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Müll: In Hamburg landet der Restmüll auf der Straße - wortwörtlich

Wenn alles getrennt, recycelt und wiederverwertet wurde, bleibt vom Hausmüll etwas übrig - der Restmüll. Und der wächst. In Hamburg wird der Inhalt der schwarzen Tonne verbrannt und landet dann auch auf der Straße.

In Hamburg wird Schlacke unter anderem für den Straßenbau verwendet.

In Hamburg wird Schlacke unter anderem für den Straßenbau verwendet.

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Der Lkw wendet geschickt in der riesigen Halle und parkt auf den Zentimeter genau am Abgrund. Unten im Halbdunkel liegt der Bunker - eine gigantische Betongrube, in der bis zu 20.000 Kubikmeter Restmüll gelagert werden können. Langsam kippt der Container auf dem LKW nach hinten, die schleimige Ladung rutscht in den Schlund. Es riecht, wie es aussieht. Eine Herausforderung für jede Nase. Gammelige Früchte, Hundekot in Beuteln, schimmelndes Fleisch: Wer in der großen Abladehalle der Hamburger Müllverbrennungsanlage Borsigstraße steht, atmet besser durch den Mund.

Mehr zum Thema finden Sie im stern Nr. 16

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Hier landet all das, was man nicht mehr verwerten kann. Windeln und Hygieneabfälle, Katzenstreu und Staubsaugerbeutel - eben jene Abfälle, die als Restmüll gelten. Oder das, was die Hamburger in den Hausmüll stopfen, weil sie zu bequem sind zu trennen. Eine unglaubliche Ressourcenverschwendung. Jeden Tag fahren bis zu 300 Müllwagen vor. Mehr als 327.000 Tonnen pro Jahr laden sie ab. Und obwohl immer besser getrennt, immer mehr recycelt wird, wächst die Menge, die hier in Flammen aufgeht.

Müllverbrennung in Hamburg

Müll zu verbrennen, hat in Tradition. 1896 wurde die erste Anlage am Bullerdeich, nur wenige Kilometer vom heutigen Standort, eröffnet. Gleich zwei Entwicklungen trieben den Bau voran: Zum einen hatte die Cholera-Epidemie ein paar Jahre zuvor gezeigt, dass es gar keine gute Idee ist, Unrat einfach auf die Straße zu kippen oder - noch schlimmer - auf den Äckern der umliegenden Bauernhöfe zu verteilen. Europas erste Müllverbrennung wurde 1870 in London errichtet und galt seither als Profilaxe für Ausbrüche von schweren Epidemien.

Zum anderen beschwerten sich die Bauern. Denn mit dem zunehmenden Wohlstand in den Städten nahm der Müll nicht nur stark zu, er wurde auch komplexer. Kaputte Töpfe aus Gusseisen oder Stäbe aus Fischgrät, die in den Korsagen der Damen für Halt sorgten, ließen sich nur schwer unterpflügen.

Stationen des Restmülls: Am Ende bleibt nur noch Asche
Restmülltonne in Hamburg

Mehr als 455.000 Tonnen Restmüll landen in der Müllverbrennungsanlage Borsigstraße in Hamburg. Eigentlich soll in den Tonnen nur das landen, was nicht mehr recycelt werden kann.

Heute wird rund um die Uhr alles verbrannt, was angeliefert wird. Am Tor der Anlage wird die Ladung automatisch auf Radioaktivität geprüft. "Manchmal wird leicht strahlendes Material aus Arztpraxen im Hausmüll entsorgt", sagt Nina Heinrich. Die Ingenieurin arbeitet bei der Stadtreinigung und kennt sich bestens mit der Anlage aus. Auch Quecksilber, das sich gelegentlich im   findet, verursacht Probleme. Der Stoff findet meist durch Batterien seinen Weg in den Hausmüll.

Der halbe Fiat im Hausmüll

Bei rund 1100 Grad verbrennt der Müll, getrennt wird erst danach. "Der Müll in der Anlage brennt sehr gut. Heute ist keine Asche mehr im Hausmüll oder kaum nasse Stoffe, die die Hitze kleinhalten würden", sagt Nina Heinrich.  Für den Betrieb der großen Anlage genügen sieben Mitarbeiter. Zwei von ihnen thronen in einer Glaskanzel oberhalb des Bunkers und blicken auf hunderte Tonnen von Müll. Sie lenken zwei riesige Greifer, die den Müll umschichten und dann in den Rachen des Ofens stopfen.

