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Alberto Alessi: "Es gab sogar einen Alessi-Vibrator"

Der italienische Betrieb Alessi, einst Spezialist für edle Küchen-Accessoires, bietet heute fast alles an. Firmenchef Alberto Alessi über bunte Stücke, faule Designer und seinen harten Vater.

Signor Alessi, erzählen Sie etwas über die Kaffeekanne, die vor uns auf dem Tisch steht.

Das Modell "101". Wir haben es seit 1956 in der Produktion und immer wieder leicht verändert. Kurz nachdem ich 1970 in das Unternehmen eintrat, kam der Besitzer einer holländischen Hotelkette und erwartete eine Kanne von uns, die nicht mehr auf seine Tischdecken tropfte. Jedes Mal wenn er uns besuchte, nahm er den neuen Prototyp, ging mit ihm auf die Toilette, füllte ihn mit warmem Wasser und schenkte aus. Und immer wieder verlor die Kanne einen Tropfen. Bis meinem Onkel eines Tages endlich die tropffreie Kaffeekanne gelang.

Die Kanne sieht so simpel aus.

Alles Täuschung. Aber rein gar nichts gegen Richard Sappers Espressomaschine "9090" von 1979. Wir haben über hundert Prototypen gebastelt, wobei für jeden einzelnen über hundert Arbeitsschritte nötig waren. Und den Designer Ettore Sottsass habe ich 1971 gebeten, uns einen Öl-und Essig-Ständer zu entwerfen. 1978 war der fertig. Sieben Jahre später.

Gibt es das perfekte Objekt?

Mein Lehrer Bruno Munari behauptete: das Ei. Aber leider kommt es vom Huhn und wird mit dem Hintern gemacht. Den perfekten Gegenstand zu schaffen ist uns Menschen leider nicht gegeben. Deshalb gibt es ja auch Designer.

Sie haben das Konzept erfunden, namhafte Gestalter wie Philippe Starck, Jasper Morrison oder Norman Foster zu engagieren. Polieren solche Zusammenarbeiten immer noch das Image auf?

Den Kunden ist es egal, ob die Blumenvase "Crevasse" von der Stargestalterin Zaha Hadid entworfen wurde. Denen gefällt die Vase, weil sie schön aussieht. Die imageträchtigen Ausnahmen der vergangenen Jahre sind Philippe Starck sowie die Architekten Frank Gehry und Ron Arad. Hier wirkt der gute Namen verkaufsfördernd.

Warum versucht so gut wie jede Marke, ihre Produkte mit Designstars aufzupeppen?

Weil es innerhalb des Star-Systems jede Menge Designer gibt, die man sich einkaufen kann. Leider bedeutet der Schritt ins Star-System bei einigen, dass sie in ihrer Kreativität nachlassen.

Nennen Sie einen Namen.

Der Amerikaner Michael Graves war ein außergewöhnliches Talent, entwarf wunderschöne Dinge für uns, etwa den berühmten Teekessel mit der vogelförmigen Flöte. Er hatte Riesenerfolg, baute sich ein enormes Studio auf und hörte dann auf zu entwerfen. Das haben seine Assistenten übernommen.

Entscheiden allein Sie bei Alessi über die Auswahl der Produkte?

Mit Komiteebeschlüssen, mit Kompromissen kommt man nicht weit. Wir sind zwar ein Familienunternehmen, aber die endgültige Entscheidung liegt bei mir. Und ich habe nicht gerade einen nachgiebigen Charakter. Mein Vater allerdings ist viel härter als ich. Mit seinen 92 Jahren! Auch wenn er kaum noch vorbeikommt - er besetzt nach wie vor das größte Büro im Firmengebäude. Vor drei Tagen hat er sich in Mailand die komplette untere Zahnreihe durch Stiftzähne austauschen lassen, damit er die Pfeife besser im Mund halten kann.

Pro Jahr stellt Alessi zwischen 50 und 60 neue Objekte vor. Kommen die Designer mit eigenen Ideen zu Ihnen?

