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Fair Fashion: Die Haute-Couture-Bretterbude

Lässiges Design und gute Arbeitsbedingungen: Das Label Misericordia aus Peru stellt Fair Fashion her. Aber lässt sich mit Moral wirklich ein Geschäft betreiben?

Von Stefanie Luxat

Wenn der Wecker von Patricia Cordova Vilcapaza um sechs Uhr morgens klingelt und es draußen hell wird, dann hat die Peruanerin das Schlimmste schon hinter sich: die nächtliche Kälte und die Angst, ausgeraubt zu werden.

Die 22-Jährige schält sich aus den Kleiderschichten, die sie im Bett trägt. Der Pazifische Ozean, der nicht weit vor Patricias Haustür liegt, schickt seine Feuchtigkeit durch die Ritzen der Holzhütte, in der sie mit ihrer Mutter und ihrem Bruder lebt. Ohne Fenster, ohne fließend Wasser, über dem sandigen Boden sind Plastikfolien ausgebreitet. In Pachacútec, einem der ärmsten Viertel in Lima, suchen viele Kinder im Müll nach Plastikflaschen. So oder so ähnlich lebt etwa ein Drittel der Bevölkerung von Lima. Gekommen aus den Provinzen, mit der Hoffnung, in der Hauptstadt ein besseres Leben zu finden.

Genügend Platz zum Arbeiten

Für ihre Nachbarn ist Patricia auf dem besten Weg in dieses bessere Leben. Sie ist angestellt bei dem peruanischen Modelabel Misericordia. Die Schneiderei liegt in Lince, dem Zentrum von Lima. Der Bus, der sie dorthin bringt, ist so voll, dass die meisten Passagiere keinen Sitzplatz finden; einigen gelingt es, im Stehen zu schlafen. Patricias Fahrt dauert zwei Stunden. Links und rechts der Hauptstraße Panamericana erscheint die Welt langsam grüner, und immer mehr Häuser sind aus Stein, nicht aus Holz. Mitfahrer steigen aus, trotten zu ihren Arbeitsplätzen, wo unregelmäßige Bezahlung und Entlassung bei kleinsten Fehlern alltäglich sind.

In Lince angekommen, klopft Patricia an die große schwarze Stahltür der Misericordia- Schneiderei. Hinter dieser Tür ist fast alles anders, als es die meisten Peruaner aus ihrem Arbeitsleben kennen. Die zweistöckige Schneiderei befindet sich in einem Gebäude mit verputzten weißen Wänden und genügend Platz zum Arbeiten. Auf einem Zuschneidetisch stehen Lilien, an den Wänden hängen Bilder der Misericordia-Arbeiter und ihrer Mode. Die 30 Angestellten, im Durchschnitt um die 25 Jahre alt, arbeiten harmonisch zusammen. Nicht jeder von ihnen hat eine Ausbildung gemacht, trotzdem bekommen alle ein Gehalt, das weit über dem üblichen liegt. Dazu erhalten sie einen Monat bezahlten Urlaub, insgesamt 14 Gehälter, und auch für die Kranken- und Rentenversicherung ist gesorgt. Patricia verdient 200 Euro im Monat - davon kann sie ihre Familie miternähren.

"Nein, nein, nein, so geht das doch nicht!", tönt es plötzlich aus einer Ecke der Halle. Ein großer Mann mit Struwwelfrisur und Schnurrbart springt von seinem Stuhl auf und eilt zu einer der Näherinnen. Bremst noch schnell sein Temperament und versucht, ruhig zu fragen: "Glaubst du ernsthaft, dass unsere Kunden es nicht merken, wenn du Löcher einfach mit Uhu- Kleber stopfst?" Die Näherin hält ein schlichtes, sportliches Misericordia-Shirt in den Händen, vorne geschmückt mit dem Logo der Marke: Es zeigt zwei Hände, ein Herz und einen Stern, was die Liebe, den Geist und die Hoffnung der Menschen von Misericordia symbolisieren soll. Sie versteht nicht, was ihr Chef, der 35-jährige Franzose Aurelyen Conty, ihr erklären will. Er versucht es noch einmal: "Unsere Kunden aus Europa und Amerika wünschen Perfektion." Und keine Nähte, die mit Kleber zusammengehalten werden. Auf dem Rückweg zu seinem Schreibtisch murmelt Aurelyen Conty: "Manchmal könnte ich ihnen allen die Gurgel umdrehen."

