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GALLIANO: The Wild One

Queen und Fashionszene sind sich einig. John Galliano, der jetzt in Paris seine neue Kollektion zeigt, ist der Superstar am Modehimmel: rebellisch, schräg - und megaerfolgreich.

Es ist schon nicht schlecht, von Queen Elizabeth II. den Orden des »Commander of the British Empire« überreicht zu bekommen. Wenn dann auch noch das Orchester zu »Hello, Dolly!« aufspielt und der Chor jubiliert, dann haut es selbst einen John Galliano um. »I loved it«, sagt er über die Zeremonie, die im Buckingham Palace stattfand. »It was so camp«.

Pausenclown der gehobenen Klasse

Camp, das heißt so viel wie schräg, daneben, ein bisschen schwuchtelig, reichlich kitschig, alles in allem aber wunderbar. Kein anderes Wort könnte Leben und Werk des Modemachers John Galliano treffender charakterisieren.

Als er Ende 1996 zum Kreativdirektor des siechen Modehauses Dior berufen wurde, galt er vielen als Pausenclown der gehobenen Klasse. Niemand zweifelte an seinen Fähigkeiten, es gab aber auch keinen, der damit rechnete, dass er lange im Amt bleiben würde. Gallianos Vita verzeichnete drei Geschäftspleiten, ein allzu turbulentes Privatleben, und also habe Bernard Arnault, oberster Dior-Boss, den Neuen bloß geholt, um mit Skandalen und Schlagzeilen den Verkauf von Accessoires und Parfüms anzukurbeln. Auf Dauer wäre der Sohn eines Klempners ohnehin ein zu harter Brocken für das piekfeine Couture-Haus.

Verjüngungskur für Dior

Fünf Jahre später haben sich die Umsätze von Dior vervierfacht, sogar im letzten Quartal 2001, als die Modebranche kollektiv im Krisentief versank, stiegen die Verkaufszahlen um 24 Prozent. Aus den sechs Dior-Läden, die es 1994 weltweit gab, sind mittlerweile 117 geworden. John Gallianos neuer Vertrag verschafft ihm die Kontrolle über die Damenkollektionen und Accessoires, über Werbekampagnen, Lizenzgeschäfte. Kaum ein anderer Designer hat derart weitreichende Befugnisse. Am dankbarsten ist man ihm bei Dior für die Verjüngung der Klientel. Als Gallianos Vorgänger Gianfranco Ferré das Sagen hatte, waren 52 Prozent der Kundschaft älter als 45 Jahre. Heute sind 87 Prozent jüngeren Alters, was etwa dem Klienten-Profil bei Gucci und Prada entspricht.

Galliano selber wird 42 und rutscht damit bald aus der so beliebten Konsumentengruppe heraus. Wird er besser mit den Jahren? »Ja, wie ein guter Wein - je älter der wird, desto stärker knallt er.« Da sind Zweifel angebracht, denn Galliano ist zahm geworden: Der einst für Saufgelage Berüchtigte steht heute auf Schwimmen, Yoga, gesunde Ernährung, Sonnenstudios. Seine Begleiter sind nicht mehr die überspannten Mitglieder der Londoner Clubszene, in deren drogengeschwängerten Kreisen er sich in den 80ern austobte, sondern Fitnesstrainer und Diätberater.

Dreadlocks, Muskeln und lackierte Nägel

Ungeniert nutzt Galliano jede Chance, seine Wandlung vom spiddeligen Jüngling zum Vorzeige-Adonis vorzuführen, sich halb nackt und als muskulöses Kleinkunstwerk zu präsentieren. Er lackiert seine Nägel; er steckt seine Haare zu Teufelshörnern, legt sie in Dreadlocks, lässt sie wie Rapunzel fallen. Das Wechseln seiner Garderobe betreibt er geradezu manisch, und er gönnt sich den Luxus eines eigenen Stylisten, der immer dann anreist, wenn John irgendwo vor Kameras oder Publikum tritt. Für manche ist so viel Schaulust Indiz für ungesunde Selbstbesessenheit; für ihn ist sie Teil des kreativen Prozesses: »Wenn ich eine Kollektion entwerfe, baue ich eine Geschichte um sie herum - und die lebe ich dann aus.«

