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Anita Roddick: Party mit Pfefferminzlotion

Anita Roddick hat alles verkauft, was ihr wichtig war: den Body Shop, die erste globale Marke korrekter Kosmetik, und das ausgerechnet an L'Oreal, den mächtigsten Kosmetikriesen der Welt. Heute sitzt sie als Beraterin im Vorstand – und sprach mit stern.de über ihre neue Verkaufsoffensive in Deutschland.

Wie laufen Ihre Partys ab? Frauen streichen Lotionen auf die Haut, riechen aneinander und hören Vorträge über Aloe Vera aus Guatemala und Sheabutter aus Ghana?

Genau so. Auf den Partys haben wir mehr Zeit, unsere Hilfe durch Handel vorzustellen. Auf meiner ersten Reise nach Indien sah ich Kinder, die rund um die Bahnhöfe lebten. Überall dort wuchsen Bäume, die zu Brennholz verarbeitet wurden. Ich sagte, schneidet nur die Äste, aus der Rinde machen wir ein Massageöl. Heute haben wir eine Schule mit 200 Kindern, eine Klinik, HIV-Aufklärungskurse. Das ist die Seele des Body Shops, die Geschichte hinter den Produkten kennen, nicht nur die Zutaten.

30 Jahre lang war der Body Shop Englands grünes Gewissen. Dass Sie ihn im März für 944 Millionen Euro an L´Oreal verkauft haben, war für viele ein Schock. Sie haben gesagt: Ich hasse die Beautyindustrie, sie ist ein Monster, das unerreichbare Träume verkauft, lügt, betrügt, Frauen ausbeutet. Warum also der Verkauf?

Warum nicht? Die Beautyindustrie hat sich nicht geändert, aber ich mag L'Oreal. Wenn sich jemand so Großes auf Hilfe durch Handel einlässt, ist das doch verflucht wunderbar.

Sie verstehen sich also als Trojanisches Pferd, das in die heiligen Hallen der Kosmetikindustrie eingezogen ist…

Genau das. Die Kosmetikindustrie ist eine Industrie, da geht es nur um Erfolg in Zahlen, natürlich, das ist das Abkommen, aber sie ist groß, mächtig, kontrolliert die Kultur unseres Denkens. Nach L'Oreal werden auch andere folgen, garantiert, Unilever, Procter & Gamble.

Das, was Sie als neue Partnerschaft feiern, war doch eher eine Kapitulation. Den Gang an die Börse 1984 haben Sie selbst als größten Fehler Ihrer Karriere bezeichnet. Statt ethischen Prinzipien mussten Sie Aktionärsinteressen folgen und haben schließlich verkauft. Einige sagen, die Königin der Pfefferminzlotion hat sich an ihren hohen Ansprüchen überhoben...

Was wollen die denn von mir? Dass ich mein Geld behalte, bis ich sterbe? Ich glaube, Purismus ist entsetzlich langweilig. Wenn ich Geld habe, etwas Gutes zu tun, tue ich das.

Für den Body Shop haben Sie selbst 170 Millionen Euro bekommen. Was ist damit passiert?

Das steckt in meiner Stiftung.

Der ganze Betrag?

Der wird dahin fließen. 1,4 Millionen Euro im Jahr gehen an die Stiftung, die sich um soziale Gerechtigkeit und Menschenrechte kümmert, oder auch gegen den sexuellen Missbrauch von Kindern kämpft. In London haben wir gerade ein Zentrum für Kinder mit Aids gebaut. Ich brauche keine Stiftung, die ewig läuft. Wer weiß schon, was die Zukunft bringt, wenn sich Bush und Blair weiter eine schöne Zeit machen. Ich will nicht reich sterben, auch mein Mann nicht oder meine Töchter. Das ist unsere freie Wahl.

Man bleibt nur in den Dingen in Erinnerung, die man für die Gesellschaft getan hat?

Daran glaube ich. Vor fünf Jahren war ich in einer tiefen Depression, als es dem Body Shop schlecht ging. Er war mein Baby, mein Alter Ego, mein Ideal, mein soziales Experiment. Denken Sie an Nobel, Rockefeller, das, womit sie ihr Geld verdient haben, ist vergessen, aber ihre Stiftungen nicht. Das hat mich angetrieben.

Sind sie manchmal, müde zu kämpfen?

Nein. Ich glaube, Stillstand ist eine Art Schlitterbahn des Todes.

Woher kommt Ihre Überzeugung?

Als ich Kind war, brachten sie uns in England das Debattieren bei. Man musste wortgewandt sein, klug, lernen, wie man gehört wird, für eine Sache einsteht. Damals habe ich mich in die Sprache verliebt. Wir hatten kein Fernsehen, keine Computer, wir waren besessen von Büchern. Geschichten erzählen, darum ging es.

Als Sie mit dem Body Shop anfingen, gehörte dazu auch eine gute Geschichte. Sie mussten als junge Mutter mit selbst gerührten Cremes Geld verdienen, weil Ihr Mann seinen Traum auslebt. Er wollte mit einem Pferd von Buenos Aires nach New York reiten, kam aber nicht so weit…

Nein, ein Pferd starb in den Anden, nach einem Jahr war er wieder da.

Das muss doch eine Menge Kraft gekostet haben, jemanden dafür gehen zu lassen.

Nein, das war ganz leicht. In den Sechzigern ging es darum, seinen Traum zu leben, um die großen Gesten eben. Ich wollte einen Laden aufmachen, er wollte reisen. So einfach war das.

Ihren ersten Laden haben Sie grün gestrichen?

Oh ja, ich wollte so einen Laden haben mit einer Veranda, wie aus dem Mittleren Westen, wie in alten Spaghettiwestern, wo Clint Eastwood hätte die Treppe herunterkommen können.

Ihrer Tochter Sam gehört der Erotikshop "Coco de mer" Gerade hat sie in Los Angelos einen neuen Laden eröffnet. Setzt sie dort auch Hilfe durch Handel um?

Oh ja, das tut sie. Sie ist großartig. Sie ist auch politisch aktiv, engagiert sich gegen sexuelle Sklaverei, hat für eine Anti-Kriegs-Demo 20 Frauen aus der Sexindustrie versammelt und ihnen von einem Maskenbilder Wunden aufmalen lassen.

Macht das Alter furchtloser?

Unbedingt. Man beschäftigt sich weniger damit, jung auszusehen. Will unbedingt gehört werden, und steckt all die Zeit, die man noch hat, darin, Dinge zu lernen, weil einem bewusster wird, wie begrenzt sie ist, verschwendet man sie nicht, mit Leuten, Dingen, die man nicht mag.

Interview: Viola Keeve