Aus Schuluniform wird Modelabel

Doch Misericordia heißt Barmherzigkeit, und darauf fußt die Geschäftsidee von Aurelyen Conty. Die Geschichte von den Anfängen der Firma klingt fast unwirklich: Zwei französische Globetrotter, der eine hat Kunst studiert, der andere BWL, kommen vor etwa sechs Jahren nach Peru und statten aus Neugier der Schule der Nuestra Señora de la Misericordia einen Besuch ab. Sie wird geleitet von den Nonnen der Barmherzigkeit im Armenviertel Ventanilla. Die beiden jungen Männer sind fasziniert vom Überlebenswillen der Armen - und der hübschen Schuluniform, die sie tragen. "Ich spürte, dass man in diesem chaotischen Land noch viel bewirken kann", sagt Aurelyen Conty. "Ganz anders als in unserer durchorganisierten Heimat." Obwohl sie keinen blassen Schimmer von Mode haben, beschließen die beiden, aus der Schuluniform ein Modelabel namens Misericordia abzuleiten. Sie wollen ihre Mitarbeiter fair behandeln und mit den Gewinnen soziale Projekte unterstützen. Wie etwa die Privatgrundschule "Mi otro mundo" (zu Deutsch: Meine andere Welt) für Kinder aus den Slums. Ihrer Schneiderei geben sie den Namen "La Cabaña de Alta Costura", die Bretterbude der Haute Couture.

Neues Konsumbedürfnis

Heute profitiert Misericordia vom neuen Konsumbedürfnis der Amerikaner und Europäer nach Fair Fashion. Viele Kunden wollen ganz genau wissen, woher die Produkte kommen, die sie kaufen, und zu welchen Bedingungen sie produziert werden. Der Modemarkt hat mit unzähligen Fair-Trade-Labeln auf diesen Trend reagiert. Auch die großen Konzerne schreiben sich verstärkt "Fair Fashion" auf ihre Werbefahnen. Sie beschäftigen "Social Responsibility"- Abteilungen mit bis zu 20 Angestellten und haben "Social Officer" vor Ort, die sich um die Einhaltung von sozialen Standards kümmern sollen. Trotzdem mussten sich voriges Jahr unter anderem das Versandhaus Heine sowie die Modelabel Esprit, Gap und H&M wegen Kinderarbeit bei ihren Zulieferern rechtfertigen. Die übliche Stellungnahme lautet: Die Produktionskette sei zu lang, man könne nicht alle beteiligten Unternehmen kontrollieren.

"Die Modekonzerne haben doch keine Seele", sagt Aurelyen Conty. "Die tun so, als seien sie von Unicef, und in Wirklichkeit beuten sie ihre Leute aus, weil sie alles noch günstiger haben wollen." So verbittert wird Contys Ton immer dann, wenn ihm der Erfolgsdruck, unter dem seine One-Man- Show steht, auf den Magen schlägt. Seitdem sich vor zwei Jahren sein Geschäftspartner Mathieu Reumaux erschöpft und frustriert aus der Firma verabschiedet hat, ist Conty allein verantwortlich für Design, Vermarktung, Vertrieb - und die Motivation seines Teams. Zur Messezeit in Europa, erzählt Conty, steige er in den billigsten Pensionen ab, während sich seine Kollegen braun gebrannt in den besten Hotels gegenseitig feiern. Warum er sich keinen neuen Partner dazuholt? Da muss er lachen. "Ich suche schon lange nach einem. Aber keiner will nach Peru kommen und mir helfen."

Die Misericordia-Mode wird in Europa, Amerika, China und Kanada verkauft, vorzugsweise in Trendboutiquen und Fair-Trade- Läden. Der Hipster-Laden "Colette" in Paris unterstützte Misericordia von Anfang an. 2007 hat das Label mit dem Verkauf von 15.000 Teilen immerhin einen Umsatz von 500.000 Euro erwirtschaftet. Ein T-Shirt von Misericordia kostet 60 Euro.

"Irgendwann sollen alle Mitarbeiter ein eigenes Haus in Lima besitzen"

Wie stehen die Erfolgschancen für die Zukunft? "Misericordia müsste sich bald für einen konkreten Stil entscheiden", sagt Fredericke Winkler, die Geschäftsführerin der Berliner Fair-Trade-Boutique "Belleville". "Zurzeit schwankt die Kollektion noch zwischen eleganter Prêt-à-porter und lässiger Sportswear." Misericordia ist zu mehr in der Lage, als es derzeit zeigt. Das hat Conty bereits durch Kooperationen mit den deutschen Avantgard-Designern Bernhard Willhelm und Stephan Schneider bewiesen. Seine Näherinnen hatten keinerlei Schwierigkeiten, die komplexen Entwürfe umzusetzen. Doch für Conty ist das Design zweitrangig. "Die Kleidung soll unsere Geschichte erzählen", sagt er. Deswegen ist ihm die Platzierung des Logos wichtiger als die Schnittform.

Dann erzählt Aurelyen Conty von seinem Traum: Irgendwann sollen alle seine Mitarbeiter ein eigenes Haus in Lima besitzen, eines aus Stein, sagt er. Doch nicht jeder will, was Aurelyen Conty gern hätte. Patricia möchte lieber heute als morgen nach Spanien auswandern. Sie glaubt, dass sie dort mehr verdienen und sich mehr leisten könnte. Ihre Mutter betet dafür, dass Patricia es schafft, das Land zu verlassen. So wie es 1200 Peruaner täglich tun. Noch ist Patricia hier. Und so steht auf der Karte, die die Misericordia-Arbeiter für Conty zum Geburtstag gebastelt haben, auch ihr Name. Und daneben: "For big boss. Big thank you!"

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