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Das Elektroschrotträtsel: Zwei Drittel aller Elektrogeräte verschwinden spurlos - mit fatalen Folgen

In Deutschland werden rund 1,9 Millionen Tonnen Elektrogeräte im Jahr verkauft. Doch nur ein Drittel wird zurückgegeben. Was passiert mit den ausrangierten Kühlschränken, Staubsaugern und Kaffeemaschinen, die nicht in der Statistik auftauchen?

Wer in Deutschland eine neue Waschmaschine, einen Fernseher oder einen Fön kauft, kann sein altes Gerät beim Händler zurückgeben. Kostenlos. Auch Online-Händler wie Amazon müssen den alten Kühlschrank mitnehmen, wenn sie einen neuen liefern. Das ist seit 2016 Gesetz. Um einen Überblick über die Zahl der verkauften Geräte zu bekommen, führen alle EU-Mitgliedsstaaten Buch über die verkauften Geräte. Auch die Menge der ausrangierten Geräte wird erfasst, in Recyclinghöfen und beim legalen Export. Und hier beginnt das Elektroschrotträtsel.

Denn während 2015 fast 1,9 Millionen Tonnen Elektrogeräte in verkauft wurden, wurden nur gut 720.000 Tonnen Elektroaltgeräte zurückgegeben. Die Recyclingquote lag 2009 mit 38,1 Prozent sogar etwas höher als bei der letzten verfügbaren Zahl für 2014 mit 36,9 Prozent. Die Jahresbilanz 2016 wird laut Umweltbundesamt erst im Juni vorliegen. Gleichzeitig wird die Rückgabequote dann neu errechnet und zwar auf Grundlage des Durchschnittsgewichts der in den drei Vorjahren verkauften Geräte. Planmäßig soll die Recyclingquote in der EU dann von erwarteten 45 Prozent im Jahr 2016 bis auf 65 Prozent im Jahr 2019 steigen.

Metall-Recycling: Hier wird aus Schrott wieder Kupfer
Aurubis in Lünen ist eine der größten Kupfer-Recyclinganlagen der Welt.

Aurubis betreibt in Lünen eine der größten Kupfer-Recyclinganlagen der Welt.

Schattenwirtschaft mit Elektroschrott

Seit 2003 gilt eine europäische Gesetzgebung, die EU-Staaten verpflichtet, Elektroabfallmengen an die Europäische Kommission zu melden. "Es ist enttäuschend, dass nach fast 15 Jahren im Schnitt der Verbleib von nicht mehr als einem Drittel des nachgewiesen wird", heißt es in einer aktuellen Erklärung der United Nations University und des europäischen Elektronik-Recycling-Verbandes EERA. Dabei stehen die Europäer noch relativ gut da.

Mehr zum Thema finden Sie im stern Nr. 16

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Weltweit liegt die Verwertungsquote sogar bei nur 20 Prozent, bezogen auf eine Menge von 44,7 Millionen Tonnen Elektroschrott. Bis 2021 wird die Gesamtmenge voraussichtlich um weitere 17 Prozent auf dann 52,2 Millionen Tonnen steigen.

Was also passiert mit den ausrangierten Kühlschränken, Staubsaugern und Kaffeemaschinen, die nicht in der Statistik auftauchen?

Wer seine Altgeräte nicht beim Händler zurückgibt oder von der Stadtreinigung abholen lässt, kommt schnell in Berührung mit einer Schattenwirtschaft. Händler bei Ebay Kleinanzeigen holen ausgediente gerne kostenlos zuhause ab. Je größer diese sind, umso besser.

Jedes fünfte ausgediente Elektrogerät in Europa wird ausgeschlachtet, bevor der Rest im Recyclingkreislauf landet. Motoren und Kompressoren sind bei größeren Haushaltsgeräten wegen ihres hohen Metallgehalts begehrt. Festplatten, Kabel und Leiterplatten aus Computern, Druckern und Handys enthalten und Edelmetalle. Zwei Drittel der Kühlschränke und Klimageräte in Europa werden nicht ordnungsgemäß entsorgt. Giftige Gase können beim Ausschlachten in Hinterhofwerkstätten entweichen. Die United Nations University hat daraus einen Umweltschaden errechnet, der den Abgasen von sechs Millionen Autos in einem Jahr entspricht.

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Es schlummern Milliarden auf Deponien

Neben der Umwelt leidet aber auch der Profit, sowohl der legalen Recylingbetriebe, die weniger wertvolle Rohstoffe zurückgewinnen können als auch der illegalen Verwerter, die in Ländern wie Ghana Elektroschrott unter freiem Himmel verkokeln und die zurückbleibenden, verunreinigten Metalllegierungen dann weiterverkaufen. Alleine im Hafen von Accra landen jeden Monat zwischen 500 und 1000 Container voller Elektroschrott.

