Ingo Maurer Der Erleuchter


Die meisten Menschen leben in schlechtem Licht - sagt der Altmeister des Lampenbaus, Ingo Maurer. Ein Gespräch über Designer-Funzeln, den Terror der Sparleuchten sowie die Schönheit der guten alten Glühbirne.

Herr Maurer, Sie haben in über 40 Jahren mehr als 200 Leuchten entworfen. Woher rührt Ihre Liebe zum Licht?

Ich habe sie durch einen Zufall entdeckt: Eines Abends im Jahr 1965 lag ich, nach einem guten Essen und reichlich Wein, auf dem Bett einer billigen venezianischen Pension und starrte an die Decke. Von dort schien eine nackte Glühbirne auf mich nieder. In diese Glühbirne habe ich mich verliebt. Ich dachte mir: Sie ist so wichtig in unserem Leben, wir sollten ihr eine größere Ehre erweisen. So entstand die Idee zu "Bulb", meiner ersten Leuchte ...

... einer übergroßen Glühbirne, die es in die Sammlung des Museum of Modern Art geschafft hat.

Später kamen in mir viele Erinnerungen an das Licht meiner Kindheit hoch: Ich lebte als Sohn eines Fischers auf der Bodenseeinsel Reichenau. Beim Fischfang habe ich auf dem Boot gelegen und dem Tanz des Lichts auf dem Wasser zugeschaut.

Was treibt Sie an - das Bestreben, dieses tanzende Licht einzufangen und in Lampenschirme zu verpacken?

Ich mag Lampenschirme nicht besonders gern - das französische Wort lautet "abatjour", was man auch übersetzen kann als "Töte den Tag". Ich möchte Licht eigentlich sehen und eine zärtliche Beziehung zu ihm eingehen. Licht streichelt uns, und es kann uns ganz gewaltig treffen. Eine schöne Leuchte vermag es, die guten Geister des Lichts zu erhaschen.

Bei welchen Leuchten ist Ihnen oder anderen Lichtmachern dies gelungen?

Die meisten Entwerfer sehen Licht als eine rein funktionelle Errungenschaft, als Produkt der Mathematik. Doch Gefühle kann man nicht errechnen! Ich betrachte Licht als einen Service, es hat eine dienende Funktion, die uns glücklicher macht. Vielleicht ist mir dies am ehesten mit "Oh Mei Ma" gelungen, einer Hängeleuchte aus sechs Blättern versilbertem Papier, durch die das Licht nach unten dringt.

Licht ist nicht gleich Licht: Welche Arten unterscheiden Sie?

Fangen wir an mit dem gleichgültigen Licht: Das geht nur, paff, an die Decke und gibt keinen Schatten. Etwa dieses Licht in Büros - tödlich! Dagegen müssen wir etwas unternehmen. Auch in Großraumbüros hat jeder Mitarbeiter Anrecht auf privates Licht. Wir brauchen nicht diese geschniegelten Büros überall, entworfen von zwanghaften Architekten. Unter meiner Leuchte "Zettel’z", eine Art Stern aus Drähten, an die beschriftete Papierstücke geheftet werden, kommt man bei Konferenzen auf andere Ideen.

Wie würden Sie diese Lichtart nennen?

Vielleicht spirituelles Licht. Besuchen Sie mal die Wallfahrtskirche Notre Dame du Haut in Ronchamp, entworfen von Le Corbusier. Legen Sie sich auf eine der Kirchenbänke und lassen Sie das Licht, das durch die Schächte fällt, auf sich wirken. Ein Gefühl, als würde man umarmt.

Licht kann also umarmen - kann es auch abstoßen?

In manchen Restaurants halte ich es nicht aus, in diesem harten Licht zu sitzen. Da würde ich am liebsten eine Schildkappe tragen. Aus dem Grund habe ich gerade für ein Restaurant in Shanghai ein Konzept entwickelt, bei dem die Gäste durchsichtige Hüte tragen, durch die sie vor dem grellen Licht geschützt werden.

Sollen Leuchten das Tageslicht nachahmen?

Das ist unmöglich, eine Illusion, denn im Tageslicht erscheint jeder Moment anders, neu. Ich schätze das Kunstlicht sehr. Wir haben die besten technischen Voraussetzungen, uns mit gutem Licht zu umgeben, doch leider: Die meisten Menschen leben in schlechtem Licht.

