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Recycling-Experte: "Kaffeekapseln boomen. Dabei lassen sie sich schlecht wieder verwerten"

Wir Deutschen gehen beim Recycling in die richtige Richtung. Aber es gibt noch viel Luft nach oben, meint Experte Peter Kurth. Trotz ökologischer Grundprägung gibt es in Deutschland auch eine Gegenbewegung beim Müll.

Kaffeekapseln boomen, dabei können sie schlecht recycelt werden.

Kaffeekapseln boomen, dabei können sie schlecht recycelt werden.

DPA

Herr Kurth, wo stehen wir Deutschen beim Recycling?
Bei Papier, Glas, Biogut und Schrott ist die Entwicklung sehr gut. Bauschutt und Plastik machen etwas Sorgen.
Wäre biologisch abbaubarer Kunststoff eine Lösung für das Plastikproblem?
Keine große bislang: Solche Kunststoffe werden zu langsam abgebaut. Beim Abbau etwa im Wasser gibt es kaum einen Vorteil, insgesamt dauert es noch zu lange.
Die Quote für die stoffliche Verwertung von Kunststoffen liegt stabil bei gerade 40 Prozent. Ginge mehr?
Ja. Es wird auch mehr gehen. Aber oft ist die Zusammensetzung schwierig, viele Verbundkunststoffe können nicht gut getrennt werden.

Woran liegt das?
Beim Design von Verpackungen spielt die Recyclingfähigkeit heute kaum eine Rolle. Der Grüne Punkt hat die Verpackungen schon etwas verändert. Aber die Abgabe fürs Recycling ist noch nicht hoch genug, um größere Veränderungen zu bewirken. Kunststoffrecycling kostet heute etwa 70 bis 80 Euro pro Tonne. Wer nicht nur Parkbänke daraus möchte, muss etwas ändern. Wenn das Recycling zu teuer wird, hat es keine Chance.
Gerade hat China beschlossen, seine eigenen Müllberge anzugehen und keine Müll-Importe mehr zuzulassen. Was bedeutet das für Deutschland?
Nicht viel. China und Hongkong haben im letzten Jahr rund zehn Prozent der Kunststoffabfälle aufgenommen. China entwickelt sich insgesamt gut, besser als etwa die USA.
Das Einsammeln des Mülls geschieht in Deutschland auf verschiedenen Wegen: Es gibt je nach Region graue, grüne, gelbe und blaue Tonnen. Wo gibt es Probleme?
Zum Beispiel beim Biomüll: Die Abholung ist gesetzlich vorgeschrieben. Viele Kommunen setzen sich aber darüber hinweg und bieten das gar nicht an.
Zusätzlich gibt es auch noch Altpapier- und Altglascontainer. Sind die sinnvoll?
Zentrale Sammelcontainer haben Vor- und Nachteile: Die eingesammelte Menge halbiert sich, aber die Qualität des Recyclingutes steigt. Beim Papier waren wir mal so weit, das wir ein sich selbst tragendes System hatten: Altpapier war ein wertvoller Rohstoff. Das ist vorbei. Die Preise sind am Boden.


Wie teilen sich kommunale und private Unternehmen den Markt auf?
Oft sieht die Arbeitsteilung in der Abfallwirtschaft wie folgt aus: Kommunen machen oft Restmüllsammlung und Verbrennung, private Unternehmen das Recycling. Erfreulicherweise werden heute zunehmend Abfälle aus anderen Ländern höherwertig in Deutschland behandelt. Deutschland hat 80 Städte mit mehr als 100.000 Einwohnern. 70 von ihnen machen die Müllsammlung selber. Je kleiner die Kommunen, desto eher kommen private Unternehmen zum Zug.
Wo ist Müll in Europa noch ein Exportgut?
Zum Beispiel in Großbritannien: Da gibt es bisher keine richtige Anlagenstruktur. Da wird noch deponiert. Neuerdings muss aber eine Deponie-Steuer von 70 Pfund je Tonne gezahlt werden. Seitdem wird der Müll lieber nach Skandinavien und Deutschland exportiert, um ihn zu verbrennen. Das ist günstiger und macht auch ökologisch mehr Sinn.

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Im Gelben Sack verlässt der Kunststoffmüll die meisten Haushalte. Bei Alba in Berlin Hellersdorf geht es dagegen nun erst richtig los.

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Warum gibt es hier keine Deponien mehr?
Mülldeponien sind ökonomisch und ökologisch die schlechteste Lösung. Seit 2005 gibt es ein Deponieverbot. Irgendwann wird man die alten Deponien eventuell wieder abbauen. Um an die Wertstoffe zu kommen, gab es bereits Pilotversuche. Da kann auch eine Chance liegen.
Ist Deutschland denn beim Müll insgesamt auf einem guten Weg?
Nur teilweise. Trotz ökologischer Grundprägung gibt es in Deutschland auch eine Gegenbewegung beim Müll: Kaffee-Kapseln boomen zum Beispiel. Die lassen sich schlecht wieder verwerten. Außerdem wird immer mehr bei Amazon und Co. bestellt, was für viel Transportverpackungen sorgt.

Wie viel Müll produzieren Sie persönlich denn so?
Ich habe seit vier Monaten keine Restmüll-Abfälle mehr zu Hause. Ich trenne meinen Müll konsequent fürs Recycling. Und wenn man sich Mühe gibt und keinen hygienisch problematischen Abfall hat, gelingt das auch.

Mehr zum Thema Müll finden Sie im neuen Heft: