HOME

Lebensgefühl: Licht aus, Spot an!

Die Siebziger waren nicht nur Slime, Brauner Bär und Pril-Blumen. Sie waren auch nur drei TV-Sender, Ölkrise und autofreier Sonntag. Und sie brachten uns Friedensdemos, Rasterfahndung und die RAF.

Prilblumen, Langhaarige, RAF, böse Fashion-Fehler und gaaaaanz viel Musik: Die 70er machen sich im Zuge der Retro-Welle wieder breit in unserem Leben. Doch bei aller Nostalgie: ganz so wie früher wird es natürlich nicht mehr. Schon allein deshalb, weil es in den 70ern nur drei Fernsehprogramme (die öffentlich-rechtlichen Sender eben) gab – und nicht fast 40 Sender, wie jetzt. Damals liefen die meisten Filme noch im Kino und nicht in der Glotze!

Filme liefen noch im Kino

In dem kleinen Kino bei uns ums Eck gab es eigentlich nur drei Arten von Film: Typ A waren Knochenbrecher mit Bruce Lee, sämtliche Spaghettiwestern und die ersten Katastrophenfilme. Dann kamen die ganzen Reports: Schuldmädchen-, Hausfrauen- und was sonst noch so in der Lederhose jodelte. Und natürlich die großen Hollywoodfilme wie Star Wars oder Saturday Night Fever. Dem Fernsehen blieben die Serien und Shows vorbehalten. Kojak, Starsky und Hutch, Columbo und die Straßen von San Francisco waren die erfolgreichen Auslandseinkäufe, Raumschiff Orion, Ekel Alfred und der Kommissar waren die besten heimischen Serien.

Skandale und Skandälchen

Fernsehgeschichte schrieb das Ehepaar Vivi Bach und Dietmar Schönherr mit ihrer Show "Wünsch Dir was". Was heute dem Publikum nur noch ein müdes Lächeln abringen würde, sorgte damals für deftige Skandale: eine Kandidatin musste in ein Terrarium mit Schlangen fassen um an dort gelagerte Banknotenbündel zu kommen; ein anderes Mal wurden Kandidaten mit ihrem Auto in einem Pool versenkt und konnten nur in allerletzter Minute gerettet werden. Da war die Show von Wim Thoelke (jaja, der mit Wum und Wendelin) schon harmloser. Der Vorläufer vom Bildungsfernsehen Jauchscher Manier half seinen Kandidaten bedächtig durch den Fragenparcours mit der legendären Video-Wand. Oder Hänschen Rosenthal, der bei Dalli Dalli vor Freude immer in die Luft sprang.

Kinderfernsehen auf dem Vormasch

Gleichzeitig wehte ein frischer Wind durch das Kinderprogramm. Sendungen wie die Sesamstraße fingen an, Kindern das Abenteuer Alltag zu erklären und prägten so eine ganze Generation. Auch Rabauken wie Ratz und Rübe, oder die Kinder vom Kli-Kla-Klawitter-Bus setzten die Autoritäten unter Zugzwang. Zur Erinnerung: Es war Anfang der 70er durchaus noch üblich, in der Schule eine "gesunde Watsch'n" zu bekommen und anti-autoritärer Erziehungsstil setzte sich erst langsam durch.

Hossa! Hossa! Hossa!

Wesentlich erfreulicher war da schon die Entwicklung auf dem Musiksektor: Ilja Richters "Disco" brachte die ausländischen Rockstars ins Wohnzimmer und Dieter Thomas Heck sorgte mit der "ZDF-Hitparade" und seinem Stakkato-Sprechstil dafür, dass der deutsche Schlager nicht zu kurz kam. Damals hieß Christian Anders noch nicht Lamu und sang gar herzerweichend vom "Zug nach Nirgendwo", während Rex Gildo es mit der "Fiesta Mexicana" krachen ließ und das seither unverwüstliche "Hossa!" ins Spiel brachte. Aber auch Auftritte von T-Rex samt deren hocherotischen Sänger Marc Bolan ließen den Hippiemädchen die Knie weich werden. Die ersten Boybands à la Bay City Rollers und den Rubbettes entdeckten die hohen Stimmlagen und Glam-Rocker wie Slade und Sweet zeigten, dass Plateausohlen nicht nur für Frauen gedacht waren.

Sex Pistols und John Travolta

Doch jede Bewegung provoziert irgendwann eine Gegenbewegung: Nachdem Musik und Auftrittsstil immer bombastischer wurden (Emerson, Lake und Palmer!) schlug das Pendel in die andere Richtung aus: Punk regte sich im Untergrund und die Sex Pistols setzten zu ihrem kurzen und gewalttätigen Kreuzzug gegen das Musicbiz an. Während die Mainstream-Mäuse zu John Travolta und den Bee Gees herumhopsten und im Saturday Night Fever lagen, gingen die Punks auf Konfrontationskurs zu allem und jedem.

Karin Spitra