HOME

Jil Sander: Meisterin der klaren Formen

Disziplin, Understatement und eine präzise Vision der Bedürfnisse moderner Menschen prägen das Leben der Designerin Jil Sander. Die Meisterin der klaren Formen feiert heute ihren 60. Geburtstag.

"Die Chefin ist wieder da" überschrieb der stern Jil Sanders spektakuläre Rückkehr. Als die Designerin dann Anfang Oktober in Mailand ihre erste Damenkollektion nach drei Jahren modischer Abstinenz präsentierte, schien sie das Zepter der Modewelt gänzlich in der Hand zu halten. Selten wurde eine Modemacherin so bejubelt, war ein Triumph so komplett. Am 27. November wird die «Chefin» 60 Jahre alt, doch ihre Mode wirkt frischer denn je.

Die Auszeit scheint der Hamburgerin gut getan zu haben. "Ich besaß plötzlich Zeit, zu mir selbst zu kommen", beschrieb Jil Sander die "kleiderlose" Phase. Im Januar 2000 war sie als Vorstandsvorsitzende der von der italienischen Prada-Gruppe kontrollierten Jil Sander AG ausgeschieden. Die Firma lebte fortan ohne Jil Sander, und das trotz der ehrgeizigen Pläne von Pradas napoleonisch anmutendem Chef Patrizio Bertelli mehr schlecht als recht. Die kühle Blonde hingegen begann aufzuleben. Segelte durch die Karibik, ging auf Partys, pflegte ihr Privatleben. Zuvor hatte ihr Leben vor allem aus unermüdlicher Arbeit bestanden.

"Queen of the Less"

Disziplin, Understatement und eine präzise Vision der Bedürfnisse moderner Menschen prägen das Leben dieser bedeutenden Designerin. Ihr Werk kann ohne Übertreibung mit den Leistungen einiger Bauhaus-Künstler in der Architektur verglichen werden. Neben Giorgio Armani hat maßgeblich Jil Sander der Mode zu einer klaren Formensprache verholfen. Handwerkliche Perfektion und zeitlose Ästhetik verbinden sich bei ihr zu einem Ganzen.

"Queen of the Less" heißt sie in der Modeszene. Ihre Philosophie, dass weniger mehr sei, wirkte zu Beginn ihrer Karriere revolutionär. "Je älter ich wurde, desto mehr Probleme hatte ich mit dem, was 'man' trägt", beschrieb Jil Sander ihre Jugendzeit in den 50er Jahren. Die aus dem schleswig-holsteinischen Wesselburen stammende Heidemarie Jiline Sander wuchs bei ihrer Mutter in Hamburg auf. Später absolvierte sie eine Ausbildung zur Textilingenieurin in Krefeld und arbeitete einige Jahre als Modejournalistin und Stilistin. 1968 eröffnete sie in Hamburg-Pöseldorf eine eigene Boutique, gleichsam die Keimzelle ihrer Designermarke.

"Ich bemitleide Frauen, die wie Pralinen aussehen"

Heute ist die Jil Sander AG ein Imperium mit Damen- und Herrenmode, Taschen, Schuhen, Brillen und Kosmetik. Trotz einiger Rückschläge setzte Jil Sander mit beispielloser Energie und großem Erfolg ihre Idee einer tragbaren und doch sinnlichen Mode um. Der Gipfelpunkt ihrer Laufbahn schien mit der 1997 herausgebrachten und hymnisch aufgenommenen Herrenlinie erreicht. Gleichzeitig jedoch wandelte sich die Modewelt. Das Zeitalter der großen Luxuskonzerne war angebrochen - international agierende Marken mussten viel Geld investieren, um im globalen Wettbewerb bestehen zu können. Als die italienische Prada-Gruppe 1999 die Mehrheit bei Jil Sander übernahm, schien eine elegante Lösung gefunden. Doch bald gab es Unstimmigkeiten zwischen Patrizio Bertelli und Jil Sander, die zu ihrem Ausscheiden führten.

Nach langen Geheimverhandlungen überraschte Sander im vergangenen Mai die Branche mit ihrer Rückkehr. Und mit einer etwas weicheren, ornamentaleren Mode. Dennoch gilt ihr Satz "Ich bemitleide Frauen, die wie Pralinen aussehen" nach wie vor. Ihr Bauhaus-Stil mutiert nicht zum Barock, sondern bewegt sich eher in Richtung "Art déco". Jil Sander ist eben eine Hanseatin. Hoffentlich wächst der Perfektionistin die Arbeit nicht über den Kopf. Das wäre schade. Schließlich ist endlich die "Chefin" zurück.

Stefanie Schütte, dpa