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GESPERRT! Hussein Chalayan: Untragbar schön

Ausgerechnet der größte Provokateur der Modebranche wurde von Puma als Design-Chef angeheuert: Hussein Chalayan soll den Sportartikler in Form bringen.

Von Dirk van Versendaal

Mit Fragen nach Saumlängen oder Modefarben soll man Hussein Chalayan gar nicht erst kommen, oh, wie langweilig. Der Daniel Düsentrieb hält sich mit solchen Dingen kaum auf. Lieber verwandelt er Tische in Reifröcke, macht Kleider zu Leuchthüllen, Kleinflugzeugen oder zu Zuckerwerk. Kaum zu glauben, dass dieser Modedesigner berufen wurde, Puma, das drittgrößte Sportbekleidungsunternehmen der Welt, in eine modische Zukunft zu führen. Kann er das?

Ja klar, antwortet Chalayan. "Meine Entwürfe sind immer tragbar gewesen. Und die paar Teile, die es nicht waren, dienten dazu, das Konzept hinter meiner Kollektion zu transportieren. Und das muss niemand verstehen. Hauptsache, meine Kleider gefallen." Er sitzt im Entree seines Studios im Londoner East End, auf einem Sofa, das seine glänzenden Jahre hinter sich hat und das der Dekoration ebenso wenig dient wie der Rest des Mobiliars: Kleiderpuppen, Nähmaschinen, Bügelbretter. Hier wird nicht präsentiert, sondern unter Neonröhren gearbeitet, und zwar an Ideen.

Ideen wie die schwarze Jacke, die er trägt: ein älteres Modell aus der eigenen Männerkollektion, durchdacht, multifunktional, reich an Taschen. "In dieser Jacke kann ich mein ganzes Leben verstauen, es ist toll. Wenn ich mit ihr auf Reisen gehe, bin ich mein eigenes Gepäck." Und so gebe es jede Menge an Kleidungsstücken, die wir brauchen könnten, die es aber noch nicht gibt: "Jacken, die sich schrumpfen lassen, Taschen, die wir wie eine Jacke anziehen."

Pragmatischer Visionär

Werden Puma-Kunden in Zukunft in Gebrauchsanweisungen blättern müssen, bevor sie in ihre Jogginghose steigen? Keine Sorge. Chalayan wird sich nicht an den sogenannten Performance-Linien, den Fußballtrikots oder Rennfahrerschuhen austoben, er wird sich um die Lifestyle-Kollektionen des Herzogenauracher Traditionsunternehmens kümmern. Denn da wurde manches vernachlässigt: "Vieles, was in der Sport- und Freizeitmode schön aussieht, ist schlecht geschnitten und hat wenig Nutzen; was dagegen nützlich ist, sieht oft schlecht aus oder langweilig. Daran müssen wir arbeiten."

Ähnlich wie der Lokalrivale Adidas hat auch Puma zuvor mit bekannten Designern gearbeitet, hat Schuhe von Jil Sander entwerfen lassen und von Alexander McQueen - eher Prestigeprojekte als Umsatzbringer. Mit Chalayan holt man sich nun, so Puma-Chef Jochen Zeitz, einen "Visionär" ins Haus. "Chalayan wird seinen provokanten Blickwinkel bei Puma einbringen", sagte Zeitz bei der Vorstellung in Paris.

Nach dem Einstieg des Luxusmarkenkonzerns PPR bei Puma im vergangenen Jahr sah der neue französische Großaktionär offenbar Handlungsbedarf. Wer Edelmarken wie Balenciaga, Bottega Veneta oder Yves Saint Laurent in seinem Portfolio hat, der ist geradezu verpflichtet, auch ein massentaugliches Label wie Puma in Richtung Mode aufzupeppen.

Es allen zeigen

Hussein Chalayan, 37, trägt Jeans, T-Shirt, Wanderschuhe, Einpaartagebart; er lebt mit dem Ruf, ohne die branchenüblichen Schlagschatten der Eitelkeit und Exaltiertheit auszukommen. Sein Können ist unbestritten: Museen wie der Louvre und das Londoner Victoria & Albert Museum stellten seine Entwürfe aus.

