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Einstimmung auf Grimm-Jahr 2013: Die Mär vom deutschen Volksmärchen

Es war einmal... Dieser Anfang der grimmschen Märchen bringt Kinderaugen seit Jahrhunderten zum Leuchten. Eine Spurensuche anlässlich des 200. Geburtstags der ersten Auflage.

Die Grimmschen Märchen erzählen seit nun 200 Jahren von Zeiten, "wo das Wünschen noch geholfen hat", von Konflikten unter Brüderchen und Schwesterchen, von bösen Stiefmüttern und hilfreichen Tieren. Dass Kinder auch in Zeiten der Teletubbies glänzende Augen bekommen, wenn aus dem erstmals am 18. Dezember 1812 erschienenen Märchenbuch vorgelesen wird, liegt vor allem an der wunderlich schönen Sprache, mit der die Geschichten erzählt werden. Dass es aber die reine deutsche Volksseele ist, die aus den Märchen spricht, ist eine Mär, die von Germanisten längst enttarnt ist.

Die im hessischen Fulda lebenden Brüder und Sprachwissenschaftler Jacob und Wilhelm Grimm waren 1806 von dem romantischen Schriftsteller Clemens von Brentano beauftragt worden, volkstümliche Lieder und Märchen aufzuspüren. Doch von Feldforschung an den "heimlichen Plätzen in Wohnungen und Gärten", wo die Märchen den Grimms zufolge erzählt wurden, hielten die Brüder zunächst nicht viel.

Ihre Quellen waren deshalb zunächst junge Frauen aus dem gebildeten Bürgertum. Doch die erzählten ihnen bei literarischen Kränzchen und mit hessischem Dialekt, was sie von ihren hugenottischen Vorfahren gehört hatten: Die Kunstmärchen des französischen Schriftstellers Charles Perrault. So kam es, dass aus dem "Chaperon rouge" des Barockdichters das deutsche "Rotkäppchen" wurde und aus "Cendrillon" Aschenputtel, dass sich der "Gestiefelte Kater" in "Le chat botté" wiederfindet und "La barbe bleue" im Märchen "Blaubart".

Der Clou: die kindgerechte Bearbeitung

Die Grimms bemerkten zwar ihren Fehler und verbannten den "Gestiefelten Kater" und Blaubart" in den Anhang der folgenden Auflagen der zunächst kommerziell nicht erfolgreichen Märchensammlung. Doch auch ihre zweite Quelle, die hessische Bäuerin Dorothea Viehmann aus dem Dorf Niederzwehrn bei Kassel war nicht viel besser. Die "rüstige Frau" erzählte den beiden mit ihrer "ungemein lebendigen Art" zwar "die meisten und schönsten Märchen", heißt es im Vorwort der 1819 erschienenen Auflage. Doch auch ihre Geschichten hatten überwiegend französische Wurzeln.

Dass die Märchen erst nach einer Durststrecke von 13 Jahren zum Erfolg wurden und die handschriftliche Urfassung der Brüder mittlerweile von der Unesco zum Weltdokumentenerbe erklärt wurde, liegt nicht an ihrer Herkunft, sondern ihrer kindgerechten Bearbeitung vor durch Wilhelm Grimm: Er hatte die Märchen entsexualisiert, "einfacher und reiner erzählt" und Zoten und jeden andern "für das Kinderalter nicht passenden Ausdruck sorgfältig gelöscht".

Dem Germanisten Heinz Rölleke zufolge lehnte sich Wilhelm Grimm beim Umformulieren der Märchen an die Sprache der Lutherbibel an. Er schuf damit jenen betörenden Sprachstil, der die sogenannte kleine Ausgabe für Kinder mit 50 ausgewählten Märchen ab 1825 zu einem Erfolg werden ließ.

Erfüllung des grimmschen Traums via Internet

Dass die von den Grimms auch als "Erziehungsbuch" gedachte Sammlung die christlichen Moral und die pädagogischen Vorstellungen der Romantik und Aufklärung propagiert, tut dem Erfolg der Märchen bis heute keinen Abbruch. Mittlerweile sind alle Märchen bis zur Ausgabe letzter Hand aus dem Jahr 1857 im Internet kostenlos zu lesen. Der Traum der Gebrüder Grimm vom Märchen als Volksgut wurde damit Realität.

Wissenschaftler und Forscher aus aller Welt beschäftigen sich mit den grimmschen Geschichten fast ebenso lange, wie diese existieren. Bei dem bislang weltgrößten Grimm-Kongress, der vom 17. bis 20. Dezember in Kassel stattfindet, stehen die Gebrüder und ihre Sammlung von Geschichten im Mittelpunkt. Der Kongress gibt den Startschuss für das Grimm-Jahr, denn 2013 jähren sich zudem die Todestage von Jacob Grimm (20. September) und dem "Malerbruder" Ludwig Emil Grimm (4. April) zum 150. Mal.

Jürgen Oeder, AFP/DPA / DPA