Christopher Bailey "Achtmal Sex im Monat? Schön wär's!"

Ganz schön groß kariert: Christopher Bailey hat vor sieben Jahren das Traditionslabel Burberry entstaubt und zählt heute zu den wichtigsten Modemachern der Gegenwart. Ein Gespräch über britische Klischees, sein Babyface - und einen Trenchcoat für 107.730 Euro.

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Mister Bailey, finden sich "Queen’s Greatest Hits" in Ihrer Sammlung?

Ja.

In Ihrem Bücherregal steht mindestens ein "Harry Potter"?

Ich habe gerade alle Bände meiner Mom überlassen.

In Ihrem Küchenrepertoire finden sich vier verschiedene Rezepte, darunter Spaghetti Bolognese?

Das kommt hin.

Bis an Ihr Lebensende werden Sie 35.000 Kekse essen?

Mehr. Sie werden sehen: Gleich kommt meine Assistentin mit einem Teller Kekse durch die Tür. Kekse sind eigentlich das Einzige, was ich bei der Arbeit esse.

Sie haben achtmal im Monat Sex?

Schön wär’s.

Es gab sechs Sexualpartner in Ihrem Leben?

Darauf antworte ich jetzt lieber nicht.

Macht nichts. Sie sind auch so auf einem guten Weg zu "Mr Average", zum britischen Durchschnittsmann, wie er bei einer aktuellen Umfrage des TV-Senders Channel 4 ermittelt wurde.

Ich bin ein Klischee. Das ist ja fast ein bisschen peinlich.

Braucht es einen waschechten Engländer wie Sie, um Burberry zu entwerfen?

Es ist jedenfalls hilfreich. Für einen Ausländer gerät das, was englisch ist, leicht zum Stereotyp: der klassische Anzug, der Punk-Style. Diese britischen Stilwelten sind vielschichtiger, als sie auf den ersten Blick scheinen. Sie dürfen niemals perfekt und fertig aussehen.

Woher rührt die Faszination, die von der "Britishness" ausgeht - mit denen Burberry sich erfolgreich vermarktet?

Auf die eine oder andere Weise hatte fast alle Welt einmal mit England zu tun. Als Kolonialreich haben wir also eine reiche internationale Geschichte. Außerdem leben wir auf einer Insel. Da geht es zu wie in einem Kochtopf, in dem alle ständig herumgerührt werden. Wer erhört werden will, muss schon Krach schlagen. Das macht uns vermutlich exzentrisch.

Und was fällt Ihnen zur deutschen Kultur ein?

Keine Angst, es ist nicht Hitler, der meiner Generation da in den Sinn kommt. Mir fallen Begriffe wie Präzision ein, Technomusik, Autoindustrie. Ich mag Deutschland. Ich habe eine Zeit lang in München gelebt, dann hatte ich auch noch eine Beziehung in Trier. Es ist sicher kein Zufall, dass die Leute aus meinem Team mich als germanisch beschreiben. Mir gefallen Deadlines und Terminkalender.

Ist es eigentlich ein Vorteil, mit 36 Jahren noch ein freundliches Babyface zu haben?

Jaaah! Da ist es, mein Lieblingswort! Wissen Sie, was meine Mutter mich am Wochenende fragte? "Christopher, wie kommt es, dass du immer noch wie ein 18-Jähriger aussiehst?" Das macht mich glücklich.

Im Geschäftsleben verschafft jugendliche Ausstrahlung vermutlich wenig Respekt?

Wenn ich zu diesen Analystentreffen von Burberry gehe, dann sehe ich manchen Herrschaften an, wie sie sich fragen: Wer ist dieses Bürschchen? Hören sie mich dann reden, legt sich ihr Misstrauen.

Was scheint Ihnen attraktiver: jung bleiben oder weise werden?

Jung bleiben. Man ist offener für die Welt. Wer zu viel erlebt hat, wird durch zu viele Parameter gebremst.

Wozu taugt eigentlich Ihre hochmodische "Prorsum"-Kollektion? Die ist zwar wunderschön, wird stets gefeiert, ist aber nicht einmal in allen Burberry-Geschäften zu kaufen.

Mit "Prorsum" definieren wir unsere modische Haltung. Sie dient unserem Image.

Aber Geld wird verdient mit der "Burberry London"-Linie.

Wir trennen unsere Kollektionen nicht so streng voneinander. Burberry ist eine Marke, die den Mann auf der Straße und gleichzeitig die königliche Familie einkleidet. Und der Trenchcoat ist das demokratische Kleidungsstück per se, er hat nichts mit Macht, Klasse, Alter zu tun.

Für Burberry-Taschen wie "The Knight" muss man allerdings bis zu 2.500 Euro hinlegen.

