JOURNAL MODE + KOSMETIK Afrikas ewiger Zauber


Die Mode kommt nie ohne Zitate aus. Mal bedient sie sich in Japan, mal in Peru. Doch dem Schwarzen Kontinent mit seinen fantastischen Farben und Formen sind die Designer für immer verfallen.

Unter all den rätselhaften Verboten, die Zaires Präsident Mobutu Sese Seko im Lauf seines Diktatorenlebens erließ, machte eines immerhin ein bisschen Sinn: das Verbot, in seinem Land Krawatten und westliche Anzüge zu tragen. Seiner Ansicht nach drohten die nämlich, den afrikanischen Traditionskleidern den Garaus zu machen. Im Namen »afrikanischer Authentizität« propagierte Mobutu stattdessen eine Art Nehru-Jacke, die den Namen »Abacost« erhielt - von »à bas le costume« -, was so viel heißt wie: Nieder mit dem Anzug!

Wenn er noch lebte, und das in Paris, dann hätte er als Gast der Prêt-à-porter-Schauen seine Freude gehabt: Wie selten zuvor lassen sich die Modemacher von folkloristischen Gewändern inspirieren. Sie führten ihre Zuschauer nach Indochina und Afghanistan, in Mayastädte und die Mongolei, in den Maghreb, nach Ostafrika. John Galliano bediente sich querbeet aus diversen Kulturkreisen und mischte für Dior den Maya-Apachen-Kasaken-Look, Hussein Chalayan lieferte eine Lektion in türkischer Trachtenkunde ab, Strenesse setzte auf Kimonoschnitte; bei Emanuel Ungaro verlor man jede Zurückhaltung vor lauter Entzücken für die Kostüme Afrikas, »gefertigt aus Kontrasten und Spannungen, aus Verführung und Sinnlichkeit, aus Stille und Lärm, aus einer großen geheimen Kraft...«

Nicht zum ersten Mal bedient sich die europäische Mode aus dem Fundus fremder Traditionen. Bereits die Mode der frühen Zwanziger war »ethno«: Jacques Doucets Abendkleider imitierten den ägyptischen Stil, Madeleine Chèruit ließ sich vom Schnitt der kambodschanischen Nationaltracht inspirieren, Callot orientierte sich an chinesischen, Lanvin anaztekischen Gewandformen, und Chanels Kollektion war russischer als alle in Paris lebenden Exilanten zusammen. Unter anderem der Erste Weltkrieg hatte den Blick auf fremde Kleidungssitten frei gemacht.

Die letzte breite Ethnowelle kam Ende der Sechziger mit den Hippies, die fernen Philosophien huldigten und durch die Welt reisten. Zandra Rhodes zeigte damals Kollektionen im Ukraine-Stil, Valentino fand Gefallen am »Berber-Look«, dem Japaner Kenzo gelang der Durchbruch mit südamerikanischen Folkloreelementen.

Zu den einflussreichsten Entwürfen des französischen Modeschöpfers Yves Saint Laurent gehören seine ersten »afrikanischen« Ensembles von 1967. Seit jenen Tagen tigert, panthert und kräht es auf den Laufstegen der Metropolen. Immer wieder zog sich Saint Laurent - geboren im algerischen Oran - in sein Haus in Marrakesch zurück, um dort, wie er sagte, nach sinnlichen Eindrücken zu jagen. Noch heute schöpft sein Nachfolger Tom Ford aus der reichen Beute Saint Laurents. Leopardendrucke und Wüstenfarben prägen die aktuellen Kollektionen des Hauses YSL, für sein Taschenmodell »Mombasa« benutzte Ford die Hörner afrikanischer Hirsche als Griffe.

Die Amerikanerin Donna Karan beschäftigt gar eine professionelle Sammlerin, die auf dem Schwarzen Kontinent nach wunderlichen Dingen sucht. Ab und an macht sich die Designerin auch selbst auf die Reise und sammelt dann »tiefe Spiritualität, ästhetische Sensibilisierung und altbewährte Handarbeit«. John Galliano gibt offen zu, dass ihn weniger das gegenwärtige Afrika interessiere als vielmehr eine idealisierte Vergangenheit: »Die Würde der Menschen und dieses vage postkoloniale Gefühl waren es, die meine Aufmerksamkeit erregten.«

Eines der Geheimnisse der Mode besteht seit jeher im globalen Mischmasch, deshalb plündern Modedesigner fremde Traditionen nach Belieben. »Wir haben das Recht«, hat Franco Moschino einmal gesagt, »Ideen zu stehlen, wo wir wollen. Aus jeder Kultur, aus jedem Teil der Welt, aus jedem Bereich des Lebens.«

Wenn Designer und ihre Kreativ-Teams sich zu Inspirationsreisen nach Uganda, Kenia und Südafrika aufmachen, dann bringen sie jede Menge Ideen mit nach Europa zurück, Farbeindrücke, Stoffe, Schmuck. So entstehen die schönen Kunstwelten der Mode, in denen Aids, Hunger, Bürgerkrieg und Flucht keinen Platz haben, meist nicht einmal die Afrikaner selbst: Typische Fotostrecken etwa zeigten lange nur weißhäutige Models inmitten schwarzhäutiger Komparsen; als sich das deutsche Fotomodell Veruschka 1968 im Berber-Look zeigte, da war ihre Haut dunkelbraun geschminkt. Erst seit Naomi Campbell 1988 der Sprung aufs Cover der französischen »Vogue« gelang, sieht man regelmäßig dunkelhäutige Models auf den Laufstegen und in Modemagazinen.

Vermutlich gefällt Afrika den Modemachern am besten, wenn sie es wie Gianni Versace erleben und bereisen: Die schönste Zeit seines Lebens, erzählte der Italiener gern, habe er im Sudan verbracht. Mit Freunden lebte er 18 Tage lang in einem kleinen Zelt, »ganz einfach, ganz spartanisch, nur der Mond, die Sterne und die Wüste um uns herum. Jeden Tag badeten wir im Nil«. Dass die Abenteurer von einem Führer mit Jeep, einem Diener und einem Koch begleitet wurden, das verschwieg er meist.

Von Dirk van Versendaal und Stefan Indlekofer (Fotos)


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