Wie erklären Sie den Unterschied zwischen gutem und schlechtem Licht?

Schlechtes Licht entsteht, wenn Leute unachtsam mit den Quellen umgehen. Bei den meisten steht doch zu Hause eine blöde Funzel rum. Oder gar eine Designerlampe, ein Monument, na eher: ein Monumentchen! Das meiste, was von den großen Lichtfirmen kommt, ist doch konzentriert auf Kommerz, Umsatz und Marketing. Ich würde gern ein Buch machen, für das ich einfach die Straße entlanggehe und durch Fenster fotografiere. Haarsträubend: Wenn Leute einen Lüster kurz unter die Decke hängen. Dabei müsste er doch viel weiter runter ...

Geht das eigentlich: gutes Licht für alle?

Nein, geht nicht, weil der Mensch entscheidet, bei welchem Licht er sich wohlfühlt. Ich zum Beispiel habe beim Essen gern ein Licht auf dem Tisch, das die Speisen beleuchtet, weniger die Speisenden.

Fühlen Sie sich berufen, den Menschen das gute Licht zu bringen?

Ich bin kein Messias, der den Menschen die Gebote des Lichts auf dem Tablett liefert. Trotzdem passiert es mir, dass ich irgendwo hinkomme und eine Leuchte tiefer oder höher stelle. Dann sagen die Leute manchmal: Äh, ist falsch so ...

Ihre Leuchte "One From The Heart" besitzt die Form eines Herzes, das Licht von "Mozzkito" strahlt aus einem Teesieb, die Birne bei "Lucellino" besitzt Flügel. Wie viel Kitsch ist erlaubt beim Lichtmachen?

Darüber denke ich nicht nach. Die Lampe "One From The Heart" war ursprünglich gedacht als ein Hochzeitsgeschenk für einen Freund. Dann ist sie in Serie gegangen. Václav Havel übrigens schreibt seine Vorträge im Licht dieser Leuchte.

Darf eine Lampe blenden?

Nur den Bruchteil einer Sekunde lang.

Gehört zu jeder Lampe ein Schalter?

Unbedingt, ich mag es gern, wenn ich Licht anschalten kann.

Was tun mit den Transformatoren, die an so vielen Leuchten hängen?

Weg damit! Irgendwann wird es uns gelingen, diese wüsten Schachteln abzuschaffen.

Sollen Leuchten besser stehen oder hängen?

Stehleuchten verstellen einem immer den Weg. Ich habe es lieber, wenn das Licht unterhalb der Augenhöhe stattfindet, etwa beim Lesen.

Kann man mit Licht verletzen?

Leider ja: Die Gestapo hat bei Verhören das Licht nicht abgeschaltet, es so lange angelassen, bis der Verhörte schier wahnsinnig geworden ist.

Es gibt diesen Titel: "Alles ist erleuchtet". Ist das eine angenehme Vorstellung für Sie, dass alles in Licht getränkt ist?

Nein, wir brauchen dringend die Nacht, wir brauchen die Schatten. Dunkelheit ist wie eine Decke, in die ich mich hülle. In Südeuropa haben die Häuser oft ein dunkles Zimmer: Das bietet den Luxus der Dunkelheit am helllichten Tag.

Kehren wir zur Glühbirne zurück. Sie sagten, Sie seien fasziniert von ihr. Und doch arbeiten Sie an ihrer Abschaffung, etwa mit den LED-Lampen, die Sie entwickelt haben.

Nein, das tue ich nicht! Meine LED-Forschungen sind als Erweiterung des Lichtspektrums gedacht. Ich kämpfe um die Glühbirne. Bei mir zu Hause würden Sie keine dieser ekelhaften Energiesparbirnen finden. Wir können es uns nicht gefallen lassen, diese langweilige Lichtart auf uns regnen zu lassen. Was meinen Sie, was passiert, wenn Australien tatsächlich die Glühbirne per Gesetz abschafft? Die Leute werden zum Psychiater laufen! Dieses Sparlicht macht krank. Wir können an anderen Stellen Energie sparen, etwa bei der Überbeleuchtung von Städten.

Wie wird das Licht der Zukunft aussehen?

Die Lichtquelle der Zukunft ist: Wir klatschen in die Hände, und da ist Licht. Ohne Form, ohne alles. Aber dann hätten wir keine Glühbirne mehr, und das wäre doch sehr schade.

Interview: Oliver Creutz

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