Wir haben auch Taschen, die viel weniger kosten. Es ist meine Aufgabe, für unterschiedliche Einkommen zu entwerfen. Exklusivität bedeutet, dass man bestimmte Menschen nicht haben will. Das ist arrogant. Andererseits ist Mode nicht nur Spaß, Mode ist ein Geschäft. Auch wir müssen schauen, wonach die Kunden in unseren Läden suchen. Das liefern wir dann.

Wer braucht überhaupt noch Handtaschen? Es gibt längst genug.

Sagen Sie. Handtaschen sind keine Accessoires mehr. Sie sind ein ganzer Look. Frauen kaufen sich erst Taschen, dann suchen sie ihre Kleider danach aus.

Wissen Sie, wie viele der goldenen Alligatoren- Trenchcoats Ihrer Männerkollektion - Stückpreis 107.730 Euro - verkauft wurden?

Zehn Stück. Es gibt da einen Kunden aus Griechenland, der trägt ihn jetzt eine Saison lang, und dann wird er ihn zu uns nach London schicken, damit wir ihn zu einer Tasche machen. Als Idee gefällt mir das.

Das Zauberwort der Branche heißt Luxus. Leider können sich immer weniger Leute, zumindest in Europa, Luxus leisten.

Ich hoffe, dass Luxus keine Sache des Preises ist. Wenn Sie in einen Burberry- Laden gehen und Sie haben gerade einmal das Geld, ein Parfüm zu kaufen, so leisten Sie sich dennoch ein Stück Luxus. Luxus lässt sich nicht ausschließlich über den Geldwert definieren.

Im Frühjahr schloss Burberry aus Kostengründen einen Konfektionsbetrieb in Wales. Es gab Proteste, die Oscar-Preisträgerin Emma Thompson forderte: "Keep Burberry British".

Burberry hat die Entscheidung als wirtschaftlich nötig verteidigt und darauf hingewiesen, dass wir nach wie vor 80 Prozent unserer Produkte in der EU herstellen lassen, die Luxuskollektionen fast komplett in Großbritannien. Unsere Trenchcoats werden in Yorkshire gefertigt. Ich finde es frustrierend, wenn alte Webereien in Luxusappartements umgewandelt werden. Ich wünschte mir, dass diese Handwerkskünste am Leben blieben. Leider müssen sie auch in einer modernen Welt funktionieren. In der geht es nicht mehr nur um erstklassige Stoffqualität, sondern um Schnelligkeit, Beweglichkeit, auch um Kosten.

Als Marks & Spencer mit Teilen seiner Produktion ins Ausland ging und Konfektionäre massenhaft ihre Fabriken schließen mussten, war der Ärger nur halb so groß. Warum ist das bei Burberry anders?

Wir Briten sind immer aufseiten des Underdogs, als ein solcher wird Burberry wohl nicht mehr gesehen.

Ein Labour-Abgeordneter forderte, Burberry den Royal Warrant abzuerkennen.

Den Status eines Hoflieferanten haben wir noch immer.

Bringt Regen Burberrys Umsätze auf Trab?

Es kann passieren, dass in einer bestimmten Region Mitteleuropas plötzlich erstaunlich viele Mäntel verkauft werden. Das hat dann meist mit einem Polartief zu tun. Ansonsten entwerfen wir viel unabhängiger von den Jahreszeiten als früher. Weil die kalten Winter verschwunden sind. Wenn Sie heute in London einen traditionellen Dufflecoat anziehen, dann glüht Ihnen nach fünf Minuten der Kopf. In Yorkshire kann man ihn ein paar Wochen lang tragen. Da bläst ein eiskalter Wind.

Sie kommen ja nicht gerade aus Upperclass- Verhältnissen. Was denken Ihre Freunde von früher über Ihre Arbeit hier?

Ich nehme an, sie lachen auf, wenn sie Bilder von mir in der Zeitung sehen. Die leben ja in Yorkshire oder sonstwo, in meinem Londoner Büro sehen die mich nicht. Das soll auch so bleiben. Die Modewelt kann dramatisch sein, da ist es ganz nützlich, mal mit Abstand auf sie zu blicken. Ich bin in Yorkshire, so oft ich kann.

Verpassen Sie da nicht, was in London so alles läuft? Darf ein Designer auf den ständigen Kontakt zu Popkultur und Straßenleben verzichten?

Ich habe Kontakt zu allem, was mir Spaß macht. Man darf niemals den Fehler machen, etwas toll zu finden, bloß weil es hip ist.

Was hält die Zukunft für Sie bereit?

Vielleicht werde ich mal Dry-Stone-Walls bauen. Die sind typisch für unsere Landschaft in Yorkshire: Mauern aus unbehauenen Steinen, ohne Mörtel. Sieht einfach aus, ist aber sehr kompliziert. Diese Mauern halten Hunderte von Jahren. Dieses Handwerk würde ich gern erlernen.

Interview: Dirk van Versendaal

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