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Verpackungen: Alle hassen Plastik. Dabei ist es eigentlich der perfekte Müll.

In Berlin Hellersdorf befindet sich eine der modernsten Sortieranlagen des Landes: 140.000 Tonnen Verpackungsmüll landen hier pro Jahr. Alles läuft automatisiert. Doch ganz ohne menschliche Hilfe schafft es die Technik nicht, den Wohlstandsmüll zu trennen.

Mitten im Chaos von Förderbändern, sich drehenden Riesentrommeln und lärmenden Häckslern sitzt Michael Wurbs in einem kleinen Raum vor einer Batterie von Monitoren. "Ich gucke den ganzen Tag Müllfernsehen", sagt der gelernte Schlosser und grinst. Wurbs ist der erste, der merkt, wenn etwas in der vier Stockwerke hohen Halle in Berlin Hellersdorf nicht mehr rund läuft. Hier wird der Verpackungsmüll der Millionenstadt Berlin, aber auch anderer Gemeinden in ganz Norddeutschland, sortiert. 140.000 Tonnen im Jahr, in einer der größten und modernsten Sortieranlagen des Landes. Aus weitem Umkreis wird hier Müll, Verzeihung: Wertstoff, angeliefert.

Wie um zu beweisen, dass ohne Wurbs nichts läuft, bleiben plötzlich die Bänder leer. Ein schneller Blick über die Bildschirme, dann zeigt er auf eine nicht mehr drehende Stahltonne und greift zum Funkgerät. "Es ist die Windsichtung", ruft er und irgendwo in dem stählernen Ungetüm läuft ein Kollege mit einer soliden Eisenstange los, um in einer mit Plastik verstopften Trommel zu stochern, bis ein dicker Brocken Folien, Plastikflaschen und Blechdosen zum Vorschein kommt und auf das leere Förderband plumpst, das ihn in hohem Tempo wegträgt.

Dunkel, stickig, laut, klebrig, gefährlich

Die Anlage muss laufen, sonst türmen sich schnell die Müllberge in der Anlieferhalle, dem Beginn des Sortierprozesses. Rund 28.000 Lkw-Ladungen kommen hier im Jahr an. Die Maschinen laufen fünf Tage die Woche, 24 Stunden am Tag. Samstags wird repariert und gewartet.

Verpackungsmüll: Plastik für die Ewigkeit: Das zweite Leben der Chipstüte
Im Gelben Sack verlässt der Kunststoffmüll die meisten Haushalte. Bei Alba in Berlin Hellersdorf geht es dagegen nun erst richtig los.

Im Gelben Sack verlässt der Kunststoffmüll die meisten Haushalte. Bei Alba in Berlin Hellersdorf geht es dagegen nun erst richtig los.

Ein riesiger Radlader jongliert sich durch den steten der Mülllaster und befördert die angelieferten gelben Säcke zunächst in den Trichter eines gewaltigen Reisswolfs. Der "Gebindeöffner" zerreißt die Säcke und lockert den Inhalt. Zwischendurch türmt der Bagger den "Wertstoff"-Haufen immer wieder auf, um Platz zu schaffen für die nächsten Lkw. Die Luft in der Anlieferungshalle ist schwer von einer Mischung aus süßlichem Müllduft und Dieselabgasen.

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Nach dem Reisswolf bringen Förderbänder den Verpackungsabfall in die eigentliche Sortierhalle, einem fast apokalyptischen Ort: dunkel, stickig, laut, klebrig, gefährlich. Ein paar Fußbälle weigern sich wohl schon länger diesen Weg zu gehen und hüpfen am Beginn der Förderanlage herum. Bis auf den Radladerfahrer sind sie die einzigen Lebenszeichen hier.

Was falsch ankommt, wird manuell sortiert

Erste Station der Sortierung sind drei gewaltige Stahltrommeln mit rund vier Metern Durchmesser. In den Trommeln werden große Teile in einem ohrenbetäubend lauten Prozess von kleinen getrennt. Groß ist besser, weil leichter zu sortieren. Ganz kleine Plastikschnipsel fallen hier buchstäblich durch den Rost und gehen direkt zur Verbrennung.

Dann wird immer weiter aufgespalten und auf immer mehr parallelen Wegen mechanisch sortiert: Magnete ziehen Eisen aus dem Verpackungsmüll, transportieren es nach unten. Gebläse saugen leichte Folien nach oben, Infrarotkameras erkennen in Sekundenbruchteilen verschiedene Kunststoffarten und pusten sie mit gezielten Druckluft-Strahlen in die richtige Richtung.

