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TV-Kritik

"Hartz und herzlich": RTL2 bei Hartz-IV-Empfängern: Ist das noch Sozialdoku oder schon Armutsporno?

Die erfolgreiche RTL2-Dokureihe "Hartz und herzlich" ist zu Gast im Rostocker Blockmacherring. Sie zeigt das Leben von Messies, Alkoholikern und Müttern, denen das Jugendamt die Kinder weggenommen hat. Ist das noch Sozialreportage oder schon Armutsporno?

Eine Bewohnerin des Blockmacherrings in Rostock

Eine Bewohnerin des Blockmacherrings in Rostock

Das Seebad Rostock-Warnemünde verfügt über den bedeutendsten Kreuzfahrthafen und den breitesten Sandstrand der deutschen Ostseeküste. Doch schon wenige Kilometer entfernt ist vom mondänen Urlaubsgefühl nichts mehr übrig. Unmittelbar südlich an Warnemünde grenzt der Stadtteil "Groß Klein". Hier bestimmen lange Reihen von Plattenbauten das Bild, zum Schutz gegen den Seewind sind die Hochhaus-Ensemble halbkreisförmig errichtet. Hier, im berüchtigten Blockmacherring, sind besonders viele Bewohner arbeitslos und leben in Armut: der perfekte Schauplatz für die RTL2-Reihe "Hartz und herzlich".

Nach der Eisenbahnsiedlung von Duisburg, den Benz-Baracken von Mannheim und den Plattenbauten von Bitterfeld-Wolfen nehmen sich die Macher der quotenstarken Prime-Time-Dokureihe nun den Blockmacherring von Rostock vor. Über Monate haben Kamerateams die Bewohner im Alltag begleitet, ihre Sorgen und Nöte dokumentiert, aber auch nach Momenten der Hoffnung und des Zusammenhalts gespürt.  

Alkoholiker, Messies und überforderte Mütter

Die dargestellten Einzelschicksale sind hart. Da ist zum Beispiel Sandra, 34 Jahre und arbeitslose Mutter von fünf Kindern. Obwohl sie ihre Kinder über alles liebt, hat sie das Sorgerecht für die 6- bis 17-Jährigen an das Jugendamt verloren. Zu chaotisch geht es in ihrem Haushalt zu, das Amt sah das Kindeswohl gefährdet. Immerhin: Drei der Kinder - Angelo, Jasmin und Svenja - dürfen dreimal die Woche bei ihr und ihrem Mann Tino übernachten, den Rest der Zeit leben sie in einer WG für betreutes Wohnen. Sandra würde gerne arbeiten, doch gelernt hat sie nichts. Ihr erster Mann hielt nichts davon und bevor sie eine Ausbildung anfangen konnte, war sie auch schon mit dem ersten Kind schwanger.

Auf dem gleichen Flur zwei Wohnungen weiter wohnt Schmidti, 56 Jahre, in seiner Ein-Zimmer-Wohnung. Schmidti ist erwerbsunfähig, die Folge zweier Schlaganfälle. Was nicht heißt, dass er vorher eine lückenlose Erwerbsbiographie aufweisen kann. Er war mal zwei Jahre Lkw-Fahrer - bis die Polizei bemerkte, dass er gar keinen Führerschein besaß. Nicht das einzige Mal, dass Schmidti mit dem Gesetz in Konflikt kam. Auch Alkohol am Steuer und Sachbeschädigung stehen in seiner Akte. Fast ein Drittel seines Lebens hat er im Gefängnis verbracht - 17 Jahre, drei Monate und vier Tage, um genau zu sein. "Ich hab mein halbes Leben verschenkt, ich Idiot", sagt Schmidti. 265 Euro hat er nach Miete und Nebenkosten im Monat zum Leben übrig, sagt er. Vier, fünf Bier helfen ihm über den Tag, "ein kleines Alkoholproblem", wie er zugibt. Allerdings würde er sich nicht besinnungslos betrinken, wie manch anderer, das ist ihm wichtig. Dennoch sagt er über sich: "Ich seh' mich ganz weit unten."

Ebenfalls im Block lebt der 30-jährige Martin. Auf den ersten Blick erscheint er fit und voller positiver Energie. Doch auch bei ihm liegt einiges im Argen. Zusammen mit seiner Freundin, die unter Multipler Sklerose leidet, wohnt Martin in einer Vier-Zimmer-Wohnung. Zumindest formal gesehen. Denn tatsächlich leben und schlafen die Beiden ausschließlich im Wohnzimmer. Die übrigen Räume sind so verdreckt und zugemüllt, dass sie praktisch unbewohnbar sind. Ein Zimmer nennen sie das "Spukzimmer", erzählt Martin lächelnd, weil da manchmal seltsame Geräusche heraustönten und einen Schatten habe seine Freundin auch schon vorbeihuschen sehen. Als TV-Zuschauer kann man die Mäuse schon vor dem inneren Auge sehen.

Sozialreportage oder Armutsporno?

Ist das jetzt noch empathische Sozialreportage oder schon Armutsporno, bei dem einzelne Protagonisten vorgeführt werden?, fragt man sich spätestens an dieser Stelle. Denn einerseits bedienen die Macher - immerhin die renommierte Produktionsfirma Ufa - natürlich den Voyeurismus der Zuschauer: So sieht es also im Wohnzimmer von Menschen am Rande der Gesellschaft aus. Aha. Gut, dass es uns besser geht.

Andererseits zeigt die Reportage eben ungeschönt, wie das Leben mancher Hartz-IV-Empfänger tatsächlich aussieht. Welche Nöte sie plagen, wie sie unter ihrer Perspektivlosigkeit leiden und welche kleinen Freuden ihren Lebensmut erhalten. Die Betroffenen selbst jedenfalls scheinen vor allem froh zu sein, dass sich jemand für sie interessiert. Dass sie ihre Geschichten erzählen können. Wie repräsentativ die für Hartz-IV-Empfänger insgesamt oder auch nur die übrigen Bewohner im Block sind, sei dahingestellt. Aber zumindest wirken sie echt.

"Hartz und herzlich - Der Blockmacherring von Rostock". Der zweite Teil läuft am Dienstag, 5. Juni um 20:15 Uhr auf RTL2