Richard Sapper rief mich vor ein paar Jahren an, weil er nicht kochen kann und in seiner eigenen Küche nur die Handlangerarbeiten erledigen durfte. Also dachte er sich "Todo" aus, eine riesige Käsereibe, bei der zwei Bewegungen für eine ordentliche Portion Parmesan reichen. Auch Starcks Fliegenklatsche "Dr. Skud" wurde vermutlich aus persönlicher Not geboren.

In den vergangenen Jahren macht der Gestaltungswille Ihrer Designer vor nichts halt - weder vor Hundenäpfen, Flusenentfernern noch Nagelknipsern.

Wir haben ein Boot bestiegen, sind in See gestochen und haben ein paar Inseln angesteuert, die einen nahe, die anderen recht fern gelegen.

Einige seltsame Eilande haben Sie dabei betreten. Bei Alessi gibt es heute das Kondomtäschchen "Cohndom box" oder den Abflussentstopfer "Johnny, the Diver".

Warum auch nicht? Getreu meiner Überzeugung, dass die gesamte Produktwelt immer wieder neu entworfen werden kann, haben wir uns sogar an das ekeligste und niedrigste ihrer Objekte gewagt, an einen Duftspüler fürs WC. In Zusammenarbeit mit Henkel ist unser FreshSurfer entstanden. Das war natürlich kein Meisterwerk.

Sie haben sich sogar an eine Klobürste gewagt: "Merdolino", von Stefano Giovannoni entworfen.

Design muss sich um alles kümmern. Nicht bloß um die Luxusartikel.

Wer hat "Merdolino", dem "Scheißerchen", seinen Namen verpasst?

Normalerweise bringen die Designer ihre Namen mit. Bei der Klobürste war das aber meine Idee. Sie ist doch passend. Auch wenn ein Teil der Familie nicht besonders begeistert war.

Warum haben Sie sich noch nicht an Sexspielzeuge gemacht?

Es gab vor etwa 15 Jahren sogar einen Alessi-Vibrator mit dem Namen "Vibra-Toy". Wir hatten ihn gemeinsam mit zwei Damen aus Zürich entwickelt, den Inhaberinnen einer Sexboutique. Aber mein Bruder Michele wollte am Ende nichts davon wissen. Er war damals Generaldirektor und hat mir keine Erlaubnis gegeben.

Ließe er heute mit sich reden?

Möglich. Aber heute wären Vibratoren nicht mehr so lustig.

Wo könnte es noch lustig werden für Sie?

Die Mode würde mich interessieren. Weil ich glaube, dass die Errungenschaften des Produktdesigns der Mode großen Auftrieb geben können. Das Schuhdesign zum Beispiel hat in den vergangenen Jahren enorm von technischen Neuerungen profitiert, hinkt aber beim Design oft hinterher. Geox-Schuhe zum Beispiel: eine interessante Erfindung, aber recht scheußlich anzusehen.

Als Sie 1970 ins Unternehmen eintraten, wollten Sie mit Ihrem ersten Projekt, den "Multiples", Skulpturen von Künstlern für die Masse herstellen. Haben Sie Ihren Idealismus am Leben halten können?

Die Kollektion war ein kolossaler Flop. Sie orientierte sich an der Überzeugung, Kunst solle für alle und jeden zugänglich sein - nach dem Motto: Sein, nicht Haben. Leider glauben wir Menschen aber an das Haben und nicht an das Sein. Ich mache mir längst keine falschen Hoffnungen mehr.

Worauf hoffen Sie noch?

Auf meine Weinberge, würde ich sagen. Meine jüngste Leidenschaft.

Eine Flasche haben Sie schon entworfen?

Ihre Form ist noch geheim. Ebenso das Etikett. Es ist meine erste und einzige Designarbeit. Doch die Sache ist heikel: Wenn Sie eine zu schöne Weinflasche liefern, mit einem zu gut gezeichneten Etikett, dann klingeln bei den Italienern alle Alarmglocken. Im Übrigen werden Sie sich gedulden müssen, denn richtig gut wird mein Wein erst ab 2012 sein. Bis dahin werde ich ihn allein trinken.

Interview: Dirk van Versendaal / print