Gut, Chalayans eigene Marke krebst seit ihrer Gründung vor 14 Jahren in steter Sichtweite des Abgrundes herum, er hat Modenschauen aus Kostengründen abgesagt, manche seiner Entwürfe blieben Prototypen. "Mehr war mit meinen finanziellen Mitteln nicht drin."

Die kargen Zeiten dürften nun hinter Chalayan liegen. Die Puma AG hat die Mehrheit an seinem Unternehmen erworben und wird die nötigen Schecks für eine Expansion ausschreiben, sich um den Markenaufbau und die Produktion kümmern. Er habe lange genug in einer Nische vor sich hingewerkelt, sagt Chalayan erfreut, "endlich bietet sich die Chance, mehr Menschen zu zeigen, was ich mache".

Kindheit voller Angst

Fürchtet er nicht, zu enden wie einst Jil Sander oder Helmut Lang, die im Prada-Konzern angedockt hatten und später im Streit aus dem eigenen Haus geworfen wurden? Überhaupt nicht, antwortet er. "Ich vermute mal, dass Lang und Sander schon Unmengen von Geld gemacht, den Enthusiasmus verloren und sich zurückgelehnt hatten." Außerdem habe er gehört, dass weder Sander noch Lang sonderlich gut mit Menschen konnten. "Ich dagegen halte mich für jemanden, der gut mit Menschen umzugehen weiß." Das möge sich zwar nach Lalaliebe und Gewäsch anhören, sagt er. "Aber wenn man in einer Welt voller Tragödien und unlösbarer Probleme aufwächst, dann lernt man Kompromisse zu schätzen."

Chalayan wurde 1970 im türkischen Teil Zyperns geboren. Kindheit und Jugend verbrachte er in Nikosia und in London, als ein viel reisendes Einzelkind getrennt lebender Eltern. An die Schuljahre im Internat im Norden Londons hat er keine guten Erinnerungen: "Ein Drill wie beim Militär, und die Kinder taten alles, um einen zur Weißglut zu treiben, vor allem uns Ausländer." Auch an Nikosia denkt er mit gemischten Gefühlen zurück: "Wir lebten in der Nähe der Grenze, und die politischen Spannungen zwischen dem türkischen und dem griechischen Teil der Insel bestimmten unseren Alltag. Ich wuchs in der Atmosphäre des Krieges auf, wenn ich ein Knallen hörte, wusste ich nicht: Sind das spielende Kinder oder Soldaten? Meine Mutter wurde einige Male evakuiert und lebte in ständiger Angst, die griechischen Soldaten würden kommen und uns holen."

Wäre es nach den Eltern gegangen, dann wäre Hussein Chalayan heute Architekt. Doch nichts da. Formen machten ihm Freude, Linien, weniger aber die der Baukunst. "Mich hat immer der Körper begeistert, seine Bewegungen." Nach dem Modestudium am renommierten Londoner Saint Martins College und einer Assistenz bei Timothy Everest in der Savile Row gründete er 1993 seine eigene Marke.

"Die Kritiker sollen froh sein"

Hussein Chalayan denkt schnell, und er spricht schnell. Und manchmal denkt er schneller, als er sprechen kann. Dann hüpft er vom einen zum anderen Thema, etwa zu der Vermutung, dass sein Technik-Tick doch wohl von der Mutter komme, die jedenfalls "hat ständig irgendwelche Dinge gemacht: in der Küche, im Garten, im Haushalt, immerzu". Er erzählt von seinen ersten Besuchen im fränkischen Herzogenaurach, dem Firmensitz Pumas, sowie im nahen Nürnberg, wo er angetan war von der Architektur und den Biergärten, weniger dagegen von den Rostbratwürsten, von denen er aber immer noch mehr hält als vom Modebusiness. "Erfolg in der Mode beruht selten auf Leistung, Fähigkeit und Integrität", sagt er. Die Branche sei voll mit schrecklichen Leuten.

Lästereien, er verfange sich allzu häufig in seinen versponnenen Ideen, seine Entwürfe seien pure Effekthascherei, hat er sich nie zu Herzen genommen. "Die Kritiker sollten im Übrigen froh sein, dass ich so komische Ideen habe, dann haben sie etwas zu tun. Über Kleider zu schreiben ist nämlich tödlich langweilig."

Mitarbeit: Jina Khayyer / print