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Altkleider bei der Caritas: "Wer soll denn das noch anziehen?"

Maximal zwölf Personen, dann ist Schluss: Bei der Caritas in Hamburg herrscht oft reger Andrang. Wer zu spät kommt, muss ohne Kleidung wieder gehen. Doch nicht alle Kleiderspenden sorgen für Begeisterung.

Von Julia Rau

An die Regale dürfen nur Mitarbeiter, Besucher bestellen bei ihnen, was sie benötigen

An die Regale dürfen nur Mitarbeiter, Besucher bestellen bei ihnen, was sie benötigen

Donnerstag, 14.30 Uhr. Die Kleiderkammer der in St. Georg ist seit 30 Minuten geöffnet. Vor der Eingangstür der Zentrale des Verbands ist noch keine Schlange. Pro Öffnungszeit dürfen sich zwölf Personen in der Kammer einkleiden, rein darf nur, wer sich beim Pförtner eine Nummer abholt. Heute sind fünf Besucher gekommen, jeder von ihnen kann etwas mit nach Hause nehmen, das er braucht. Das sei aber leider nicht immer so, erklärt Timo Spiewak, Pressesprecher der Caritas. Häufig ist der Andrang größer. Wer zu spät kommt, muss ohne Kleidung wieder gehen.

Eine Treppe führt nach unten in den Keller des Gebäudes. Vor der Tür zum Warteraum liegen Rucksäcke und zwei mit Stoff gefüllte Tüten, die wohl gerade abgegeben wurden. In zwei Gitterwagen sammeln die Caritas-Mitarbeiter all das, was sie nicht gebrauchen können: Kleidung, die besser in Sozialkaufhäusern verkauft werden kann und Zerschlissenes für den Textilverwerter.

Anhand dieser Bilder können Menschen die in die Kleiderkammer kommen und zeigen, was sie brauchen.

Anhand dieser Bilder können Menschen die in die Kleiderkammer kommen und zeigen, was sie brauchen.

Mode ist ein Teil der Individualität

Im Warteraum trifft kaltes Neonlicht auf gelbe, bilderlose Wände, Fenster gibt es keine. In einer Ecke sitzen drei afrikanische Jungs um die 20 an einem Tisch und warten ungeduldig auf neue Kleidung. Immer wieder stehen sie auf und klopfen an die Tür. An einer Glaswand zwischen Warteraum und hängt eine Preisliste: Drei Teile 50 Cent, vier bis sechs Teile kosten einen Euro. Die Beträge sollen vermitteln, dass die Dinge nicht wertlos sind - wer das Geld nicht hat, darf trotzdem so viel mitnehmen, wie er benötigt.

Die Kleiderkammer hinter dem Warteraum könnte nicht gegenteiliger sein: Bis unter die Decke reichen zwei Regale voller Schuhe, sobald man durch die Türe tritt. Auf der Seite hat man eine Umkleide improvisiert - Metallschienen halten einen Vorhang, auf dem Boden steht ein kleiner Spiegel. Auch hier ist Mode nicht nur Schutz vor Kälte oder Nacktheit, sondern Teil der Individualität.

Ein Mann, knapp 40, hält eine Tasche in der Hand, betrachtet sein Bild auf der spiegelnden Oberfläche – dann wählt er doch den Rucksack. Die Tasche landet wieder auf der Theke, die den Besucher von den wohlsortierten Kleidern trennt. An die Regale dürfen nur Mitarbeiter, Besucher bestellen bei ihnen, was sie benötigen. Bei Sprachproblemen hilft ein beschriftetes Schaubild: Wer auf eine Hose zeigt, bekommt auch eine Hose.

Soex in Bitterfeld: Ein Blick hinter die Kulissen einer Altkleider-Fabrik
In einem Gewerbegebiet im sachsen-anhaltinischen Bitterfeld-Wolfen steht das Sortierwerk der Soex Group, einem der größten Textilrecycler der Welt. 

In einem Gewerbegebiet im sachsen-anhaltinischen Bitterfeld-Wolfen steht das Sortierwerk der Soex Group, einem der größten Textilrecycler der Welt. 

"Wenigstens ist er gewaschen"

Drei Regale teilen den schwach beleuchteten Raum, jedes von ihnen ist bis oben hin gefüllt. Links liegen Frauen-, rechts Männerkleider, in der Mitte hängen Jacken und Mäntel, in einem Regal darüber liegen Schlafsäcke, Kisten und ungeöffnete blaue Müllsäcke. Jedes Fach ist einer Größe zugeordnet, jedes Kleidungsstück ordentlich gefaltet und gestapelt. Anzüge, Hemden und Blusen hängen auf zwei separaten Kleiderständern. Zwei ältere, ehrenamtliche Mitarbeiterinnen laufen auf und ab, bringen das, was gewünscht wird, hängen zurück was nicht passt. Die Gänge sind so eng,  dass sie nicht an einander vorbei gehen können.

Im hinteren Teil des Raums befindet sich eine weitere Kammer, hier steht ein Regal voller Handtücher und nagelneuer Unterwäsche. Vieles wird aus Hygienegründen dazugekauft. Gegenüber ist eine Kleiderstange befestigt. Auf dem Boden liegen mindestens 20 Plastiktüten, in den Ecken und im Gang rund 40 ungeöffnete blaue Säcke, alle gefüllt mit Kleidung.

Eine Frau hat in ihrem Bekanntenkreis gesammelt und hundert Säcke voll aussortierter Kleidungsstücke abgegeben. Sie könne das jeden Monat machen, hat sie bei der Übergabe versichert - in der Kleiderkammer aber kommt man mit dem Sortieren kaum nach. Nicht alles, was die Mitarbeiter auf dem Sortiertisch auspacken, ist noch tragbar. Gerade zieht eine der Damen einen Männerslip aus einer Tasche, er sieht aus als wäre er schon Jahre getragen worden. "Wenigstens ist er gewaschen", sagt sie und wirft ihn in die Recyclingtüte. "Wer soll denn das noch anziehen?"

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