Seine eigene begann 1960. Da wurde Juan Carlos Antonio Galliano in Gibraltar geboren. Sechs Jahre später zog seine Familie nach London, und er wuchs im Arbeiterviertel Peckham auf. Jobbte als »Samstagsjunge« in Modegeschäften, dekorierte Schaufenster, kleidete im National Theatre die Damen an. Dann besuchte er die St. Martins Modeschule, in einer Zeit, als in England Snobs wie Sir Hardy Amies die Richtung angaben, der sich mit Sprüchen wie »Wenn eine Gesellschaft keine Klassen hat, dann ist sie keine« profilierte. Amies' Ansichten hatten mit der britischen Wirklichkeit so wenig zu tun wie seine klassischen Entwürfe mit den modischen Überzeugungen Gallianos. Der hat immer wieder auf seine proletarische Herkunft gepocht: »Niemand sollte vergessen, wo er herkommt. Man kann den Jungen aus Süd-London rausholen, nicht aber Süd-London aus dem Jungen.«

Exaltiert, schräg, aufmüpfig

Von Beginn an waren seine Kollektionen exaltiert, schräg, aufmüpfig. Regelrechten Aufruhr verursachte seine »Tramp's Ball«-Kollektion, für die er verhärmte Jesusfiguren auf den Laufsteg schickte. Die reichen Stammkunden fühlten sich brüskiert, die Vertreter von Obdachlosenverbänden protestierten vor dem Stammsitz von Dior, denn Galliano hatte erklärt, Clochards, die er beim Joggen getroffen habe, hätten ihn auf seine Ideen gebracht. »Kein Mensch regt sich auf, wenn wir uns von Zigeunern inspirieren lassen«, verteidigte er sich. »Wenn wir aber auf die Armut vor der eigenen Haustür blicken, fängt das Geschrei an.«

Das gab es auch bei der »Train Show«, einem Potpourri historischer (und untragbarer) Kostüme. »Er macht sich lustig über die Reichen«, klagte »Vogue«-Experte André Leon Talley. »Man wollte aus der Schau fortrennen.« Tat aber niemand. Stattdessen ließen die Zuschauer auch noch den Auftritt Gallianos über sich ergehen: Mit nacktem Oberkörper, leuchtend roten Haaren und in Kampfmontur trat er auf den Laufsteg.

Verehrung für den Bürgerschreck

Zwar galten solche Revuenummern bei vielen als das Werk eines Mannes, der es in selbstzerstörerischer Raserei bis zu seinem Rauswurf treiben wollte - doch je schlimmer Galliano sich gebärdete, desto inniger liebte man ihn. Und so stieß er seine bourgeoise Klientel, die Adeligen und Dekadenten, mit seinen Kreationen so lange vor die Köpfe, bis sie ihn endlich verehrten. Auch am Ende der letzten, wieder einmal wilden Haute-Couture-Schau erhob sich das Publikum von seinen samtenen Stühlchen und brachte dem Bürgerschreck und dem nackten Oberkörper Ovationen dar.

Hip, toll, »camp«

Vom Dior-Management hofiert, von der Queen geehrt, vom Establishment vergöttert - bei so viel Gegenliebe müsste der ärgste Rebell seine umstürzlerische Wut verlieren. Zumal er längst Multimillionär ist, luxuriös im Pariser Marais-Viertel mit eigenem Koch und Chauffeur lebt und seine Wochenendreisen nach London immer seltener werden. Frisst die Mode also ihr rebellischstes Kind? Fühlt sich John Galliano als Liebling der Reichen und Schönen, als »Commander of the British Empire« noch immer hip, toll, camp? Immer noch als Speerspitze der Mode-Avantgarde? »Als ich jung war, da liebte ich das Wort Avantgarde, weil es nach Gefahr roch«, antwortet Galliano. »Erst später habe ich begriffen, dass scheitern muss, wer das Establishment von außen bekämpft.« Pause. »Also, John, habe ich mir irgendwann gesagt, musst du es wohl von innen her tun.«

Dirk van Versendaal