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Baumwollbeutel: Jeden Tag eine Jute-Tat

Jutetbeutel, einst verschrieen als trutschige Tragetaschen der Öko-Fraktion, feiern ein glänzendes Comeback. Weil Designer-Handtaschen aberwitzig teuer sind, gelten neuerdings kreativ gestaltete Baumwollbeutel als schick: It-Beutel statt It-Bag heißt die Parole.

Von Stefanie Luxat

Sie schlingen sich um Handgelenke und hängen über Schultern. Auf ihnen steht: "Ersatzbefriedigung", "Avantghandi" oder einfach nur "Plus". Sie sind Teil eines stillen Protests, der sich derzeit in den Szenevierteln vieler Großstädte formiert. Die Botschaft lautet: Sagt Nein zu den maßlos überteuerten Designer- Handtaschen! Tragt lieber die guten alten Baumwollbeutel! It-Beutel statt It-Bags!

Das Geschäft mit teuren Handtaschen hat jahrelang geboomt. Und das, obwohl viel von den Kundinnen verlangt wurde: Ständig kreierten die Designer neue Taschen - von der "Mini-Clutch", in die nur ein Lippenstift passt, bis zum "Weekender" mit Platz für den halben Kleiderschrank. Und kaum hatte die Kundin nach dem Kauf des neuesten Modells den Blick auf ihren Kontostand verkraftet, überkam sie schon wieder das Gefühl, dringend noch eine Tasche haben zu müssen.

Verständlich also, dass sich 2007 viele erleichtert auf den simplen, aber schicken Shopper der britischen Designerin Anya Hindmarch stürzten. Gerade mal fünf Pfund kostete die Tasche mit dem Schriftzug "I'm not a plastic bag" - mit ihr ließ sich das grüne Gewissen modisch korrekt zur Schau tragen. In Taiwans Hauptstadt Taipeh wurden sogar Menschen verletzt bei dem Versuch, eine der Taschen zu ergattern.

It-Beutel statt It-Bags lautet die Devise

Auf der Berliner Szenemeile am Prenzlauer Berg, der Kastanienallee, leuchten derzeit viele neonfarbene Baumwollbeutel. Eingeweihte wissen: Die Tasche gibt es im Concept-Store "Apartment" zu kaufen. Auch die Beutel mit einem ironischen Zitat der Louis-Vuitton-Initialen des Labels "Lala Berlin" sind überaus gefragt. "Die laufen sehr gut", freut sich Label-Besitzerin Leyla Piedayesh. "Wir entwerfen ständig neue Motive." Auf der Straße sieht man auch selbst gestaltete Beutel. Viele tragen Botschaften wie "Suche Mann. Oder Job". Auf dem von Designer Marc Jacobs steht: "Jacobs. By Marc Jacobs. For Marc by Marc Jacobs".

Doch nur weil Jacobs Selbstironie zeigt und eine Tasche für um die zehn Euro verkauft, ist der Markt für Designer-Taschen nicht am Ende. Immer noch werden aberwitzig teure Modelle angeboten: Bei Bottega Veneta gibt es eines aus Krokodilleder für 58.000 Euro. Die große Handtaschen-Hysterie scheint dennoch vorbei. So tauchen die Anti-It-Bags immer öfter auf Modeschauen auf - und selbst auf der Homepage des Bottega-Designers Tomas Maier, der das Taschenfi eber mit zu verantworten hat. "Beach Bag" heißt Maiers Baumwollbeutel - ein Statement für 60 Euro.

It-Beutel oder It-Bag? Im Berliner Stadtteil Neukölln macht sich darüber niemand Gedanken. Dort, wo jeder Zweite unter 25 Jahren von Hartz IV lebt, vermeidet man tunlichst, mit einem It-Beutel gesehen zu werden. Wer hier Baumwollbeutel trägt, gilt als arm. Oder als "Sackratte".

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