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Bryan Ferry: "Ein Model sein? Vielleicht..."

Für diesen Pop-Gentleman ist die richtige Krawatte so wichtig wie der richtige Akkord: Vor der Veröffentlichung seiner neuen CD erklärt Bryan Ferry im stern-Interview, wie er sich vom Arbeitersohn zur Stilikone entwickelte.

Mr Ferry, vor sechs Jahren flogen Sie nach Kenia, plötzlich stürzte das Flugzeug in die Tiefe, doch Ihnen fiel nichts Wichtigeres ein, als Ihrem Sohn das Fluchen zu verbieten. "Manners always matter" - zählt diese Haltung selbst in Extremsituationen?

Na ja, es gab nicht viel anderes zu tun. Es war wie in einem James-Bond-Film: Ich wachte auf und sah, wie die Crew mit einem Mann kämpfte, der ins Cockpit gestürmt war und alle Schalter umgelegt hatte. Wir sackten ab, das Flugzeug machte Geräusche wie ein Schiff, das auf Grund läuft, die Menschen schrien, und ich musste meinen Sohn Isaac anfahren: "Hör sofort mit dem Fluchen auf!" Wissen Sie, er war damals in einer Phase, die stark vom Gebrauch schlimmer Wörter geprägt ist. Später, bei der Landung in Nairobi, erzählte mir der Pilot, es hätten nur noch sieben Sekunden bis zum Aufprall gefehlt. Nach so einem Erlebnis will man sofort jede Menge Alben aufnehmen, mehrere Welttourneen planen...

... und Frauen treffen?

Klar, alles eben.

Sie müssen es wissen: Hilft modische Kleidung dabei, die Herzen der Frauen zu gewinnen?

Leider nicht. Frauen interessieren sich dafür, wie andere Frauen aussehen. An Männern interessiert sie letztlich doch eher die Persönlichkeit als das Aussehen. Sie behaupten zwar alle, dass sie jemanden wie Brad Pitt wollen, aber am Ende stimmt das nicht. Ja, die Welt der Frauen ist verwirrend.

Sie gelten als ewiger Gigolo. Was gefällt den Frauen so an Ihnen?

Ich vermute mal, ihnen gefällt mein Sinn für frechen Humor. Nebenbei: Die Annahme, ich hätte viel Glück gehabt bei den Frauen, ist Unsinn. Vor allem, wenn ich bedenke, was man so alles über andere Musiker hört und liest.

In den meisten Ihrer Lieder geht es um die Kümmernisse der Liebe. Haben Sie an der Liebe gelitten?

Nein, aber die besten Songs sind die über unerfüllte oder verloren gegangene Liebe. Traurige Lieder waren für mich immer die bessere Wahl.

Ihr Image als letzter Dandy, in Schönheit sterbend, hat sich immer gut verkauft. Aber nun, am 2. März, erscheint Ihr neues Album "Dylanesque", auf dem Sie alte Songs von Bob Dylan nachspielen. Wer früher Roxy Music hörte, hat den ungekämmten Folkbarden doch nur unter Folter ertragen.

Als Student war er auch mir völlig gleichgültig. Damals habe ich nur Black Music und Rhythm'n'Blues gehört und mich für glänzende Anzüge, schnelle Autos und Frauen interessiert. Dann aber griff Dylan zur Elektrogitarre.

Und plötzlich war er cool?

Total! Diese Frisur, diese engen Jeans und Stiefel. Das haben The Clash und etliche andere Bands aufgegriffen, der Look existiert sogar heute noch. Dylan ist nun auch schon älter geworden, trotzdem hat er sich wieder ein seltsames Äußeres zugelegt. Dieser dünne Schnurrbart, diese Krawatte - aber das ist er immer gewesen: seltsam.

Seltsam war damals auch der Look von Roxy Music. Wessen Idee war es, in Plateauschuhen und Lederanzügen aufzutreten?

Es war meine Idee. Aber ohne meinen Freund, den Stylisten Antony Price, hätten wir den Look nicht hinbekommen. Antony ist immer noch ein brillanter Designer. Er kleidet unsere künftige Königin ein: Er entwirft Camillas Kleider.

Wie kam eigentlich der Schuhdesigner Manolo Blahnik zu einem Platz auf der Plattenhülle von "Another Time, Another Place"?

Er war und ist ein guter Freund von mir. Immer noch der bestangezogene Mann Londons.

Sie sehen heute auch exzellent aus, aber das hatten wir ja nicht anders erwartet vom "Gentleman des Pop": eine Levi's 606, Maßschuhe von Berluti, Hemd und Sakko von…

…"Anderson & Shepherd" aus der Savile Row. Es ist großartig, was dort an Schneiderkunst entsteht.

Für den Sohn eines Bergarbeiters sind Sie weit gekommen. Sie besitzen ein Landhaus in Sussex, sammeln moderne Kunst, leben ein Leben im Maßanzug. Nehmen Ihre Fans Ihnen das nicht übel?

