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Entlassener Dior-Designer: Karl Lagerfeld wettert gegen Galliano

Die "Affäre John Galliano" ist seit Tagen Gesprächsthema Nummer eins in Paris. Der ehemalige Stardesigner von Dior, der wegen antisemitischer Äußerungen seinen Hut nehmen musste, spaltet die Modeszene. Einige haben Mitleid, andere, wie Karl Lagerfeld, dreschen auf Galliano ein.

Von Estelle Marandon, Paris

Eigentlich wäre heute der Tag, an dem John Galliano, hochtalentierter Modeschöpfer und unverbesserliche Rampensau, wieder eine seiner berühmten Posen eingenommen hätte. Denn 14 Jahre lang gehörte zu jeder gelungenen Dior-Show der obligatorisch-theatralische Auftritt des Designers am Ende der Präsentation. Doch diesmal fand die Show ohne Maestro und traditionelle Selbstinszenierung statt. Das Modehaus Dior hatte den 50-jährigen Designer vergangenen Donnerstag wegen antisemitischer Äußerungen gefeuert. Abgesagt wurde die Modenschau deswegen allerdings nicht. "The show must go on", sagte Hilary Alexander, Fashion Director des "Daily Telegraph" dazu. Und auch sämtliche andere Modenschauen in Paris finden statt, als sei nichts geschehen.

Doch auf den Rängen vor den Catwalks ist die "Affäre Galliano" seit Tagen Gesprächsthema Nummer eins. "Ich habe in den letzten Tagen mit vielen Kollegen aus der Branche diskutiert", erzählt Jenny Barchfield von "Associated Press". "Niemand entschuldigt sein Verhalten und zwar ohne Ausnahme. Aber viele glauben an ein abgekartetes Spiel." Auch wenn es sich natürlich nur um Spekulationen handelt, immer wieder ist zu hören, dass Dior möglicherweise nur einen Vorwand gesucht hat, um den Designer loszuwerden. Angeblich habe er in den letzten Jahren nicht mehr so gut gearbeitet wie früher, und das Haus brauche außerdem ein neues Image. Gallianos Fehltritt sei für das Luxuslabel also eine ideale Gelegenheit gewesen, um ihn vor die Tür zu setzen. Benoit Heilbrunn, Professor an der ESCP und dem Institut Français de la Mode, formuliert es in einem Interview mit "Le Monde" sogar sehr deutlich: "Für mich ist das Ganze eine Marketing-Aktion, um sich auf einfache Weise aus der Affäre zu ziehen. Das ist das opportunistische Handeln einer Marke, die selbst auch nichts weiter ist, als opportunistisch."

Dass es hier ausschließlich um die rassistischen Äußerungen in der Pariser Szene-Bar "La Perle" gehen soll, können jedenfalls die wenigsten glauben. Dass John Galliano ein Hitler-Freund ist, noch viel weniger. "Ich kann ja nachvollziehen, dass Dior Maßnahmen ergreifen musste", sagt Jean-Paul Cauvin, Senior Fashion Editor der französischen Fachzeitschrift "Fashion Daily News". "Aber seien wir mal ehrlich, was wirft man ihm vor? Dass er Hitler liebt? Ich weiß nicht, was ihn getrieben hat, so etwas zu sagen, aber es spricht gegen alles, für das er steht", sagt der Branchen-Insider. "Ich glaube jedenfalls nicht, dass Galliano Hitlerfan ist. Schließlich hat er nie einen Hehl daraus gemacht, homosexuell zu sein. Jeder weiß, dass Hitler Homosexuelle ebenso gehasst hat wie Juden." Auch Maria Luisa Poumaillou, Fashion Director des Pariser Kaufhauses Printemps, hat ihre Zweifel daran, dass Galliano Rassist sein soll: "Wir sprechen immerhin von jemanden, der einmal am Ende einer Show als Rabbi aufgetreten ist", sagte sie der Zeitschrift "L'Express". "Ich glaube eher, dass er damit schocken wollte und dass das jetzt gegen ihn verwendet wird."

"Er braucht jetzt Hilfe"

Der Einzige, der laut gegen Galliano wettert, ist Karl Lagerfeld. Er sei stinksauer, sagte er der Modefachzeitschrift "Women's Wear Daily". "Die Frage ist nicht mehr, was er gesagt hat oder nicht", meint Lagerfeld. "Die Bilder sind einmal um die Welt gegangen und werfen ein fürchterliches Bild auf die Mode, die Leute werden glauben, alle Designer und die gesamte Modewelt seien so." Außerdem müsse man in Zeiten des Internets überlegt auftreten, vor allem als öffentliche Person. Man dürfe nicht einfach so sturzbetrunken auf die Straße gehen.

Trotz einstimmiger Empörung über Gallianos Verhalten ist die Modewelt aber in erster Linie bestürzt über das, was da nun mit ihm passiert. "Welcher Teufel Galliano geritten hat, werden wir wohl nie erfahren", schrieb Hilary Alexander in einem Artikel für den "Daily Telegraph". "Durch welche private Hölle er gerade geht, wissen wir ebenso wenig. Doch eines ist klar: Er braucht Hilfe. Ich will sein Verhalten nicht eine Sekunde entschuldigen. Es wird die Zeit kommen, in der er sich der Schlange in seiner Brust stellen muss. Aber gerade jetzt ist ein Moment in seinem Leben, in dem er die Unterstützung und Liebe der Industrie braucht, für die er sein Leben gegeben hat." Die Branche macht sich Sorgen um den gebeutelten Modeschöpfer, dem es ganz offensichtlich physisch wie mental schlecht zu gehen scheint. "Mich würde es nicht wundern, wenn diese Ereignisse Galliano in eine ebenso dramatische Lage brächten, wie das damals bei Alexander McQueen der Fall war", sagt Jean-Paul Cauvin. Der unter starken Depressionen leidende Modeschöpfer nahm sich Anfang 2010 das Leben.

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