Unter dem Strich wird nur ein Fünftel des globalen Elektroschrottberges effizient nach Gold, Silber, Platin oder Kupfer ausgewertet. Von einem geschätzten Gesamtwert aller gewinnbaren Materialien im Müll von rund 55 Milliarden im Jahr 2016 verschwindet ein Großteil einfach - auf Mülldeponien, in Schrottpressen oder Verbrennungsanlagen. Bestenfalls verstauben ausrangierte Geräte in Schubladen oder Schränken.

Welche Schätze im Elektroschrott schlummern lernt man in einer der größten Recyclinganlagen für Kupfer bei Aurubis in Lünen. Aus 400.000 Tonnen Recycling-Rohstoffen, darunter auch Kupferabfall aus der Industrie, werden hier jährlich 200.000 Tonnen reiner Kupfer hergestellt. Gold, Silber und andere Edelmetalle werden im Aurubis-Werk Hamburg aus dem Anodenschlamm gewonnen, der bei der Kupfergewinnung übrig bleibt.

Elektroschrott wird meist vorsortiert angeliefert, etwa eine LKW-Ladung PC-Bauteile für eine halbe Million Euro. Den Innereien von 150 Millionen PCs mit einem Gewicht von rund 1,5 Millionen entnimmt das Recycling-Unternehmen in komplizierten Verfahren alle wiederverwertbaren Rohstoffe. Lediglich alle Batterien werden vorher entfernt. Sie könnten in den Sortieranlagen oder den Brennöfen explodieren. Für sie gibt es eigene Recyclingwege.

Smartphones sind nicht umweltfreundlich

Aurubis-Manager Stefan-Georg Fuchs kauft das Material weltweit mit Schwerpunkt Europa bei ungefähr 200 Lieferanten. Die LKWs werden penibel gewogen und auf Radioaktivität untersucht, damit etwa belastete Röntgengeräte entdeckt werden können. "An einem modernen Smartphone können wir bis auf die Batterie eigentlich alles recyceln," sagt Fuchs. Das tröstete ihn, als ihm gleich am ersten Tag sein neues Samsung Galaxy S7 Edge herunterfiel und das Display zerbrach. Eine Reparatur hätte mit 400 Euro fast so viel ein Ersatzgerät gekostet. Umweltfreundlich sind derart konstruierte Geräte nicht, nur schick.

Trotzdem klingt Fuchs optimistisch. Die Hersteller seien zunehmend auf dem Weg, auf die saubere Herkunft ihrer Rohstoffe zu achten. Das ist gut für das Geschäft großer Produzenten wie Aurubis. So will Apple in Zukunft ausschließlich aus recycelten oder regenerierbaren Rohstoffen Handys bauen lassen. Alleine für die in Deutschland jährlich verkauften 24 Millionen Geräte werden nach einer Studie des Vereins "Deutsche Umwelthilfe" 1531 Tonnen Kunststoff, 396 Tonnen Kupfer und 7320 Kilogramm Silber benötigt.

Nutzen statt Besitzen

Auch über neue Arten des Konsums diskutiere die Branche, Leasen statt Kaufen etwa. Rückläufer könnten dann in Zweitmärkten verkauft werden. Auch der Verband Deutsche Umwelthilfe plädiert für das Prinzip "Nutzen statt Besitzen" und rät zum Kauf gebrauchter Geräte. Schon heute sind Plattformen wie Ebay, Rebuy oder Backmarket florierende Marktplätze für ältere iPhones und Galaxys mit teils überraschend hohen Preisen.

Eine elegante Antwort auf alle Fragen zur Verwertung alter Elektrogeräte wird gerade in Hamburg als Teil des Forschungsprojekts "FORCE" entwickelt. Beteiligt sind neben Aurubis Wissenschaftler und Praktiker der Stadtreinigung. Will man ein Gerät aussortieren, muss man nur die Handykamera darauf richten. Die App soll dann sagen, wie viel Geld ein Verkauf einbringen würde, errechnet wird das etwa auf Basis des Durchschnittspreises bei Ebay. Bei defekten Geräten weist die App den Weg zum nächsten Repair-Café und wenn alles zu spät ist, zum nächsten Recyclinghof. Wer selbst dann noch kaputte Elektrogeräte in den Hausmüll schmuggelt, pfeift offenbar auf unseren Planeten.Und die Menge des auf rätselhafte Weise verschwundenen Elektroschrotts dürfte zunehmen.