Herbstmode Mut zum Übermut


Die neuen Mode-Ideen aus Mailand und Paris sind durchaus gewagt: Der Mann soll im Herbst Farbtupfer setzen in Rot, Lila, Grün. Auch Muster sind wieder angesagt - sowie schnittige Konturen. Da macht es Spaß, sich warm anzuziehen.
Von Dirk van Versendaal

Viel fehlte nicht, und die Besucher der Modenschau der US-Marke Calvin Klein wären auf ihren Plätzen eingenickt, betäubt vom Feinsten, das der amerikanische Minimalismus zu bieten hat. Ein weißer Aufzug nach dem anderen war an ihnen vorbeigezogen, ein milchiger Blouson war dem taubengrauen Pulli und dem altweißen Hemd gefolgt. Es war wie beim Schäfchenzählen. Da platzte ein Knallbonbon mitten auf den Laufsteg: ein Komplettlook in schreiendem Neongelb, vom Jackett bis zu den Schuhen so grell, dass es müde Augen aufriss, so schrill, dass sich die Zuschauer mit einem Szenenapplaus aus ihrem Halbschlaf herausklatschten. Farben wie Knallbonbons - Giftpfeilfrösche dürfen so aussehen. Aber die Männer?

Ja, durchaus. Fast alle Designer wagen sich neuerdings wieder ans Bunte. Bei Prada wurde mit kräftigem Blau gespielt, Gucci experimentierte mit minzgrünen Anzugjacken und blümchenbunten Stickereien. Inspiriert von der Blockkolorierung à la Piet Mondrian bastelte Raf Simons seine Entwürfe für Jil Sander, Balenciaga legte Türkis auf, Dries van Noten und Jean Paul Gaultier griffen gänzlich unbekümmert in den Malkasten.

Wie ernst soll man nun die Vorschläge der Modemacher nehmen? Jener Gestalten, die zwar andere immer wieder mal als bunte Clowns auf die Straße schicken, selbst aber keinesfalls für den flamboyanten Auftritt bekannt sind, sondern für den schwarzen Einheitslook?

Eine Frage der Dosierung

Ein farbenfrohes Potpourri, wie es derzeit angeboten wird, steht nicht jedem Mann. Und die wenigsten der neuen Farbschocker werden als Gesamtoutfit angeboten, geschweige denn getragen. Auf Töne wie Feuerwehrrot oder Brausepulverorange reagiert unser vegetatives Nervensystem wie alarmiert. Sich in ihnen außerhalb des Karnevals öffentlich zu zeigen bedarf also gigantischen Selbstvertrauens. Als auflockernde Accessoires aber, als Farbtupfer im Detail einer Badehose (Dirk Bikkembergs), eines Hemdes (Cavalli) oder einer Krawatte (Costume National) eignen sich die Vorschläge aus Mailand und Paris durchaus.

Etliche Regeln der klassischen Eleganz, des "fine men's dress", wurden vor fast zwei Jahrhunderten von George Bryan "Beau" Brummell (1778-1840) geprägt. Er behauptete - mit britischem Sinn für Paradoxes -, dass männliche Eleganz zu einem Großteil aus dem bestehe, was man ihr nicht ansehe. Dahinter steckte der Wunsch des nachrevolutionären Bürgertums, sich auch im Äußeren tunlichst vom grellbunt geputzten Mann des Adels abzusetzen.

Seither ist der dunkle Anzug die Uniform des männlichen Geschlechts; vor allem hierzulande herrscht eine Neigung zu gedeckten Farben. Wer sich zu bunt kleidet, gerät leicht in Verdacht, geschmacklos, billig, überkandidelt zu sein. "Es gibt viele Männer, die Angst vor starken Farben haben", konstatiert Andrea Cannelloni, der Chefdesigner der Linie "Boss Orange". "In den vergangenen Jahren gab es viel Grau und Schwarz. Jetzt kommen Farben mit aller Macht zurück." Das hänge, vermutet Cannelloni, "damit zusammen, dass die Wirtschaft nicht so gut läuft und die Menschen sich nach Frische sehnen".

Die Klientel bestimmt die Farbigkeit

Je grauer der Alltag, desto bunter die Mode? - Ganz so einfach ist die Sache mit der Farbe in der Männermode nicht. Dass es die Designermarken derzeit so ungestüm zur Kolorierung drängt, dass sich neuerdings sogar dezent farblose bis monochrome Kollektionen wie die von Giorgio Armani oder Salvatore Ferragamo an regelrechte Ethno-Entwürfe und quietschbunte Laufstegreisen nach Kalkutta wagen, hat vermutlich auch handfeste wirtschaftliche Gründe. Früher beschrieben die ethnologisch inspirierten Kollektionen der Designer unser Fernweh und unsere Sehnsüchte, heute verraten sie in der Regel nur noch, wo die Modemacher der Luxusklasse gerade ihre spendabelsten Kunden vermuten: Zurzeit sind dies vor allem China und Indien.

Und wo sie schon kräftig beim Einfärben waren, haben die Designer sich auch gleich an die Silhouette gewagt und der Männermode neuen Schliff verpasst. Nach einigen Saisons, die von einer gewissen Sorglosigkeit im Umgang mit der Etikette geprägt waren, fühlte manch einer offenbar die Zeit für eine Richtungsänderung gekommen. So geschah es, dass neben allerlei frivolen Pyjama- Versionen und schlabberigen Jogginghosen der formale Dresscode eine Wiederkehr erlebte: Sogar Doppelreiher und Dinnerjackets tauchen wieder auf, schnittige Anzüge und streng geführte Linien.

Einer, dem die allzu große Lässigkeit im Modischen seit Längerem das Herz schwer machte, ist Giorgio Armani. Mittlerweile sei alles erlaubt, sagte er am Rande der Designerschauen, "es ist viel Freizügigkeit im Spiel. Im Stadtzentrum Mailands sieht es aus wie im arabischen Suk. Schluss mit der Schlampigkeit!"

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