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Karl Lagerfeld: "Ich bin die Unschuld vom Lande ..."

... zumindest so lange, wie man ihn in Ruhe lässt. Einmal gereizt, schlägt Karl Lagerfeld verbal zurück. Verschont bleibt niemand: weder Kollegen noch Modehäuser.

Herr Lagerfeld, in der Talkshow von Sandra Maischberger haben Sie Jugendfreunde beleidigt, haben Ignoranz gegenüber den Arbeitsbedingungen von chinesischen Näherinnen demonstriert, und zum Thema Magermodels fiel Ihnen nur ein angeblich veränderter Knochenbau ein. Wann haben Sie sich eigentlich zum letzten Mal für Ihre Äußerungen geschämt?

Da muss ich wirklich lange überlegen. Denn ich bin eigentlich ganz lieb und nett. Ich bin die Unschuld vom Lande, solange man mich in Frieden lässt.

Und wenn nicht?

Wenn man mich schlecht behandelt, dann habe ich keine christliche Erziehung mehr. Mein Idol ist Kriemhild. Die Rache der Kriemhild.

Bitte mal im Ernst jetzt: Keiner, der Sie fünf Minuten erlebt hat, nimmt Ihnen den knallharten Zyniker ab.

Muss man auch nicht. Aber ich will ja nicht alles auf den Markt tragen.

In Wirklichkeit sind Sie wohl ein Romantiker. Ihre Kinderfotos verraten es doch: Der kleine Karl war ein sensibler Junge mit melancholischen Augen.

Und was sehen Sie jetzt? Einen romantischen älteren Herrn mit Sonnenbrille. Wissen Sie, es gibt Leute, die wirken wahnsinnig sympathisch und sind im Grunde grauenhaft. Und es gibt die umgekehrten Fälle. Wenn Sie so jemanden kennenlernen, dann ist das doch eine nette Überraschung. Ich lege jedenfalls keinen Wert darauf, dass Fremde mich für nett halten.

Sie werden nicht müde zu sagen, dass Sie sich nie verlieben, dass Sie keine Heimat haben, keine Wurzeln ...

... keine Karotten.

Wo leben Sie eigentlich? In Ihrem Pariser Haus, in Biarritz oder in New York?

Ich wohne, wo ich bin. Ich bringe mich überall selbst mit hin.

Nun haben Sie sich nach Berlin gebracht. Dort sind Fotografien von Ihnen ausgestellt, die einen einzigen Mann zeigen: das Model Brad Kroenig.

Ich wollte mal ein menschliches Wesen über eine längere Zeit beobachten. Interessanterweise war der Junge völlig unbekannt, als ich vor drei Jahren anfing, ihn zu fotografieren. Heute ist er das bestbezahlte Männermodel der Welt.

Leider wird die Neugierde des Ausstellungsbesuchers nicht ganz befriedigt. Warum zeigen Sie keine totalen Nudes?

Die Knackwürstchenfotografie liegt mir nicht. Bei meiner Arbeit handelt es sich um eine etwas poetischere Version der Wirklichkeit. Ich bin kein Urologe.

Modemacher, Fotograf, Verleger und omnipräsente Medienfigur - warum mischen Sie überall mit?

Weil ich nur so in einem Nonstop-Dialog mit der Wirklichkeit stehen kann. Daueraktivitäten sind gesund, stimulierend, und ich würde sie für alle Modeschöpfer per Zwang einführen. Damit sie die Mode auch erleben und nicht bloß etwas vorschlagen. Wenn meine Kollegen ihre Arbeit an den Kollektionen erledigt haben, dann gehen sie erst einmal in die Ferien, fahren nach Gstaad und verlieren den Kontakt mit der Welt.

Wie sieht ein typischer Tag in Ihrem Leben aus?

Mein Leben besteht daraus, die Tage untypisch zu machen. Da soll möglichst keiner an den anderen erinnern. Aber wenn ich jetzt mal schematisieren soll: Morgens bereite ich in Heimarbeit meinen Tag vor, denn da funktioniert mein Gehirn am besten. Nachmittags gehe ich in die Fabrik, meist ist das mein Atelier bei Chanel. Fotos mache ich gerne nachts.

Wie ging es Ihnen, als Sie in "The Beautiful Fall", dem Buch der Engländerin Alicia Drake, so allerlei über sich und Ihr Leben lesen konnten?

Ach, jetzt springen Sie in den Abgrund der Schundliteratur. Ich bin dieser Person ja nie begegnet. Sie schreibt über mein Leben, hat aber mit niemandem gesprochen, mit dem ich befreundet bin. Sondern nur mit rausgeschmissenen Angestellten, mit Leuten, die sich unehrlich benommen haben. In Frankreich ist das Buch schon verboten - raus aus den Läden und rein in den Mülleimer.

