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Gianfranco Ferré: Architekt der Mode

Gianfranco Ferré gehört seit über einem Vierteljahrhundert zu den erfolgreichsten Designern Italiens. Heute feiert der gemütlich wirkende Modeschöpfer seinen 60. Geburtstag.

Gemütlich sieht er aus, etwas rundlich, mit markantem weißem Vollbart und runder Brille. Auf den ersten Blick wirkt Gianfranco Ferré eher wie ein Universitätsprofessor. Er hat nicht die kühle Eleganz eines Giorgio Armani, die Exzentrik eines Karl Lagerfeld oder das Lächeln eines stets braun gebrannten Valentino. Dafür hat Ferré Standhaftigkeit und Stil, zwei Attribute, die ihn seit über einem Vierteljahrhundert zu einem der berühmtesten Designer Italiens gemacht haben. In der von schrillen Übertreibungen geprägten internationalen Modeszene sind seine tragbar-femininen Entwürfe eine wohltuende Ausnahme. Am 15. August wird Gianfranco Ferré 60 Jahre alt.

Dabei wollte der 1944 in Legnano bei Mailand geborene Modeschöpfer eigentlich Architekt werden. 1969 schloss er sein Studium mit summa cum laude ab, hatte dann aber Schwierigkeiten, eine geeignete Stelle zu finden. Also versuchte es Ferré mit Möbel-Design und kurze Zeit später mit dem Entwerfen von Schmuck. Schnell wurde die Presse auf ihn aufmerksam, allen voran die Herausgeberin der italienischen Vogue Anna Piaggi, die ihn international bekannt machte. Kaum ein anderer Designer ist so vielseitig wie Ferré, der dieses Talent einmal so beschrieb: "Ob ich ein Kleid, Möbel, ein Haus oder eine Stadt entwerfe, für mich ist es jedes Mal derselbe Vorgang."

1978 präsentierte Ferré erstmals seine Kreationen der Öffentlichkeit

Eine ganz neue Kreativität kam für Ferré jedoch erst mit dem Orient. Seine Reisen vor allem nach Indien, wo er sich lange Zeit aufhielt, haben sein Schaffen bis heute geprägt. "Wahrscheinlich wäre mein Stil ohne mein Zusammentreffen mit dem Orient ganz anders gewesen", sagt der Meister. "Opulente Einfachheit" und "prunkvoller Minimalismus" seien die widersprüchlichen Markenzeichen Indiens. Und eben diese Gegensätze stehen auch in den Kollektionen Ferrés im Vordergrund, bei denen er klare Linien mit fantasievollen Formen vereint.

Schon bei seinen ersten Kreationen, die er 1978 nach der Gründung seines Ateliers in Mailand der Öffentlichkeit präsentierte, kombinierte er Naturtöne wie Cremeweiß und Perlgrau mit leuchtenden Edelsteinfarben. Wert legt der "Architekt der Mode" auch auf die Stoffe: Wertvoller Samt, fließende Seide, Satin, Pelz und Leder sind die bevorzugten Materialien. "Meine Entwürfe sind für eine intelligente, freie, starke Frau erdacht. Stark, was ihr Temperament, ihren Charakter und ihre Leidenschaft betrifft", sagt Ferré.

Ein Meilenstein in seiner Karriere war 1989 die Berufung zu Dior

Als Art Director sollte er die Haute-Couture-Linie für das traditionsreiche Modehaus entwerfen. Obwohl seine Modelle enthusiastisch gefeiert wurden, verließ er Paris 1996, um sich wieder ganz auf sein eigenes Modeimperium zu konzentrieren. Und das umfasst heute unzählige verschiedene Linien, wie Accessoires, Parfüm, Brillen, Kindermode, Schuhe, Schirme und Krawatten. Für sein Schaffen wurde er mit Preisen überhäuft und erhielt unter anderem mehrfach den "Oscar" der italienischen Textilindustrie sowie die "Gold Medal of Civic Merit" in Mailand.

Schon seit 1982 kreiert er zudem schnittige Herrenkollektionen. "Ich glaube fest an den notwendigen und wichtigen Unterschied zwischen den Geschlechtern. Die Frau suggeriert mir Intuition, Fantasie und Poesie, während die Entwürfe für Männer auf Vernunft und einer bestimmten Art von Ungehorsam begründet sind, der den Frauen und ihrer Besonnenheit weniger eigen ist", beschreibt Ferré sein Mode-Credo.

Carola Frentzen, dpa