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Müllvermeider: Brot für die Tonne - wie eine Bäckerei das Wegwerf-System durchbricht

Brot, das abends noch in der Bäckerei liegt, wandert nach Feierabend in den Müll. Die "Brotretter" stoppen dieses Wegwerf-System und verkaufen Backwaren vom Vortag. Damit bieten sie nicht nur Bedürftigen preiswerte Produkte an, sondern retten auch Lebensmittel vor dem Müll.

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Seit den frühen Morgenstunden rattern in der Fabrik der Lübecker Großbäckerei Junge die Fließbänder. Sauerteige werden von Bäckermeistern angesetzt, Öfen aufgeheizt, Brötchen in Form gepresst, Dinkel wird geschrotet und ein warmfeuchter Geruch nach Hefe und Gebackenem liegt in der Luft. Eine neue Charge Brote, Brötchen und Croissants sind in Produktion, vieles ist hier automatisiert, nur damit die Auslagen am nächsten Morgen wieder prall gefüllt sind.

Bis spät in den Abend hinein sind die Regale der Hamburger Filialen der Bäckerei Junge üppig bestückt. Die Quelle, aus der die Brote und Brötchen strömen, scheint nie zu versiegen. Brötchen, Süßteilchen, weiße und dunkle Brote gibt es im Überfluss. Doch irgendwann ist Ladenschluss, die Regale nie viel leerer als am Morgen.

Also werden die übrig gebliebenen Backwaren in praktische orangefarbige und graue Plastikkörbe verpackt und mit dem Transporter wieder zurückgefahren - nach Lübeck, zum Stammsitz der Bäckerei. Rund 600 Brote werden so jeden Tag zurückgebracht,Re von etwa 100 Filialen aus dem Norden. Brote, die eigentlich einwandfrei sind, aus Hygienevorschriften aber nicht mehr verkauft werden dürfen. Also landen sie in einem großen Container und türmen sich vor der Bäckerfabrik. Sie sind Müll.

Die Regale müssen immer voll sein

"Der Verbraucher will es so", sagt Gerd Hofrichter, Sprecher des Lübecker Familienbetriebs Bäckerei Junge. "Gibt es nur noch drei Brötchen in der Auslage, kauft in der Filiale niemand mehr ein." Und auch aus betriebswirtschaftlicher Sicht müssen die Regale voller Backwaren sein. Sind sie am Abend leer, hätte man mehr Umsatz machen können. Es ist ein Teufelskreis. Einen, den Gerd Hofrichter und die Junge-Geschäftsführung durchbrechen wollten. Also verkauften sie Backwaren ab 18 Uhr zum kleineren Preis. Das funktionierte nur mäßig. Es bildeten sich lange Schlangen, die Kunden verstanden nicht, warum sie kurz vor 18 Uhr noch den vollen Preis zahlen mussten und nach 18 Uhr die Hälfte. Es brauchte eine andere Lösung.

Der 30-jährige Ionel Lupu hat sich bislang mit Gelegenheitsjobs über Wasser gehalten. Geschlafen hat er bei Freunden und in Absteigen mit der ganzen Familie. Dass eine Matratze in einem Zimmer voller anderer Menschen um die 150 Euro monatlich kostet, war für Lupu keine Seltenheit. Er ist zweifacher Vater und ursprünglich aus Rumänien. Als Lupu 14 Jahre alt war, hielt es sein Vater für richtig, seine sechs Kinder nach Deutschland zu bringen. Sie sollten es einmal besser haben als in Rumänien und hier Geld verdienen.

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Zur Schule ging Lupu nicht, ein schwerer Start für den deutschen Arbeitsmarkt. Oft genug wurde er von Vermietern, aber auch Arbeitgebern ausgenutzt. Er wusste es nicht besser. Bis ihm ein Freund von "Hinz & Kunzt" erzählte, Hamburgs Straßenmagazin, das von mehr als 500 Menschen in prekären Lebenslagen auf der Straße verkauft wird.

Um 5.30 Uhr ist Lupu heute aufgestanden. Er ist mit einem weißen Transporter mit der Aufschrift "Brotretter" auf dem Weg in die Bäcker-Zentrale nach Lübeck. An diesem Morgen arbeitet er seinen rumänischen Freund Danitz ein. Sie sind "Brotretter", das O im Logo ziert einen Rettungsring - und genau das ist Lupus Aufgabe: Er rettet Brote, Streuselkuchen und Brötchen vor dem großen Container. In Lübeck laden die beiden Rumänen den Sprinter mit Backwaren vom Vortag ein. Welche Produkte in den Filialen der "Brotretter" landen wird akribisch festgehalten. "Das muss so sein. Die Warenkette muss transparent bleiben", so Hofrichter.

"Wir waren unglücklich, wie viel Brot übrig bleibt"

Das Projekt "Brotretter" ist für die Bäckerei Junge ein Nullgeschäft. "Wir waren unglücklich, wie viel Brot übrig bleibt", sagt Hofrichter. So entstand die Idee der "Brotretter": Junge bezahlt die zwei Filialen der "Brotretter", ausgestattet sind die Bäckereien wie eine herkömmliche Filiale. Eine in Lübeck, die andere in Hamburg-Bergedorf. Seit März 2016 wird hier verkauft, was bislang in den Containern vor der Fabrik gelandet ist. Brot vom Vortag zum günstigen Preis. Einwandfreie Qualität.

"Vor allem die Vollkornbrote sind der Renner", sagt Melanie Mauritz, Filialleiterin der "Brotretter" in Hamburg-Bergedorf. Kosten die normalerweise über vier Euro, gibt es die dunklen Dinkel- und Roggenbrote bei den "Brotrettern" für 1,29 Euro. Ein Schnäppchen, die Brote halten sich bei richtiger Lagerung noch tagelang.

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Davon profitieren nicht nur Bedürftige, sondern auch gutbetuchte Kunden, die etwas Gutes tun oder aber sich mit den Verkäufern unterhalten wollen. "Die Stimmung ist hier ganz anders als in den Filialen, in denen ich bisher gearbeitet habe", sagt Melanie Mauritz. Ihre Kollegen von "Hinz & Kunzt" kommen meist aus osteuropäischen Ländern, die "sind viel offener. Nicht so zurückhaltend wie deutsche Kollegen. Es macht Spaß und ich finde es gut, dass nichts weggeschmissen wird", sagt Mauritz. Was bei den "Brotrettern" nicht verkauft wird, landet bei der Tafel, was für die Tafel nicht mehr gut ist, wird als Tierfutter verarbeitet. Ein perfekter Kreislauf.

Für die Bäckerei Junge ist das Sozialprojekt ganz klar Marken- und auch Imagebildung. Von den "Brotretter"-Filialen fällt zwar kein Gewinn ab, aber der gute Ruf ist gewiss. Für Lupu hat die Arbeit eine ganz andere Bedeutung: Erstmals hat er einen festen Arbeitsvertrag, ist krankenversichert und hat Urlaubsanspruch. In die Ferien fahren, das kannte er vorher nicht. "Für viele Osteuropäer ist die Arbeit hier ein Einstieg in das Sozialsystem. Auch wenn es kein Vollzeitjob ist. Nicht nur Ionel, sondern auch seine Familie ist krankenversichert", sagt Stephan Karrenbauer, Sozialpädagoge und politischer Sprecher bei "Hinz & Kunzt". "Es ist das rundeste Sozialprojekt, das es bislang in Hamburg gibt. Das Brot wird nicht mehr weggeschmissen und wir haben für fünf Menschen einen warmen und schönen Arbeitsplatz gefunden." Lupu schläft nicht mehr auf einer Matratze, sondern kann sich von seinem Lohn heute eine eigene Wohnung für seine Familie leisten.

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Die Fließbänder rattern weiter

Gegen 10 Uhr kommen die "Brotretter" in der Bergedorfer Filiale an, dort erwartet sie bereits Melanie Mauritz, die gemeinsam mit Lupu die Regale mit Broten und Backwaren auffüllt. Die Stammkundschaft weiß ganz genau um diesen Zeitplan. Denn nur kurze Zeit später stehen die Kunden bereits Schlange - und warten darauf, die günstigen Vollkornbrote und die abgepackten und bereits geschnittenen Roggenbrote für 49 Cent zu ergattern. An diesem Tag fällt nur eine Kundin auf, die sich nach der Frische des Brotes erkundigt. "Die sind von gestern", gibt Melanie offen zu. Und merkt später an, dass ein Brot auch nach zwei Tagen noch frisch ist. 

Im Lübecker Stammsitz der Junge-Bäckerei rattern derweil die Fließbänder munter weiter. Brote, Brötchen, Kuchen werden unaufhörlich produziert, damit die Regale morgen wieder prall gefüllt sind.