Was ist dran an der Rivalität zwischen Ihnen und Yves Saint Laurent?

Die entspringt der Fantasie seines Lebensgefährten Pierre Bergé. Yves hat seine Sachen gemacht, ich habe meine gemacht, das war mir egal. Der große Unterschied zwischen Yves' und meinem Leben war, dass ich mir nicht täglich Pierre Bergé aufs Brot zu schmieren brauchte.

Ist Ihnen nicht manchmal nach Ruhestand? Ihr Kollege Helmut Lang hat sich in sein Haus auf Long Island zurückgezogen und macht jetzt auf Kunst.

Der Helmut mag nicht so gerne arbeiten, glaube ich, aber er sieht glücklich und zufrieden aus.

Der Designchef von Louis Vuitton, Marc Jacobs, hat sein Interesse bekundet, Ihr Nachfolger bei Chanel zu werden.

Ich sehe das als Kompliment, denn er hat es auf sehr nette Weise gesagt. Ich kenne ihn seit seiner Assistenzzeit bei Perry Ellis in New York, ein süßer Junge. Ich kann ja nicht beurteilen, ob die ihn bei Chanel eines Tages mal haben wollen. Aber wenn ich's mal satthabe, werde ich vielleicht selber dran arbeiten, wer es nach mir mal macht.

Warum ist es trotz mehrfacher Versuche nie gelungen, eine preisgünstige Lagerfeld-Linie zu etablieren? Zuletzt hat die Tommy Hilfiger Corporation Ihr Label Karl Lagerfeld eingestellt.

Das lag an den Geldgebern. Wenn alle so schlau wären wie Bernard Arnault von LVMH oder der Chanel-Boss Alain Wertheimer, dann würde das klappen. Aber die meisten Investoren sind Dummköpfe und meinten, sie wüssten es besser. Außerdem: Man kann nicht auf allen Bällen tanzen. Wenn einer schon bei Chanel und Fendi so perfekt arbeitet, dann gönnen einem die Leute nicht noch einen weiteren Erfolg. Das ist wie bei Siegfried. Da suchen dann alle nach seiner einzig verwundbaren Stelle.

Coco Chanel hat den Frauen die Freiheit geschenkt, zu lachen, ohne in Ohnmacht zu fallen. Was haben Sie den Frauen geschenkt?

Geschenkt leider nichts, denn meine Sachen sind ziemlich teuer. Mein Leben besteht aus Vorschlägen, nicht aus Geschenken.

Blicken Sie mit Wohlwollen auf Ihre Designnachfolger bei Hennes & Mauritz, auf Viktor & Rolf und Stella McCartney?

Ja, doch. Vor allem, weil das bei denen nicht so gut geklappt hat wie bei mir. Bei Stella haben die Leute von H&M einen Fehler gemacht: Weil Kate Moss ihnen aus moralischen Gründen nicht mehr als Werbefigur passte, haben sie die Kollektion mit Stella selbst beworben. Doch junge Mädchen wollen nicht aussehen wie Stella, die wollen aussehen wie Kate.

Gibt es Dinge, für die Sie sich mittlerweile zu alt fühlen?

Im Gegenteil. Ihre Frage ist eine Art moderner Rassismus. Ich will mich nicht mit Picasso vergleichen, aber der war noch älter und hat jede Menge toller Sachen gemacht.

Und als man ihn fragte, was er täte, wenn er lebenslänglich eingesperrt wäre, antwortete er: "Ich würde mit meiner Scheiße malen."

Da hat er recht.

Was würden Sie an seiner Stelle machen?

Wenn ich lesen dürfte, wäre alles in Ordnung. Mein Leben ist sowieso nicht lang genug, um all meine 300 000 Bücher zu lesen.

Was sind Sie nie geworden?

Ursprünglich wollte ich Karikaturist werden. Die Zeichner des "Simplicissimus" waren die größten für mich. Wissen Sie, wenn man Feinde haben will, wird man Karikaturist. Und wer mich beleidigt, kriegt sofort eine Karikatur von mir geschickt.

Wie gemein.

Überhaupt nicht. Das sind dann Bilder, auf denen ich mich selbst zeichne. Ich kann mich, Gott sei Dank, nämlich über mich selbst lustig machen. Was mich natürlich nicht daran hindert, mich auch über andere lustig zu machen.

Die Ausstellung "One Man Shown" ist bis zum 4. Februar 2007 bei C/O Berlin im ehemaligen Postfuhramt in der Oranienburger Straße zu sehen (tgl. 11-20 Uhr)

Interview: Viola Keeve, Dirk van Versendaal / print