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Alle Bänder laufen schließlich in der Nähe des Kontrollraums von Michael Wurbs wieder zusammen. In einem abgeschotteten Bereich, jenseits von Staub und Lärm im Rest der Halle, kontrollieren sieben Alba-Mitarbeiter, ob die Sortierung geklappt hat. Bloß der süßlich-schwere Geruch ist der Gleiche. Was hier falsch ankommt, wird manuell aussortiert und mit traumwandlerischer Sicherheit und ohne zu gucken in den richtigen "Wertstoffstrom" geworfen. Denn ganz ohne menschliche Hilfe schafft es die Technik nicht, den Wohlstandsmüll von Millionen zu trennen.

"Am schlimmsten sind die Videokassetten"

"Hier kommt alles Mögliche an", erzählt Wurbs und blickt nur kurz von seinen Monitoren auf. "Steine, Stofftiere, Stereoanlagen und sogar ganze Motorblöcke. Das gehört zwar alles nicht in den gelben Sack, aber was soll man machen. Aber am schlimmsten sind die Videokassetten."

Die wickeln sich erst ab und dann an den unmöglichsten Stellen der Anlage wieder auf und sorgen für Verstopfungen. Überall sieht man sie als lange Flatterbänder herumhängen. "Die machen uns viel Arbeit", sagt Wurbs, der seit zehn Jahren den Job macht. "Eine gute Arbeit,", findet er, "und an den Geruch gewöhnt man sich schnell." Gerade saust ein eingeschaltetes Handy über ein Förderband, dass irgendjemandem in seinen gelben Sack gefallen sein muss. Der Startbildschirm leuchtet blau. Schon ist es weg. Auch Münzen, meist Centstücke, werden reihenweise wegsortiert.

Am Ende landen die Wertstoffe in zwölf verschiedenen Haufen, die zu kubikmetergroßen Ballen gepresst werden. Sie werden gekennzeichnet und einige noch mal in Folie verschweißt, damit sie nicht auseinanderfallen, und auf dem Hof gestapelt. Als Abtrennung zwischen den verschiedenen Wertstoff-Fraktionen dienen alte Stücke der Berliner Mauer. Alba hatte einst den Auftrag bekommen, sie zu entsorgen und hat ihnen hier ein zweites Leben gegeben. Auf dem Wertstoffhaufen der Geschichte.

Ziel der ganzen Sortiererei ist die stoffliche Verwertung, also die Nutzung des Abfalls zur Herstellung neuer Dinge. Für sie sind in Deutschland Quoten vorgeschrieben, die erreicht werden müssen. Bei Plastik sind das 36 Prozent, bei Aluminium- und Verbundverpackungen (z.B. Tretra-Packs) sind es 60 Prozent, bei Weißblech und Papier 70 Prozent und bei Glas 75 Prozent. Der Rest darf verbrannt und als Schlacke deponiert werden. Laut Umweltbundesamt werden diese Quoten in Deutschland "sicher" übertroffen.

Anlage zur Kunstoffverwertung in Eisenhüttenstadt

Wer sich mit dem Thema Plastikmüll beschäftigt, lernt schnell: Kunstoff ist nicht gleich Kunststoff. Und das Recycling ist aufgrund der Vielfalt der Stoffe besonders aufwendig. Wenn es gelingt, lassen sich heute allerdings Ausgangsstoffe aus Recyclingmaterial herstellen, die in der Qualität neuen Kunststoffen entsprechen, dabei aber rund 50 Prozent CO2 einsparen. In Eisenhüttenstadt, in einer ehemaligen Halle des Eko-Stahlwerks, betreibt der Recycling-Riese Alba eine solche Anlage.

Hier treffen per Lkw sortierte Kunststoffballen aus ganz Norddeutschland ein. Manica Ulcnik-Krump führt durch das Ballenlager. Die zierliche blonde Frau passt so gar nicht hierher, doch sie ist so etwas wie die Kunststoff-Koryphäe der Alba-Gruppe: Neben der Anlage in Eisenhüttenstadt leitet sie auch deren Plastik-Forschungszentrum im slowenischen Maribor. An der dortigen Universität hat Ulcnik-Krump einst studiert. Heute werden dort Chemiker für die Plaste-Produktion ausgebildet.

