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Altkleider: Caritas-Mitarbeiterin: "Die Qualität der Spenden ist deutlich schlechter geworden"

Andrea Hniopek arbeitet bei der Caritas in Hamburg. Jeden Monat bekommt sie eine Tonne an Kleiderspenden. Im Gespräch mit dem stern erzählt sie, wer auf die Kleidung angewiesen ist, welche Teile benötigt werden - und welche Klamotten niemand haben will.

Von Julia Rau

Andrea Hniopek, Abteilungsleiterin Existenzsicherung und Praktikantin Luise Fuchs in der Caritas Hamburg

Andrea Hniopek, Abteilungsleiterin Existenzsicherung und Praktikantin Luise Fuchs in der Caritas Hamburg

Frau Hniopek, Sie leiten die Abteilung Existenzsicherung der Hamburg. Wer kommt zu Ihnen in die Kleiderkammer?
Es kommen vor allem Männer zu uns in die Kleiderkammer, überwiegend obdachlose Menschen mit Migrationshintergrund. Frauen und Familien kommen eher selten. Wir führen keine Statistik, da wir die Anonymität nicht auflösen möchten. Die meisten Leute, die hierher kommen, haben kein eigenes Einkommen und keinen Anspruch auf staatliche Hilfen. Sie sind meist von absoluter Armut betroffen.

Können Sie ungefähr sagen, wie viele Personen pro Woche die nutzen?
Wir können pro Öffnungszeit 12 Menschen mit neuer Kleidung versorgen und haben viermal die Woche geöffnet. Die Menschen warten im Vorraum und nur eine Person betritt dann die Kleiderkammer. Die darf in Ruhe aussuchen und anprobieren.

Wie viele Kleidungsstücke darf sich jeder Besucher aussuchen?
So viele, wie er oder sie benötigt. Die Leute haben einen unterschiedlichen Bedarf. Manche leben in prekären Lebenssituationen und haben häufig nicht die Möglichkeit, Kleidung zu waschen. Anderen werden die Sachen geklaut oder sie gehen verloren. Wenn jemand hierher kommt, der nichts hat, bekommt er, was er braucht.

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Was lässt sich über die Qualität der Kleidung sagen, die hier abgegeben wird?

Immer wieder sind Kleidungsstücke, die bei uns abgegeben werden, verschlissen und nicht mehr tragbar. Es werden aber auch sehr hochwertige Kleidungsstücke bei uns abgegeben. Es kommt auch vor, dass Leute oder Firmen Designeranzüge spenden. Dann hängen Ballkleider zwischen Abendkleidern und Anzügen. Es ist gut, dass wir so eine Vielfalt haben, weil Menschen auch vielfältig sind. Die Geschmäcker sind unterschiedlich. Ballkleider brauchen wir weniger, aber Anzüge sind viel beliebter als man denkt.

Wie hat sich die Qualität der Materialien im Laufe der Jahre verändert?
Die Qualität der Spenden ist in den Jahren deutlich schlechter geworden. Billigware müssen wir vielfach entsorgen. Diese kommt hier schon in einem Zustand an, der einfach qualitativ minderwertig ist und auch für eine Kleiderkammer nicht mehr zu gebrauchen ist.

Aus welchen Beweggründen wird Kleidung in der Kleiderkammer abgegeben?
Das ist unterschiedlich. Es gibt Leute, die möchten ihre Sachen irgendwo loswerden. Und dann gibt es andere, die sich freuen, wenn ihr Kleiderschrank leer ist, um neu einzukaufen. Und dann gibt es natürlich auch Menschen, die richtig gucken und spenden. Sie denken, jetzt ist es draußen kalt, dann schaue ich in meinem Schrank nach warmer Kleidung, sortiere diese aus und bringe sie vorbei. Wir haben auch immer wieder ganz besondere Aktionen. Da hatte beispielsweise gerade jemand aus Bayern ganz viel Kleidung in seinem Umfeld gesammelt und hierher gebracht. Der tut es, weil er was Gutes tun will, das muss man auch ganz klar anerkennen. Also ich würde sagen, die allermeisten haben eine gute Absicht.

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Gibt es denn auch Menschen, die fragen, was mit den Spenden passiert?

Ja, die gibt es. Manche fragen auch ganz gezielt an: "Was passiert mit dieser Kleidung? Geben Sie die Kleidung kostenlos ab? An wen geben Sie die Sachen? Wenn Sie Geld nehmen, wofür nehmen Sie das Geld und was passiert mit der Kleidung, die Sie nicht brauchen?" Da sieht man, dass sich viele mit dem Thema "Kleiderspenden" auseinandersetzen.

