HOME
Stern Spezial

Soex in Bitterfeld-Wolfen: Lumpen machen Leute: Zu Besuch in der größten Altkleider-Fabrik der Welt

In Bitterfeld befindet sich einer der größten Textilrecycler der Welt. 70.000 Tonnen Altkleider werden hier pro Jahr verarbeitet. Die fast 500 Arbeiterinnen suchen nach ganz bestimmten Kleidungsmitteln. Ein Ortsbesuch.

In dreißig Minuten schaffen die beiden Männer zwölf Tonnen mit Textilien, Schuhen oder Bettdecken weg

In dreißig Minuten schaffen die beiden Männer zwölf Tonnen mit Textilien, Schuhen oder Bettdecken weg

Die Zwillinge sind ein eingespieltes Paar, äußerst gefragt, wenn es bei der Firma Soex um das Entleeren der Lastwagen geht. Dann sitzt jede Bewegung, dann fliegen prall gefüllte Müllsäcke wie Geschosse durch die Luft und landen zielgenau in ihren Gitterkästen. In dreißig Minuten schaffen die beiden Männer zwölf Tonnen mit Textilien, Schuhen oder Bettdecken weg - bei dieser Fuhre, die aus dem friesischen Jever kommt, außerdem eine Stereoanlage, Bügeleisen und Kinderbibel sowie zwei Motorradhelme, die krachend im Sondermüll-Container aufschlagen.

"Was durch den Schlitz eines Altkleider-Container passt, wird da auch reingeschmissen", erklärt einer der Zwillinge. Zu Jahresbeginn landete der eine oder andere Tischweihnachtsbaum hier, manchmal wird Munition gefunden, legendär ist die lebende Schildkröte, die einst aus einem Altkleidersack purzelte und ins Tierheim weiterreiste. Am schlimmsten aber sind aufplatzende Windelsäcke, dann taugt eine komplette Fuhre nur noch zum Verbrennen.

Soex in Bitterfeld: Ein Blick hinter die Kulissen einer Altkleider-Fabrik
In einem Gewerbegebiet im sachsen-anhaltinischen Bitterfeld-Wolfen steht das Sortierwerk der Soex Group, einem der größten Textilrecycler der Welt. 

In einem Gewerbegebiet im sachsen-anhaltinischen Bitterfeld-Wolfen steht das Sortierwerk der Soex Group, einem der größten Textilrecycler der Welt. 

Einer der größten Textilrecycler der Welt

In einem Gewerbegebiet im sachsen-anhaltinischen Bitterfeld-Wolfen steht das Sortierwerk der Soex Group, einem der größten Textilrecycler der Welt. Und mit 700 Mitarbeitern wichtiger Arbeitgeber in der einstigen Industriemetropole der DDR, der "dreckigsten Stadt Europas", die heute noch immer Industrielandschaft ist, wohin man auch schaut, aber fast ohne Rauch aus Schornsteinen.

Mehr zum Thema finden Sie im stern Nr. 16

Mehr zum Thema finden Sie im stern Nr. 16

An die 30 Lastwagen mit insgesamt rund 400 Tonnen Altkleidung aus halb Europa rollen täglich auf das Gelände von Soex. Das entspricht einem Gewicht von 1,2 Millionen T-Shirts. Ein Laster folgt auf den anderen, vor und hinter ihnen führen Gabelstapler ein PS-Ballett auf, während sie leere Gitterkäfige gegen volle tauschen und den Abfall ins Innere riesiger Hallen schaffen, wo er nach und nach zu einer wertvollen Handelsware wird.

Zu den Kunden gehören H&M und Hunkemöller

Sämtliche Textilien kommen aus gemeinnützigen und gewerblichen Containersammlungen, für deren Inhalt Soex zahlen muss - entweder per Container-Stellplatzgebühr oder zu einem Tonnenpreis. In Deutschland werden pro Jahr eine Million Tonnen Altkleider aus etwa 120.000 Containern gesammelt. Allein in Bitterfeld werden 70.000 Tonnen davon verarbeitet. Zu den Kunden von Soex und dem Tochterunternehmen I:Collect gehören auch Firmen wie H&M und C&A, Levi Strauss und Hunkemöller. Sie schicken die vom Kunden abgegebenen Altkleider an Soex, aber auch beschädigte oder unverkaufte Ware, die für die nächste Kollektion Platz machen muss.

Herzstück des Unternehmens ist die Sortierung mit ihren 500 Arbeiterinnen. Fast nur Frauen sind es, die Mäntel, Hosen, T-Shirts und Schuhe nach Produkt und Qualität sortieren. Sie trennen in Denim, Strumpfhosen, Plüschtiere oder Kinderkleidung, immer feiner und kleinteiliger wird sortiert - und zwar im Stehen und per Hand, was schwer auf die Arm- und Rückenmuskulatur geht, und der Grund dafür ist, dass jederzeit der Beistand eines Physiotherapeuten aufgesucht werden kann.

Suche nach der Creme-Qualität

Die Luft in der Sortierung ist staubig, doch die Ware, mit der hantiert wird, stinkt weit weniger streng, als man erwarten würde. Über den Köpfen der Frauen schweben Transportsäcke voller Altkleider, die ihren bis zu 80 Kilo schweren Inhalt automatisch über den Sortiertischen entleeren, sobald Platz geschaffen wurde. Neulich war das Team vom Tatort hier, erzählt eine der Frauen, verraten werden darf nichts, ist ja klar, aber man muss kein Krimi-Fan sein, um sich vorzustellen, was da zwischen Pullis und Unterhosen gefunden wird.

Bei Soex gilt die Faustregel: Mit 10 Prozent der Waren werden 50 Prozent des Umsatzes gemacht. Deshalb halten die Sortiererinnen vor allem nach der sogenannten Creme-Qualität Ausschau, nach Kleidung, die form-, farbstabil und modern ist oder das Kaufinteresse von modebewussten Vintage-Liebhabern treffen muss. Um zum Beispiel in den "Pick & Weight"-Stores in Berlin, Hamburg und München nach Gewicht verkauft zu werden.

Zweites Leben im Auto

Weitere 50 Prozent des angelieferten Abfalls werden vom Bitterfelder Werk aus zu riesigen Würfeln zusammengeschnürt, um auf den Second-Hand-Märkten in Afrika verkauft zu werden, aber auch in Osteuropa und Asien. Soex exportiert in etwa 80 Länder. Fast drei Viertel der Weltbevölkerung, so schätzt man, nutzt Second-Hand-Kleidung.

Nur 15 Prozent der Altkleider enden in Bitterfeld als Putzlappen oder Feudel, weitere 15 Prozent landen in der Reißerei. Hier riecht es muffig, es dröhnen die Maschinen, es staubt und ist menschenleer. Alttextilien werden auf riesigen Walzen gekämmt, zerhackt und geschreddert, mit Reißnadeln zerfasert, in Röhren gesaugt, bis eine Fasermasse übrig bleibt, die zu Malervlies oder Dämmstoff verarbeitet wird, oder in der Autoindustrie im Autohimmel, als Fußraumisolierung oder Hutablage ein zweites Leben führt.

Ganz am Ende der Recyclingkette plumpsen schwarzgraue Briketts aus eingesaugtem und dann gepresstem Staub auf ein Förderband - ein hässlicher, aber nützlicher Rohstoff für die Papierindustrie.

Mehr zum Thema Müll finden Sie im aktuellen Heft: