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Ein Besuch im Archiv des Modehauses: Haute-Couture-Kleider in Särgen - wo Dior seine wertvollsten Schätze hütet

Im Archiv von Dior laufen alle Fäden zusammen – dort werden Kleider behütet wie wertvolle Gemälde. Ein Besuch im Allerheiligsten des französischen Modehauses.

Von Silke Wichert

Dior: Ein Besuch im Archiv, wo das Modehaus seine Schätze lagert

Soizic Pfaff arbeitet schon seit mehr als 40 Jahren bei Dior und kennt jedes Stück

Der Sarg wird ganz behutsam geöffnet. Nur mit Handschuhen darf der Deckel angehoben und beiseitegeschoben werden. Was dann zum Vorschein kommt, ist eine perfekt konservierte Schönheit, knapp 64 Jahre alt: ein Haute-Couture-Kleid, entworfen von Christian Dior selbst, aus der Herbst-Winter-Kollektion 1954. Dunkelblauer Seidentüll mit aufwendig gearbeiteten Schleifen aus Samt und Strass, gebettet auf unzählige Lagen säurefreies Seidenpapier. Jede Schleife ist einzeln eingewickelt und mit Papier unterlegt, damit sie nicht den kostbaren Stoff berührt oder gar beschädigt. Innen im Sarg – so heißen die langen grauen Kartons – ist das Kleid mit weiterem Papier ausgepolstert und zugedeckt. Bis zu zwei Stunden kann es dauern, ein Kleidungsstück zu verpacken. Ganz schön viel Aufwand für ein Stück Stoff? Sicher. Aber man darf jede Wette eingehen, dass die Menschen hier auch zehn Stunden damit verbringen würden, wenn es nötig wäre.

"Dior Heritage"

Denn Zeit spielt an diesem Ort keine Rolle. Im Gegenteil, es wird alles dafür getan, sie außer Kraft zu setzen: Im Archiv von Dior werden die Kunstwerke eines der berühmtesten Couture-Häuser der Welt aufbewahrt und für die Nachwelt konserviert. Man ahnt, wie viel Kosten und Mühe in die Fertigung der Entwürfe der französischen Luxusmarke fließen, aber nur die wenigsten wissen, wie aufwendig das Erhalten und Restaurieren der Kleider danach sein kann. Oder warum es überhaupt so wichtig ist. Für den Luxuskonzern LVMH, zu dem Dior gehört, ruht hier nicht weniger als die DNA der Marke. Der Mythos muss am Leben gehalten werden. Ohne Pflege der Vergangenheit: keine Zukunft.

Gut gekühlt: Im Accessoire-Raum herrschen konstant 18 bis 19 Grad. In den Schaukästen werden (wechselnde) Modelle aus allen Jahrzehnten präsentiert

Gut gekühlt: Im Accessoire-Raum herrschen konstant 18 bis 19 Grad. In den Schaukästen werden (wechselnde) Modelle aus allen Jahrzehnten präsentiert

Fast jedes berühmte Modehaus unterhält heute ein Archiv, eine Sammlung wichtiger Entwürfe, historischer Skizzen, Stoffproben, Firmendokumente. Als Nachschlagewerk für die Designer und als Fundus für Ausstellungen und Retrospektiven. Beim Publikum war die Begeisterung für Mode als Kulturgut noch nie so groß.

In den Kleidersäcken hängen die Roben frei, wie dieses Couture-Modell aus dem Jahr 1957

In den Kleidersäcken hängen die Roben frei, wie dieses Couture-Modell aus dem Jahr 1957

Das Archiv von Lanvin, der ältesten Couture-Maison der Welt, befindet sich im Museum Palais Galliera in Paris, das von Balenciaga in einem modernen Betonbau am Rande der Stadt. "Dior Heritage", das Erbe, wie sie es schlicht nennen, war lange Zeit in wenig repräsentativen Räumen untergebracht. Letztes Jahr bekam das Archiv ein neues, elegantes Zuhause, 900 Quadratmeter, nur einen Steinwurf vom berühmten Stammhaus an der Avenue Montaigne entfernt. Doch an der Fassade des typischen Pariser Stadthauses findet sich kein Schild, keine Klingel, kein Hinweis. Das Archiv ist nicht für die Öffentlichkeit da, nur ausgewählte Besucher erhalten Zutritt in das Allerheiligste.

Der goldene Schnürstiefel rechts stammt aus dem Jahr 2016

Der goldene Schnürstiefel rechts stammt aus dem Jahr 2016

Durch einen kleinen Innenhof gelangt man in die mit Eichenparkett ausgelegten Räume. Eine geschwungene Wand ist mit dem "Cannage"-Muster geprägt, einem der markantesten Motive des Hauses – inspiriert von den geflochtenen Stuhlflächen in den Pariser Salons –, das Christian Dior zum ersten Mal 1951 bei einer Bluse verwendete. Gegenüber sind drei ikonische Entwürfe ausgestellt. Der Wert der Sammlung geht in die Millionen, aber nicht nur deshalb sind die Räume ein Hochsicherheitstrakt: Vor allem ist das Risiko zu groß, dass doch mal jemand auf Tuchfühlung geht. Anfassen ist hier ungefähr so verboten wie bei der "Mona Lisa" im Louvre.

"C'est non, non, non y non"

Dutzende weiße Handschuhe verbraucht Soizic Pfaff, die Leiterin des Archivs, pro Monat. Kurz nach der Begrüßung entschuldigt sie sich für ein paar Minuten – und kehrt mit einem frischen Paar an den Händen zurück. Menschliche Hautpartikel können die Fasern zersetzen, Fingernägel winzige Schäden hinterlassen. Pfaff arbeitet seit über 40 Jahren für das Haus, seit gut 30 Jahren leitet sie das Archiv. Vor allem in der jüngeren Vergangenheit hat sie eine ganze Menge Designer kommen und gehen sehen. John Galliano, der von 1996 bis 2011 Chefdesigner war, habe am Anfang eine ganze Woche im Archiv verbracht, erzählt Pfaff. "John kam auch später regelmäßig mit dem ganzen Designteam zu mir, um Skizzen und Looks einer bestimmten Kollektion anzusehen.

Hinter der Glasscheibe werden die Kleider auf Büsten gezogen, etwa für Ausstellungen

Hinter der Glasscheibe werden die Kleider auf Büsten gezogen, etwa für Ausstellungen

Raf Simons dagegen wollte vor allem Kleider aus der Zeit von Monsieur Dior und besondere Stoffe sehen." Ganz anders dagegen die aktuelle Kreativdirektorin Maria Grazia Chiuri, die erste Frau an der Spitze des Hauses, die 2016 von Valentino kam. "Sie interessiert sich für alle Designer und die Historie des Hauses. Immer wieder steht sie im Archiv und schaut sich genau an, wie die Kleidungsstücke verarbeitet wurden", sagt Pfaff. Sogar den Businessplan von Monsieur Dior studierte Chiuri ausführlich. Neuerdings haben Pfaff und ihre elf Mitarbeiter also deutlich mehr zu tun. Aber einen größeren Gefallen kann man dieser Dame, die mehr über Dior weiß als jeder andere, wahrscheinlich gar nicht tun.

Soizic Pfaff wirft einen Blick in die Boxen, in denen Stoffproben und Zeichnungen lagern. Die wichtigsten Stücke der Sammlung befinden sich im "Safe"

Soizic Pfaff wirft einen Blick in die Boxen, in denen Stoffproben und Zeichnungen lagern. Die wichtigsten Stücke der Sammlung befinden sich im "Safe"

Für die Herbst-Winter-Kollektion 2018 widmete sich Chiuri der Achtundsechziger-Bewegung, also ließ sie sich aus dem Archiv sämtliche Dokumente aus dieser Zeit kommen. Das Team förderte dabei auch einen Seidenschal zutage, auf dem die Parole "C'est non, non, non y non" geschrieben stand. Als das erste Model dann vergangenen März mit einem Wollpullover mit diesem Slogan, der auf Deutsch etwa "Nein heißt nein!" bedeutet, über den Laufsteg lief, dachten viele: Wie aktuell, "very #MeToo!" Dabei war es eben in Wirklichkeit "very Dior", sagt Pfaff.

Gute Zahlen

Früher galten Designer, die sich für ihre Kollektionen allzu offensichtlich im Archiv bedienten, als einfallslos. Doch weil da draußen mittlerweile so viele Marken um Aufmerksamkeit buhlen, wird es immer wichtiger, sofort sichtbare Codes zu transportieren. Die Geschichte eines Hauses soll nicht komplett neu, sondern weitergeschrieben werden – ohne langweilig zu werden, versteht sich. Anthony Vaccarello entwarf für den nächsten Winter bei Saint Laurent Kleider im Stil von Yves' berühmter russischer Kollektion von 1976. Chiuri arbeitete sich in ihrer ersten Kollektion am ikonischen "Barjacket" von Dior ab. Mittlerweile sucht sie eher Muster oder Verzierungen als historische Referenz, die sie neu interpretiert. "Ich sehe mich als Kuratorin für das Erbe von Dior", sagte Chiuri in einem Interview. Wer sich vor allem selbst verwirklichen wolle, solle lieber sein eigenes Label gründen. Bislang geht ihre Strategie auf: Die Zahlen von Dior sollen so gut sein wie lange nicht mehr, das Image der Marke ist jung wie nie –obwohl viele Elemente, genau genommen, alt sind.

