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Zero Waste: Diesen Frauen reicht ein Marmeladenglas als Mülltonne

Vanessa Riechmann und Erdmuthe Seth leben seit drei Jahren (fast) ohne Müll. Sie kaufen verpackungsfrei ein, machen sich ihre Zahnpasta selbst und verzichten auf Pampers fürs Baby. Ihr monatlicher Müll passt in ein Marmeladenglas.

Wenn Erdmuthe Seth drei Monate ihren Müll sammelt, passt er in ein Marmeladenglas. In dem kleinen Behälter stecken zerschnittene Plastikkärtchen (wegen Namensänderung nach Heirat), ein Bahn-Fahrschein, weil die Handyapp nicht funktionierte, und ein Schokobon-Papierchen aus einem schwachen Moment. Mehr ist es nicht. Seth hat gemeinsam mit ihrer Freundin Vanessa Riechmann beschlossen, so wenig Müll wie möglich zu machen.
Bis vor drei Jahren führten die beiden Frauen noch ein ganz normales Hamburger Großstadtleben. Mit Kunststoffverpackungen, Plastik, Styropor und allem, was müllmäßig dazu gehört. Alle paar Tage war der Abfalleimer voll und der Inhalt wanderte in die Tonne. Dann entschieden die Nachbarinnen: So soll es nicht weitergehen. "Wir haben uns viel unterhalten über Mikroplastik, Umweltverschmutzung - und ein besseres Leben", sagt Riechmann. Und sie stießen auf die Zero-Waste-Bewegung.

Marmeladenglas statt Mülleimer

Ein Leben ohne Müll? Das versuchen wir auch, sagten sich die beiden Musicaldarstellerinnen. Heute ersetzt ein Marmeladenglas ihre Mülleimer. Die Müll-Gläschen sind eine wichtige Motivationshilfe, denn sie zeigen den beiden Freundinnen, wie nahe sie ihrem Ziel gekommen sind, komplett ohne Müll zu leben.

Abgesehen von dem kleinen Häufchen Müll im Glas produzieren Erdmuthe und Vanessa nur Bioabfälle, Altpapier und Altglas. Der Biomüll wird in einer Wurmkiste von eifrigen Würmern zu Kompost verarbeitet. "Wir leben 'Zero Waste' und unsere Männer ziehen so weit mit, wie sie mögen", sagt Erdmuthe Seth (32). Bedeutet: Wenn der Gatte unbedingt den einen Tee braucht, den es nur im Plastikbeutelchen gibt, dann geht das in seine Müllbilanz ein.

Im Supermarkt um die Ecke kaufen die beiden kaum noch ein, denn abgesehen von Obst und Gemüse steckt dort ja fast alles in Verpackungen - selbst die Salatgurken sind oft in Plastik eingeschweißt. Die meisten Dinge des täglichen Bedarfs bekommen sie im "Stückgut", einem Unverpackt-Laden in Hamburg-Altona. Hier kann jeder seine eigenen Behältnisse mitbringen und sich die Ware grammweise in Gläser, wiederverwendbare Dosen und Stoffbeutel abfüllen. Nudeln, Reis oder Haferflocken stecken in großen Spendern, Nüsse oder Schokolade können stückweise aus Glasbehältern entnommen werden. Der Laden läuft gut, demnächst wird in Hamburg eine zweite Filiale eröffnet.

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Unverpackt einkaufen

Auch in vielen anderen Städten sind in den letzten Jahren Unverpackt-Läden entstanden. Natürlich ist es etwas teurer als im Discounter - Nudeln gibt es ab 35 Cent je 100 Gramm, Haferflocken ab 30 Cent für die gleiche Menge. Trotzdem ist das Konzept nicht nur etwas für Besserverdiener. "Wir geben nicht mehr Geld aus als vorher", sagt Erdmuthe Seth. Denn das Unverpackt-Prinzip erlaube es ihr, nur die Mengen zu kaufen, die sie auch wirklich benötigt. "Wir kaufen bewusster ein", ergänzt Riechmann (37). Die grüne Kiste, ein verpackungsfreies Gemüse-Abo, sorgt dafür, dass jede Woche frisches Grünzeug sowie Milch und Joghurt im Pfandglas ins Haus geliefert werden. Auf dem Wochenmarkt kaufen die beiden ebenfalls regelmäßig verpackungsfrei ein. Dort gibt es leider auch einen Wagen mit unverpackten Süßigkeiten, weshalb der Plan, durch Zero Waste gesünder zu leben, nicht ganz aufgeht.

Auch der Gang in den Drogeriemarkt - Gomorra der Plastiktuben und Wegwerfdöschen - fällt für die Zero-Waste-Aktivisten flach. Stattdessen machen sie viele Badezimmerartikel einfach selbst. Aus Kokosöl, Natron und einem ätherischen Öl mischt sich Vanessa innerhalb von zwei Minuten ihre eigene Zahnpasta zusammen. Wer den Zahnarzt beruhigen wolle, könne auch noch Fluorid-Salz hinzufügen, sagt sie. Die Handcreme ist ebenfalls schnell selbst gemacht und erfreut sich auch im Verwandten- und Bekanntenkreis als Geschenk großer Beliebtheit. Sogar Mascara hat Erdmuthe schon selbst hergestellt, wobei das "eine ziemliche Sauerei" war, wie sie zugibt. Neuen Beautykram kauft sie trotzdem nicht, sie hat noch genug Schminkreste aus dem früheren  -Leben übrig.

Müll vermeiden mit Baby

Seit vergangenem Jahr ist Erdmuthes Müllvermeiderleben um eine Dimension erweitert worden: Sie ist Mutter eines kleinen Sohnes geworden. Seitdem ist vieles anders, die Müllbilanz aber hat sich nicht verschlechtert. "Das Baby macht am wenigsten Müll von allen", sagt Erdmuthe. Pampersberge und Feuchttücherhaufen sucht man im Haushalt der Familie vergebens. Der Kleine wächst mit Stoffwindeln auf, die gewaschen werden. Auch Kinderklamotten und Spielzeug hat sie bislang nicht kaufen müssen, soviel hat sie aus dem Bekanntenkreis "second hand" bekommen.

Überhaupt sieht die Zwei-Zimmerwohnung der jungen Familie ziemlich normal aus und in keinster Weise nach Ökospinner. Auf einem Küchenbrett sind die Glasbehälter für Zucker, Mehl oder Hirse aufgereiht, für den Kaffee gibt es statt Kapselmaschine eine schicke Handmühle. Ansonsten fällt der Zero-Waste-Lifestyle kaum ins Auge. Dass die Zahnbürsten aus Bambus sind, bemerkt man erst beim zweiten Hinsehen.

Alternulltiv

Eine Kapselkaffeemaschine kommt den Müllvermeidern nicht ins Haus. Stattdessen werden die Kaffeebohnen handgemahlen.

Das einzige, wofür Erdmuthe bisher keinen müllfreien Ersatz gefunden hat, sind die kleinen Zahnzwischenraumbürsten. "Die Zahn-Hygiene geht in dem Fall vor." Auch außerhalb der Wohnung lässt sich für fast alles Lösungen finden. Vanessa Riechmann ist derzeit mit einem Musical auf Tour. Nach dem Auftritt benutzt sie abwaschbare Abschminkpads, den täglichen "Coffee to Go" lässt sie sich direkt in den eigenen Thermobecher füllen. "Viele Läden geben mir sogar Rabatt, weil sie sich den Becher sparen", sagt Riechmann. Die Kollegen schauen sich Riechmanns müllfreie Alternativen interessiert an und sie erklärt auch gerne, was sie da tut. Eines aber ist ihr wichtig ist: "Wir missionieren nicht. Wir laufen nicht mit erhobenem Zeigefinger durch die Gegend."

Glitzerpapier zu Weihnachten

Wer sich für das Thema interessiert, den informieren Erdmuthe Seth und Vanessa Riechmann aber gerne. Auf ihrem Blog "Alternulltiv" berichten sie regelmäßig über ihr Zero-Waste-Leben, liefern Tipps und Links zu anderen hilfreichen Seiten. Auch für Workshops kann man die beiden Bloggerinnen buchen. Allerdings: Nicht alle aus dem persönlichen Umfeld der Beiden können mit der Zero-Waste-Idee etwas anfangen. "Manche verstehen es einfach nicht", sagt Erdmuthe Seth. Dass sie das Weihnachtsgeschenk der Oma auch künftig in Glitzerpapier und mit Schmuck-Schleifchen bekommt, hat sie mittlerweile akzeptiert.

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