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Stephan Karrenbauer: Der Lobbyist von Hamburgs Vergessenen

Es gibt nicht viele Menschen, die sich für die Vergessenen und Schwächeren in der Gesellschaft einsetzen. Und das auch noch über Jahrzehnte. Einer von ihnen ist Stephan Karrenbauer.

Stephan Karrenbauer

Stephan Karrenbauer arbeitet als Sozialarbeiter beim Straßenmagazin "Hinz&Kunzt"

Getty Images

Stephan Karrenbauer, 56, ist ein hagerer Typ. Er trägt die Haare lang und gerne Sweatshirts, die Ärmel krempelt er immer hoch, die Symbolik der Geste fällt ihm vielleicht gar nicht mehr auf. Seit 23 Jahren arbeitet der Sozialarbeiter beim Hamburger Straßenmagazin "Hinz&Kunzt". Er kümmert sich um die Sorgen und Nöte der Verkäufer und fungiert als politischer Sprecher des Magazins. Stephan Karrenbauer wirbt für die Interessen jener, die zu oft vergessen werden: Obdachlose, Bettler, Flaschensammler. Um gehört zu werden, greift er auch mal zum Megaphon. Er ist gerne laut und unbequem. Oft genug bekomme er zu hören: "Jetzt schreit der schon wieder rum." Das sieht er dann als Kompliment: "Wer nervt, wird gehört."

Stephan hilft, wo er kann

In der Hinz&Kunzt-Redaktion im Zentrum Hamburgs. Vor der Tür stehen Männer in ausgebeulten Jacken, die Isomatten unter den Arm geklemmt. Durch eine Glasscheibe in seinem Büro im hinteren Teil des Gebäudes kann Karrenbauer den Eingangsbereich einsehen. Hier treffen sich Hinz&Künztler, Obdachlose oder Leute, die einfach mal quatschen und sich aufwärmen wollen. Einige wollen auch "zu Stephan", wie sie ihn hier nennen. Sie wissen: Stephan hilft, wo er kann, organisiert Wohnraum oder Arzttermine. Manchmal kommen auch Leute mit Liebeskummer zu ihm. Dann hört er zu, auch das hilft.

Mehr zum Thema finden Sie im stern Nr. 16

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"Kaffee?", fragt er zur Begrüßung und deutet in Richtung Tür. "Den gibt es draußen." Stephan Karrenbauer ist ein pragmatischer Mensch. Er duzt jeden und spart sich Höflichkeitsformen. Als er für eine Interviewreihe einmal nach seiner Vision für eine bessere Zukunft gefragt wurde, sagte er, es falle ihm schwer, Visionen zu entwickeln. Dafür sei er zu stark mit der Realität konfrontiert. Er sieht sich als jemand, der an der Basis tätig ist.

Als er vor 23 Jahren bei Hinz&Kunzt anfing, hätte er noch Visionen gehabt, erzählt er. Zusammen mit dem Redaktionsteam wollte er die Obdachlosigkeit in Hamburg abschaffen. "Wir waren naiv", sagt er rückblickend. "Wir dachten, wir könnten tatsächlich jedem Wohnungslosen eine Wohnung verschaffen. Total albern." Karrenbauer kam aus der Drogenberatung und hatte zuvor kaum Berührungspunkte mit Obdachlosen. Dass es so viele gab - im Jahr 2009 gab es über 1000, weniger als zehn Jahre später geht die Sozialbehörde von bereits 2000 Wohnungslosen in Hamburg aus - war ihm bis dahin nicht bewusst. "Mein Lernen fing am Tag eins an. Wer hier arbeitet, muss ein Menschenfreund sein."

Erfolg ist, wenn ein Mensch sich wieder wahrnimmt

Karrenbauer lernte unter anderem, Erfolg anders zu definieren. "Ein Erfolg ist, wenn ein Mensch sich wieder wahrnimmt. Wenn ein Mensch sagt, ich werde krank. Wenn er wieder ein Körpergespür entwickelt. Wenn ein Mensch sagt: 'Ich habe keine Zähne im Mund. Kannst du mir einen Zahnarzt empfehlen?'"

Und er lernte, kleinere Ziele zu stecken. Heute kämpft er nicht mehr für Wohnungen. Sondern dafür, dass Obdachlose ihre Quartiere wie das unter der Kersten-Miles-Brücke in St. Pauli behalten dürfen. Dass ihnen nicht auch noch diese Notunterkunft genommen wird, weil Bürger sich beschweren, dass zu viel Sperrmüll unter der Brücke liege. Karrenbauer kämpft für Pfandregale an Mülleimern. Und er macht sich stark, dass Anzeigen gegen Pfandsammler zurückgenommen werden, wenn sie an Bahnhöfen im Müll suchen. Er versucht, im Kleinen das Maximale rauszuholen.

Und doch scheint es ein Kampf gegen Windmühlen zu sein. Ob ihn das nicht müde macht? "Oh, ja." Warum tut er sich das dann überhaupt an? Er überlegt eine Weile. "Ich möchte mich nicht mit Ungerechtigkeiten abfinden. Dass Arm und Reich immer weiter und schneller auseinander driften", sagt er schließlich. "Und wegen der Anerkennung. Von den Lesern. Von den Obdachlosen. Das hilft, die Arbeit über so viele Jahre durchzuhalten."

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Täglich sieht er das Elend

Mit den Jahren, so glaubt Stephan Karrenbauer, nehme das Gespür für die Menschen auch nicht ab. Erst heute Morgen sei ihm ein Obdachloser begegnet, der vor einem Schaufenster mit handgenähten Schuhen stand. Stückpreis: mehrere hundert Euro. "Er machte riesige Augen. Entweder war er über den Preis der Schuhe erstaunt oder über ihre Schönheit", sagt Karrenbauer. "Ich bin an ihm vorbei gelaufen und wusste, ich könnte mir diese Schuhe kaufen. Ich tue das nicht, aber ich könnte das. Für ihn schien das unendlich weit weg. Schon scheiße." Er überlegt eine Weile und schiebt hinterher: "Es ist nicht so, dass man abgebrühter wird."

Beinahe täglich ist er mit Elend konfrontiert. Umso mehr zehrt er von den schönen Geschichten - wie die von der Karstadt-Verkäuferin, die sich vor Jahren in einen obdachlosen Hinz&Kunzt-Verkäufer verliebte. Das Paar heiratete, bekam einen Sohn. Letztes Jahr machte der sein Abitur. Und kam für ein Praktikum in die Redaktion. "Er wollte wissen, was dieses Hinz&Kunzt ist, von dem ihm sein Vater so viel erzählt hatte", sagt Karrenbauer.

Die weniger schönen Geschichten nimmt Karrenbauer nach Feierabend mit nach Hause. Es beschäftigt ihn, wenn Menschen wieder abrutschen, kriminell werden. "Da sitze ich dann und überlege, wo ich sonst noch arbeiten könnte." Er verstummt. "Aber da fällt mir nichts ein."

Er nimmt einen Schluck aus seiner Kaffeetasse und lehnt sich in seinem Bürostuhl zurück. An der Wand hinter ihm hängt ein Lebkuchenherz, das ihm irgendjemand geschenkt hat. Darauf steht in Buchstaben aus Zuckerguss nur ein Wort:  "Danke".

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