Der Accessoire-Raum in voller Größe

Der Accessoire-Raum in voller Größe

Soizic Pfaff steht jetzt im Accessoire-Zimmer. Konstante 18 bis 19 Grad, 50 Prozent Luftfeuchtigkeit, gedämpftes Licht, alles wie im Museum. Kein Mitarbeiter wird an diesem Arbeitsplatz in die Versuchung kommen, kurze Ärmel zu tragen. Jeder Entwurf ist abfotografiert und katalogisiert. Für jeden Schuh, jede Tasche und jedes Collier wurde eine eigene Dior-graue Schachtel angefertigt mit einer Art Schaumstoffbaum in Inneren, an dem das Stück befestigt ist, damit man es beim Herausnehmen nicht direkt berühren muss. Nichts darf verrutschen oder anecken, während es auf die nächste Wiederentdeckung wartet. Diese goldene, über und über verzierte Stiefelette mit den silbernen Haken als Schnürung, die gerade im Regal ausgestellt ist – eindeutig der Vorläufer für das schwarze Lackmodell aus der aktuellen Sommerkollektion.

Fast 10.000 Teile katalogisiert Teile

Während nach dem Tod des Gründers 1957 kaum Entwürfe archiviert wurden, versucht man seit Ende der 80er Jahre auf Auktionen und von privaten Kunden so viele Stücke wie möglich aufzutreiben. Alle Lücken sollen geschlossen werden. Einmal entdeckten sie bei einer Versteigerung ein paar Pumps, die Wallis Simpson gehört hatten, der Frau, für die Edward VIII auf den britischen Thron verzichtete. Fürst Rainier von Monaco spendete zwei Kleider von Grace Kelly. In den Neunzigern wurde dem Archiv ein Kleid angeboten, das sich als Prototyp eines Entwurfs des damaligen Designers Marc Bohan für Jackie Kennedy herausstellte.

Ein Porträt von Christian Dior

Ein Porträt von Christian Dior

Die Preise erreichen manchmal mehrere Zehntausend Euro. Bisweilen kauft das Archiv sogar beschädigte Sachen. "Weil die Art, wie die Spitze einer Bluse gearbeitet wurde, womöglich einmalig ist", sagt Pfaff. "Solche Stücke werden dann zu Dokumentationszwecken gekauft, nicht aber auf Puppen präsentiert." Sie und ihre Mitarbeiter arbeiteten ähnlich wie Archäologen – auch antike Vasen sind oft bruchstückhaft, trotzdem verraten sie viel über das Handwerk ihrer Zeit.

Soizic Pfaff zeigt ein Kleid aus dem Jahr 1954. Für die Lagerung wurde jede einzelne Schleife mit Papier unterlegt

Soizic Pfaff zeigt ein Kleid aus dem Jahr 1954. Für die Lagerung wurde jede einzelne Schleife mit Papier unterlegt

Fast 10.000 Teile sind inzwischen katalogisiert, kaum eine Marke verfügt über eine so umfangreiche Sammlung. Neuzugänge landen zuerst im sogenannten Transitraum, wo sie restauriert und "aufgezogen" werden: Jedes Kostüm oder Kleid bekommt seinen eigenen Hänger mit Auspolsterung, die das Gewicht des Stoffes gleichmäßig auf Schultern und Hüften verteilt, damit die Fasern nicht ausleiern oder brechen. Darüber wird ein Kleidersack gestülpt, mit festen Streben im Inneren, die den Stoff auf Abstand halten. "Jeder Druck auf die Kleider muss vermieden werden", sagt Pfaff.

Behandelt wie Picassos

Die wichtigsten Stücke werden dann eine Etage weiter unten verwahrt, in einem Magazin, das fast wie ein Tresorraum gesichert ist. Was nicht gehängt werden kann, weil es zu schwer oder schulterfrei ist, bekommt einen eigenen Sarg. Der restliche Bestand wird an einen geheimen Ort gebracht, drei Stunden von Paris entfernt.

Mehrmals pro Woche gibt es Transfers mit einem auf Kunst spezialisierten Transportunternehmen. Das Archiv ist ständig in Bewegung, für die Recherchen der Designabteilung, für Bildbände, für Ausstellungen. Wenn Stücke dann wieder "nach Hause" kommen, sagt Pfaff, müssen sie drei Wochen in "Quarantäne", in eine Kammer ohne Sauerstoff, damit sie garantiert frei von Insekten sind. "Im Grunde werden unsere Kleider behandelt wie Picassos", sagt Pfaff. Überflüssig zu erwähnen, dass sie das hier absolut angemessen finden.