine Schwester" sie bereits für Events nutzten. "Also haben wir dort auch unseren To-go-Becher gestalten und mit unserem Logo bedrucken lassen", berichtet Voss. "Jetzt verleihen wir ihn für 1,50 Euro und subventionieren die Differenz." Und die Kunden spielen mit. Wer sich unterwegs nicht mit dem Becher belasten will, trinkt wieder vor Ort. "Auch eine schöne Entwicklung, dass die Leute sich wieder zehn Minuten Ruhe im Café gönnen", sagt Voss.

Der Tresen im Hamburger Café El Rojito

Das Café El Rojito in Hamburg-Ottensen macht sein Becherpfandsystem mit einer Kreidetafel auf dem Tresen anschaulich

Der Baumsaft-Becher

Hersteller dieses Bechers ist der gebürtige Iraner Babak Norooz, 44, der 2010 mit NoWaste als Start-up begann. Zunächst entwickelte er mit dem Fraunhofer-Institut zwei Jahre lang einen Stoff für die Herstellung von Mehrweggeschirr. Es entstand ein Granulat, das auf Lignin basiert, einer Kohlenwasserstoff-Verbindung, die Pflanzen als Stützmaterial in der Zellwand dient und den Norooz als biologisch abbaubar bezeichnet.

Der "Baumsaft" fällt vor allem bei der Papierherstellung als biologischer Abfall an und muss nicht extra angebaut werden. Der sogenannte Treecup war geboren und ist seit 2012 im Handel, im gleichen Jahr erhielt Norooz den Hanauer Gründerpreis. 2015 sind ein Deckel und ein Filzring als Hitzeschutz hinzugekommen, die den "Baumbecher" To-go-tauglich machen. "Wir haben einen Deckel entwickelt, der sich zwar nicht zum liegenden Transport in der Tasche eignet, aber zum Trinken unterwegs", sagt Norooz. Den Deckel kann der Kunde kaufen, aber nicht gegen Pfand leihen. Er muss zu Hause gespült werden.

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Die Kunststoff-Variante

Fabian Eckert, 28, setzt auf ein anderes Modell. Er und sein Partner Florian Pachaly, 22, sind die Gründer des Start-up-Unternehmens Recup in München, das ein Pfandsystem für Mehrwegbecher anbietet. Die beiden Männer hatten unabhängig voneinander die Idee, den Gebrauch von Einwegbechern einzudämmen und haben sich über die Gründerin von Coffee to go again kennengelernt. Vier Monate später hatten sie ihr erstes Pilotprojekt durchgezogen und nach 15 Monaten waren 150.000 ihrer Becher in 70 Städten im Umlauf – vom Allgäu über München, Oldenburg bis Berlin. Der Kunde erhält sein Getränk in einem Mehrwegbecher und kann ihn bei einem anderen Pfandsystem-Partner wieder abgeben. Dort wird er gespült und anschließend dem Kreislauf wieder hinzugefügt. Recup wurde von der Deutschen Umwelthilfe als Best Practice Pfandsystem ausgezeichnet.

Der Recup-Becher muss noch mit Einweg-Deckeln auskommen, die Mehrwegmodelle sind derzeit in der Testphase. "Es muss sichergestellt sein, dass die Deckel nach dem Spülen keimfrei trocken werden und durch die Trinkrille ist das kompliziert. Einer unserer Gegner ist zum Beispiel der Lippenstift", so Eckert.

Es muss sichergestellt sein, dass die Deckel nach dem Spülen keimfrei trocken werden und durch die Trinkrille ist das kompliziert. Einer unserer Gegner ist zum Beispiel der Lippenstift

Beim Material des Bechers haben sich die Gründer für den thermoplastischen Polypropylen (PP) entschieden. Wie passt das zusammen? Warum ist recycelbarer Kunststoff besser als biologisch abbaubares Material? "Das hat verschiedene Gründe", erklärt Eckert. "Biologisch abbaubar ist ein sehr, sehr dehnbarer Begriff. Das heißt ja nicht, dass ich den Becher ins Gebüsch schmeißen kann und er dann verschwindet, sondern dass er in einer Kompostieranlage bei perfekten Druck- und Temperaturbedingungen innerhalb eines längeren Zeitraums kompostiert."

Das Problem dabei ist, dass deutsche Kompostieranlagen in der Regel in einem Sechs-Wochen-Zyklus arbeiten. "Selbst wenn ein Becher den Weg dort hinein findet, bekommt er nicht einmal die Chance, sich komplett abzubauen, weil der Kompost nach sechs Wochen gewendet beziehungsweise ausgetauscht wird", erklärt Eckert.

Stadtweite Lösungen

Das komplexe Thema überfordert nicht nur so manchen privaten Unterwegs-Kaffeetrinker. In Hamburg beispielsweise gibt es noch kein einheitliches Mehrwegsystem, in dem Kaffeebecher gegen Pfand ausgegeben und wieder zurückgenommen werden. Seit Ende 2017 erhalten Kunden immerhin bei knapp 300 Cafés und Bäckereien Rabatt auf ihren Kaffee, wenn sie ihre eigenen Becher mitbringen.

Jan Dube, Pressesprecher der Hamburger Behörde für Umwelt und Energie, berichtet, dass sich das endlich ändern soll: "Bis zum 23. Februar 2018 konnten sich Hersteller auf eine Ausschreibung bewerben, deren Ziel eine gemeinsame Pfandlösung ist." Den Kunden würde das den umweltfreundlichen Kaffeekonsum ebenso erleichtern wie den Anbietern. "Bei einem Hamburg-Becher wären wir sofort dabei!", sagt Susanne Voss vom El Rojito. "Wir sind ja ein Kaffeehandel und haben überhaupt kein Interesse an einem eigenen Bechervertrieb."

Hauptsache: Mehrweg!

"Grundsätzlich spielt es gar keine so große Rolle, woraus diese Becher hergestellt werden", lautet die für einen Laien überraschende Aussage von Thomas Fischer, Leiter für Kreislaufwirtschaft bei der DUH. "Das Wichtigste ist, dass der Spülvorgang eines Mehrwegbechers einen ökologischen Mehrwert im Vergleich zur Herstellung eines Einwegbechers hat: weniger Wasser- und Energieverbrauch und weniger Chemikalieneinsatz."

Der ökologische Nachteil, der durch die Herstellung erst einmal größer ist, muss mit jedem Spülvorgang abgebaut werden. "Wenn man also vorhat, einen Becher Hunderte Male wiederzuverwenden, spielt es am Ende überhaupt keine Rolle mehr, ob er aus Plastik, Edelstahl oder Biokunststoff ist", so Fischer. Entscheidend ist die Langlebigkeit.