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Konfektionsgrößen: Die Vermessung der Körperwelt

Das Hemd kneift, die Hose hat Hochwasser - viele Kleiderprobleme liegen nicht am Einzelnen, sondern an den alten deutschen Konfektionsgrößen. Um diese anzupassen, werden nun 12.000 Männer, Frauen und Kinder neu vermessen.

Von Stephanie Souron

Wenn Boris Bauer das Wort "Shopping" hört, läuft in seinem Kopf ein Horrorfilm ab. Der schlaksige Mann steht in der Umkleidekabine und probiert Hosen an. Viele Hosen. Und keine passt. "Entweder sie sind am Bund zu weit oder an den Beinen zu kurz", sagt Bauer, 37. Auch Hemden findet er selten auf Anhieb. "Meine Arme sind irgendwie zu lang." Die Tortur des Kleiderkaufs hat er deshalb auf ein Minimum reduziert. "Zwei Mal im Jahr gehe ich ins Geschäft, das muss reichen."

Bauer, 1,88 Meter groß, 83 Kilogramm schwer, trägt Größe 98. Dass ihm die Klamotten von der Stange oft nicht passen, liegt nicht an ihm, sondern an den Modefirmen. Egal ob Esprit, Boss oder der Otto-Versand: Alle lassen ihre Kollektionen mit Maßtabellen schneidern, die nicht mehr viel mit der Realität gemein haben. Denn seit der letzten großen Vermessung der Männer vor über 40 Jahren ist der Durchschnittsdeutsche um rund vier Zentimeter gewachsen - nicht nur bei Boris Bauer sitzen viele Hosen deshalb auf Hochwasser.

Frauen ergeht es kaum besser: Nur jede Fünfte passt mit ihrer Figur in eine Standardgröße - meist klemmt es an der Hüfte. Außerdem ist eine Größe 38 nicht überall eine 38: Stichproben des stern in verschiedenen Modehäusern haben ergeben, dass eine klassische schwarze Stoffhose in 38 bei H&M einen Hüftumfang von 39,5 cm hat, bei Esprit aber 42 cm. Und eine Hose dieser Größe ist bei Esprit 83 cm lang, bei Zara dagegen 87,5 cm.

Taille eingebüßt, Brust zugelegt

Die 1994 bei den deutschen Frauen erfassten Körperdaten stimmen längst nicht mehr. "Die Frauen haben in den vergangenen Jahren Taille eingebüßt und im Brustbereich zugelegt", sagt Elfriede Kirchdörfer. Weil sich die Bekleidungsindustrie nicht an die gewachsenen Oberweiten angepasst hat, führt das zu einem unangenehmen Effekt: "Es zwickt obenrum."

Kirchdörfer, 58, rotes Haar und fester Händedruck, ist die Leiterin von "Size Germany". So heißt die Studie, mit der das Textilforschungszentrum der Hohensteiner Institute in der Nähe von Stuttgart endlich Klarheit am Kleiderständer schaffen will. In den kommenden Monaten werden quer durch Deutschland 12.000 Männer, Frauen und Kinder vermessen. Rund 70 Modefirmen beteiligen sich an der Studie, unter ihnen Adidas, C&A, Esprit, und Hugo Boss. Kosten: rund 1,5 Millionen Euro. Dabei wird sich auch herausstellen, ob die Menschen in Schleswig-Holstein größer sind als die in Bayern und ob es in Sachsen mehr Bierbäuche gibt als im Saarland. Es ist die größte Reihenmessung, die je in Europa stattgefunden hat.

Immer bleibt Größe 40 über

Elfriede Kirchdörfer sitzt in einem abgedunkelten Raum und starrt gebannt auf den Bildschirm. Hinter ihr hängen drei Schaufensterpuppen mit Idealmaßen, vor ihr wird eine blonde Frau namens Verena von einem Scanner abgetastet. Verena, 16, ist nur mit Unterwäsche bekleidet, während vier Lichtstrahlen an ihrem Körper herabwandern. Der Scanner surrt geschäftig, fünf Sekunden später hat der Computer anhand von zwei Millionen Messdaten einen elektronischen Zwilling von Verena erstellt.

Die junge Frau hat eine Traumfigur. 1,67 Meter, 52 Kilogramm, Kleidergröße 34. Trotzdem: "Die Hosen sind mir immer zu lang." Regelmäßig fährt sie von Kirchheim nach Stuttgart, um mit ihren Freundinnen durch die Klamottenläden zu stöbern. Meistens wird sie bei so einer Shoppingtour fündig, doch die Schnäppchen sind in ihrer Größe längst vergriffen. "Ich habe das Gefühl, in den Läden bleibt immer nur Größe 40 liegen", klagt Verena. "Gehen diese Frauen denn nie zum Kleiderkaufen?"

Der Traum von europäischen Einheitsgrößen

Mit den Daten von Verena und den anderen "Size Germany"-Teilnehmern wollen die großen Bekleidungsfirmen nicht nur die Passformen ihrer Anzüge, Röcke und Hemden verbessern, sondern auch die Lieferkontingente optimieren. Und irgendwann sollen diese Daten auch zu europäischen Einheitsmaßen führen. Denn bis heute ist eine deutsche Größe 38 in Frankreich Größe 40 - und in Italien 44.

Wenn man mit Elfriede Kirchdörfer über Europa spricht, rollt sie die Augen zur Zimmerdecke. Seit 1996 sitzt sie in einer europäischen Arbeitsgruppe, die sich um die Vereinheitlichung der Größen bemüht - bisher ohne Erfolg. "Wir streiten seit elf Jahren", fasst sie die Ergebnisse zusammen. Kein Land wolle wirklich von seinem System abweichen. "Dabei ist eine neue Größeneinteilung dringend notwendig", sagt Martin Rupp, der zusammen mit Kirchdörfer die "Size-Germany"-Studie leitet. Nicht nur, weil man dann im Laden schneller ein passendes T-Shirt findet. "Bei den Herrengrößen ist seit den 1960er Jahren der Bauchumfang an die Größe gekoppelt." Heißt: Je größer der Mann, desto dicker sein Bauch. "Das war vielleicht früher so, aber heute gibt es auch große, schlanke Männer", sagt Rupp. Boris Bauer ist das beste Beispiel.

Wie sich die Proportionen der Deutschen sonst noch verändert haben, werden die Ergebnisse der Studie Ende 2008 zeigen - Überraschungen sind dabei nicht ausgeschlossen. "Die Franzosen mussten sich nach ihrer Vermessung 2006 von einer Illusion verabschieden", sagt Kirchdörfer und lacht verschmitzt. "Denn die Frauen dort haben gar nicht so eine tolle Taille, wie alle immer denken."

Mitarbeit: Ninja Walter