"Wenn die vorsortierten Kunststoffe in Ballen hier ankommen, klassifizieren wir die Qualität und teilweise die Homogenität des Materialtyps und erfassen sie per Strichcode. So können wir durch die richtige Mischung später möglichst homogene Rezyklate herstellen", sagt Ulcnik-Krump während sie vor ein paar blau-weiß-gelben Ballen vorbeigeht, die bei näherem Hinsehen fast ausschließlich zerquetschte Becel-Margarinebecher enthalten. Verarbeitet werden hier vor allem Verpackungsabfälle aus Polypropylen (PP) und Polyetylen (PE). Je reiner sortiert wurde, desto besser die Qualität des zurückgewonnenen Materials.

An den Plastikgeruch gewöhnt man sich nur schwer

Die Ballen werden von Gabelstaplern zunächst zum Schredder vor der eigentlichen Produktionshalle gefahren. Der zerlegt alles inklusive der Metalldrähte in Minutenschnelle zu zentimetergroßen Schnipseln. Magnete suchen auch hier noch einmal Eisenmetalle heraus, bevor es per Förderband in die Halle geht. Dort werden die Schnipsel in einer riesigen Wasserwanne von Stahlblättern durchgewalgt und gewaschen. Danach schwimmen die leichten Kunsstoffteile durch ein Sinkbecken. Steine, Glas, Metalle und stark verschmutzte Plastikteile werden drin nach unten aussortiert, der restliche Abfall geht in mehrere Zentrifugen zur Trocknung. Am Hallenboden läuft in einer Rinne das schwarzgraue, stinkende Abwasser weg.

In der anschließenden "Windsichtung" trennt heiße Luft Folienteile von den schwereren Kunststoffen. Spätestens hier riecht es stark nach Plastik, ein Geruch, an den man sich noch schwerer gewöhnt als an Müll. Beide Fraktionen werden dann getrennt weiter verarbeitet: Die Folien werden in einer Art Mühle zu einem rieselfähigen Rohstoff für die Kunststoffindustrie (Agglomerat) geschreddert. Die dickeren Stücke werden in einem Extruder bei Druck und gut 200 Grad zu neuem Kunststoff verschmolzen, der am Ende in etwa fünf Millimeter großen Pellets millionenfach vom Band rieselt (Recythen). "Daraus stellen wir durch Zugabe bestimmter chemischer Zusatzstoffe 'Procyclen' her, einen hochwertigen Kunststoff, dessen Eigenschaften an die Bedürfnisse des Kunden angepasst werden können."

Müll ist, was wir dazu machen

"Was genau dazu kommt, ist unser Entwicklungswissen und Geheimnis“, sagt Manica Ulcnik-Krump. „Uns gelingt es, in der technischen Qualität - wie zum Beispiel bei Bruchfestigkeit oder Elastizität - mit neuen Kunststoffen zu konkurrieren.“ Auch im Preis: „Wir arbeiten ohne Subventionen und verdienen Geld: Als wichtiger Rohstoff ist der Abfall nicht kostenlos auf dem Markt verfügbar, deshalb müssen wir selbstverständlich unser Ausgangsmaterial  - das vorsortierte Plastikmaterial - bezahlen und verkaufen die daraus produzierten Recycling-Rohstoffe."

"Die Chemie ist eben die Kaiserin der Wissenschaften“, sagt sie und zeigt begeistert auf die unförmige, graue Wurst aus Reststoffen, die aus einem Extruder quillt und auf den Boden plumpst. Abfall? "Keineswegs. Es gibt kein Abfallmaterial, fast alles könnte ein Rohstoff sein und ein zweites Leben haben.  Auch für  minderwertige Materialien gibt es Abnehmer, die sie zu Rohstoffen beimischen und daraus zum Beispiel Einweg-Paletten herstellen. Das ist also ein Wertstoff."

"Wenn man es richtig macht, dann kann man sich kein besseres Recyclingmaterial vorstellen als Kunststoff“, sagt Ulcnik-Krump. Man könne es fast unendlich wiederverwenden und viel daraus machen. "Man kann mit der molekularen Struktur spielen und der Energieaufwand ist gering".

Die Fakten, sagt sie, seien da eindeutig: "Zwischen 200 und 250 Grad Celsius braucht man für die Plastikverarbeitung, für Glas sind es über 800 Grad, für Metall gut 1000 Grad", sagt sie. Und selbst Papier sei angesichts des hohen Wasserbedarfs problematischer. "Die Leute denken nicht darüber nach und Plastik bekommt automatisch den schwarzen Peter."

Sie kämpft dagegen an und zumindest ihre Anlage läuft gut: im Vier-Schicht-Betrieb, sieben Tage die Woche. Rund 80.000 Tonnen Plastikmüll, Verzeihung: Rohstoff, gehen hier im Jahr durch.

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