Poltern durch die Luken der Abladestation zu große Brocken, kümmert sich der Schredder darum. Einmal rutschte ein halber Fiat in den Bunker, heute ist ein ganzer Müllcontainer dabei. Zu groß für die Brennkammer. Der Ofen selbst hängt in einem über 50 Meter hohem Gebäude, das fast ausschließlich über Lichtgitter zu betreten ist. Die enormen Temperaturunterschiede machen es unmöglich, feste Fußböden einzuziehen. Der Ofen muss sich ausdehnen und zusammenziehen können. Also hängt er im Raum.

Der Brennprozess wird laufend auf großen Monitoren kontrolliert, denn das ist eigentlich kein Ofen, sondern ein Kraftwerk. Die Schlote der Verbrennungsanlage dampfen rund um die Uhr und versorgen rund 500.000 Hamburger Haushalte mit Fernwärme und Strom. Selbst die Abgase werden verwertet. "Wir waschen den Rauch und filtern Bestandteile heraus. Daraus können wir in einem weiteren Schritt Gips und Salzsäure gewinnen, die wir wieder verkaufen können", weiß Heinrich. Am Ende bleibt fast nur noch Wasserdampf übrig.

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Restmüll statt Recycling

Restmüll ist die Endstation bei der Mülltrennung. Dennoch landet in der schwarzen Tonne auch Wiederverwertbares. "Jährlich filtern wir fast 10.000 Tonnen Metallschrott aus dem Restmüll heraus. Kupfer, Nickel, Stahl, da ist alles dabei. Forschungsprojekte begleiten diesen Prozess, weil man noch mehr rausholen könnte", sagt Heinrich. Nach dem Verbrennen im Ofen rieselt eine Mischung aus Asche und nicht abgebranntem Material auf Förderbänder.

Magneten und Magnetfelder filtern grobe Metallstücke, wie Fahrradrahmen oder Überreste von Metallregalen aus der Masse. Die Prozedur wiederholt sich so lange, bis alle größeren Teile - vom Löffel bis zur Käsereibe - herausgeholt wurden. Selbst sehr kleine Metallteile werden gefiltert. Das zeigt sich im Schlackelager. Wer in der dreieckig aufragenden Halle mit dem Fuß über den Boden fährt, sieht verkokelte Münzen. "Die steckten in Hosen- oder Jackentaschen von Klamotten, die in der Restmülltonne gelandet sind", erzählt Heinrich. Rund 170.000 Euro an Kleingeld landen pro Jahr in Hamburg im Müll, wurde vor einigen Jahren berechnet.

Recycling

Schlacke für die Straße

Am Ende allen Mülls bleibt doch noch etwas übrig: Schlacke, ein krümeliges, graues Material. Wertlos ist es nicht. Schlacke landet als sogenannter Sekundärbaustoff auf den Straßen. "Schon seit dem Start der ersten Müllverbrennungsanlage wird Schlacke als Baustoff verwendet und vermarktet", sagt Stefan Lübben, der Forschungsprojekte der Stadtreinigung Hamburg betreut. "Damals war Schlacke so begehrt, dass es viel mehr Nachfrage als Angebot gab."

Heute sieht man das anders. In der Schlacke stecken trotz aller Filter immer noch Substanzen wie Blei, Kupfer, Zink und diverse Salze. Kurz: Umweltgifte. Daher darf Schlacke nur dort verbaut werden, wo sie nicht mit dem Grundwasser in Berührung kommt, in den Zwischenschichten in den Asphaltdecken zum Beispiel. Zwar ließen sich die Metalle aus der Schlacke noch wesentlich effizienter herausfiltern - doch das kostet. Die Verfahren sind teuer und aufwendig.

"Für uns ist Schlacke ein Zuschussgeschäft. Wir zahlen bei jeder Tonne, die wir abgeben, drauf", so Lübben. Er wünscht sich, dass in Deutschland mehr mit Schlacke experimentiert werden darf - das gefällt Umweltschützern naturgemäß gar nicht. Sie fürchten verseuchte Böden und kontaminiertes Trinkwasser. "Es geht immer wieder um die festgeschriebenen Grenzwerte", sagt Lübben. Wenn man nur die schlimmsten Eventualitäten durchrechnet, dürfe man sich keine Kreislaufwirtschaft wünschen, so der Recycling-Fachmann. Diese Rechnung ginge einfach nicht auf.

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