Nein, obwohl unsere englischen Fans fast alle aus der Arbeiterklasse kamen. Die Reichen hörten damals eher Van Morrison als Roxy Music. Für unsere Anhänger war ich eine Identifikationsfigur, der lebende Beweis, dass man alles aus sich machen kann. Ich bin nicht das einzige Arbeiterkind mit einem Sinn für Stil. Filmstars wie Cary Grant und Fred Astaire stammten ebenfalls aus einfachen Verhältnissen, und sie schafften es, auch im wirklichen Leben zu jenen Figuren zu werden, die sie sich einst für die Bühne erdacht hatten.

Sie sind regelmäßig Gast bei den Modeschauen in Paris und London - der Mode wegen, oder schauen Sie sich die Frauen an?

Bei John Galliano, Christian Lacroix und Alexander McQueen faszinieren mich auch die Kleider.

Ab einem gewissen Alter wird es schwierig, die Figur zu halten. Was tun Sie gegen Ihre Pfunde?

Ähm, tja. Es ist besonders im Winter schwer, weniger und gesünder zu essen. Und womöglich trinke ich auch zu viel Wein derzeit. Ein schwieriges Thema.

Sie sind 61 geworden und modeln in der Werbekampagne von Burberry. Haben Sie das noch nötig?

Der Burberry-Designer Christopher Bailey ist ein sehr netter Kerl, er kommt, wie ich, aus dem Norden Englands. Und ich stehe auf den Fotos ja nicht alleine herum, sondern mit meinen beiden jüngeren Söhnen. Und mit dem Supermodel Stella Tennant.

Im Herbst werden Sie dann auch das Gesicht der neuen Kollektion von Marks & Spencer sein. Warum tun Sie sich das an?

Vielleicht ist das meine neue Rolle im Leben: Model sein? Sowohl Burberry als auch Marks & Spencer sind alte englische Firmen mit einer imposanten Geschichte. Und im Musikgeschäft - da lädt sich heute jeder gratis Musik aus dem Internet herunter. Als Musiker muss man also neue Wege gehen. Vielleicht gehe ich einfach meinen alten Weg zurück in den Schneiderladen. Mit 15 habe ich dort als Aushilfe gearbeitet, immer samstags, drei Jahre lang, damit ich mir meine Platten, meine schmalen Krawatten und die passenden Schuhe kaufen konnte. Ich war schon früh von Mode besessen.

Einige Ihrer Freundinnen und Frauen waren Models. Haben Sie von Jerry Hall etwas über Mode gelernt?

Ganz und gar nicht. Eher über Humor. Jerry war immer sehr komisch, sie ist ein Charaktertyp. Sie hätte Komikerin werden, überhaupt viel mehr machen sollen. Aber dann bekam sie ja all die Kinder von Mick Jagger.

Nicht alle Frauen wissen es zu schätzen, wenn ihre Männer sich herausputzen oder zum Modeclown machen. Kennen Sie solche Vorwürfe?

Nur von meiner geschiedenen Frau. Aber sie lag eigentlich immer falsch mit ihren Styling-Ratschlägen.

Was halten Ihre vier Söhne vom Stil ihres Vaters?

Den finden sie einwandfrei. Oder sie sind so schlau, mir nicht zu sagen, was sie wirklich denken. Es ist wohl eher so. Meine Söhne sind eleganter, als ich es in ihrem Alter war. Ernsthaft! Die beiden jüngeren sind neulich sogar in Mailand bei den Schauen als Models gelaufen. Es war ein Abenteuer für sie, mit 16 und 17 Jahren. Als ich hörte, dass sie im Hotel Principe di Savoia wohnen würden, gab ich Ihnen einen Rat mit auf den Weg: Nehmt un- ter keinen Umständen was aus der Minibar!

Achten Musiker heute zu sehr auf ihre Frisur statt auf die richtigen Akkorde?

Es ist lustig, dass Sie ausgerechnet mir eine solche Frage stellen. Aber der Vorwurf stimmt natürlich, zumindest was all diese Reißbrettbands betrifft. Da ist mir vieles zu selbstgefällig. Wenn die Musik gut ist, schön, aber wenn nicht, hilft auch ein schniekes Aussehen nicht. Bei uns war Musik noch alles. Erst mit MTV wurde der Look in der Musik so bestimmend.

Jeder halbwegs adrett angezogene Musiker vermarktet heute eine Modelinie unter seinem Namen. Warum machen Sie das nicht?

Ich habe schon oft daran gedacht, aber es hat mich noch niemand gefragt. In Amerika wäre das längst geschehen, aber wir Engländer sind in mancher Hinsicht etwas zurückgeblieben. Und zurzeit wüsste ich auch gar nicht, wie ich das schaffen sollte. Denn ich bin ständig im Studio und arbeite intensiv an einem neuen Roxy-Music-Album.

Wer putzt eigentlich Ihre vielen Schuhe, wer bügelt Ihre Hemden, lüftet Ihre Anzüge?

Dafür sind verschiedene Teams zuständig, alle international ausgewählt. Nein, schön wär's! Es ist eine gute Therapie gegen alles Mögliche, seine Schuhe selbst zu polieren. Wenn ich die Zeit nicht habe, kümmert sich mein polnisches Hausmädchen Monika um meine Schuhe in London, um die auf dem Land Mary, eine ältere Dame. Meine Schuhe jedenfalls sind zurzeit in einem Top-Zustand!

Interview: Viola Keeve, Dirk van Versendaal