Können Sie etwas zur Menge der Kleidung sagen: Wie viel wird pro Woche abgegeben?
Ich schätze, wir sammeln etwa eine Tonne pro Monat.

Wie weit übersteigt das den tatsächlichen Bedarf?
Ich würde es andersherum formulieren: Die Kleidung, die hierher kommt, wird sortiert und wir geben nur das raus, von dem wir denken, dass die Leute das auch noch tragen können. Kleidung ist ja mehr als ein Schutz. Sie ist identitätsstiftend, sagt etwas über meine soziale Stellung aus. Es ist auch wichtig, dass Menschen in Armutssituationen Kleidung haben, in der sie sich wohlfühlen. Es kommt sehr viel Kleidung zu uns, aber wir können nur fünf bis zehn Prozent davon wirklich nutzen. .

Was passiert mit dem Rest der Spenden?

Es gibt Kleidung, die für uns unpassend ist, aber für die es in anderen Einrichtungen einen Bedarf gibt. Die ungewaschen ist oder bei der zum Beispiel ein Knopf fehlt. Die geben wir an das Sozialkaufhaus von IN VIA Hamburg ab. Sie können Kleidung waschen, flicken und haben Upcycling-Projekte und zudem mit Frauen und Kindern eine andere Zielgruppe. Kleidung, die überhaupt nicht mehr verwertbar ist, geht in den Recyclingprozess. Einmal pro Woche kommt ein Recycling-Unternehmen und holt die Sachen ab. Bestimmte Kleidungsstücke wie Handtücher und Bettwäsche verteilen wir auch auf unsere sozialen Projekte. Also nichts verschwindet, nur weil wir es nicht gebrauchen können. Wir setzen uns damit auseinander - das ist richtig viel Arbeit.

Können Sie an Beispielen sagen, was gebraucht wird? Und was überhaupt nicht?

Wir brauchen klassische Herrenkleidung für Männer bis zu 170 Zentimeter und um die 60 Kilo, Winterjacken aller Größen, Herrenschuhe aller Größen, Unterwäsche und Strümpfe. Wir sind auch auf Spenden angewiesen, – da Unterwäsche und Strümpfe immer neu gekauft werden müssen.

Was benötigen Sie überhaupt nicht?

Kleidung für ältere Menschen über 70. Kleidung, die zerrissen ist. Kleidung, die altmodisch ist, wird auch bei uns nicht mehr genommen. Und wir brauchen keine Gegenstände. Ich bekomme ganz häufig Angebote wie: zehn Jahre alte Matratze, nur fünf Flecken drauf, hat 1000 Mark gekostet.

Was ist mit den Abendkleidern?
Die bringen wir auch ins Sozialkaufhaus, die freuen sich darüber.

Was wünschen Sie sich von den Leute, die Sachen spenden?

Ich würde mir wünschen, dass mehr Kleider gespendet werden, die brauchbar sind. Der Mensch, der uns hier was spendet, sollte sich fragen: "Kann diese Kleiderspende eine andere Person auch noch tragen?" Also Qualität, Mode, Zustand - da hat man manchmal das Gefühl, dass sich einige Menschen darüber zu wenig Gedanken machen

Was verdienen Sie am Verkauf der Kleidung?
Wir bekommen etwa 30 Euro im Monat für ungefähr 500 Kilo, die wir durch den Verkauf an Recyclingbetriebe einnehmen. Das ist nicht der Rede wert.

Wie viele Kleidercontainer der Caritas stehen in Hamburg?

Die Caritas in Hamburg hat keine Container mehr.

Was raten Sie jemanden, der vor seinem Kleiderschrank steht, und aussortieren möchte?
Er sollte die Kleidungsstücke einmal durchsehen und die Qualität prüfen. Dann kann man gerne alles herbringen und wir sortieren das. Wenn eine Hose natürlich gar nicht mehr zu gebrauchen ist, dann kann sie ruhig in einen Container. Wenn jemand der Meinung ist, die Kleidung ist in einer guten Grundqualität, dann kann er die komplette Marge hier abgeben, auch wenn wir Kinderkleidung nicht brauchen, die geben wir gerne weiter. Wir können von niemandem erwarten, dass er jetzt drei, vier Kleiderkammern abklappert. Aber man sollte überlegeben, ob die Kleiderspende wirklich Sinn macht. Wir haben im letzten Jahr beispielweise eine Lieferung mit Schuhen bekommen. Das waren alles hochwertige Schuhe – nur leider immer nur ein Schuh pro Paar.

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