HOME

Männermode: Schnelle Stiche in Fernost

In Hoi An, dem Nähstübchen von Vietnam, fertigen fleißige Schneider in so genannten "Tailor Shops" Maßkleider für preisbewusste Touristen.

Hilfe, ich habe nichts anzuziehen! Die dritte Hochzeit eines alten Freundes, Schwiegermutters Siebzigster stehen bevor, und der Blick in den Kleiderschrank geht ins Leere. Zu eng, zu alt, zu abgetragen. Es gibt im Leben eines Mannes Augenblicke, in denen er sich eingestehen muss, dass er in einer Krise steckt.

Rettung böte ein Herrenschneider oder die Fahrt in die Hamburger Mönckebergstraße. Weg eins ist unbezahlbar, Weg zwei unzumutbar. Dieses Anstehen vor Umkleidekabinen mit schweren Kleiderbügeln in der Hand; die verschwitzten Transaktionen von Klamotten, die immer irgendwo klemmen, nein!

Es gibt eine bessere Art von modischem Abenteuer. Man muss sie nicht für jede Anschaffung einer Bürohose ins Auge fassen, aber wer sowieso eine Erweiterung seines Horizonts durch Reisen vorhat, sollte sie in Erwägung ziehen. Diese Alternative beginnt mit einem Flug nach Saigon oder Hanoi. Umsteigen und Weiterflug nach Da Nang. Das Taxi bringt einen nach Hoi An. Die Stadt hat 80 000 Einwohner und ist beliebt als vietnamesisches Rothenburg ob der Tauber: ein romantisches Schmuckkästchen traditionellen Lebens. Es gibt eine verwinkelte Altstadt, einen Markt mit einem universellen Sortiment, das von Karpfen über Kohlköpfe bis zum Kloreiniger reicht. Und es gibt viele Hotelzimmer von 5 bis 150 Dollar; die ordentliche Mittelklasse liegt bei 25 Dollar, Garten und Pool inklusive.

Die eigentliche Attraktion von Hoi An aber sind die mehr als 200 Tailor Shops - ihre Zahl wächst stetig. Die Stadt ist das Nähstübchen des Landes. Ganze Straßenzüge lang lockt ein Geschäft neben dem anderen; T-Shirts für 2, Kleider für 10, ein Smoking für 25 Dollar. Vor vielen Shops posieren Schneiderpuppen mit Werbeangeboten; drinnen schnurren Nähmaschinen, stapeln sich Stoffballen bis unter die Decke und auf den Tischen die Kataloge weltbekannter Modehäuser - Cerrutti, Boss, Armani. Lächelnde junge Frauen komplimentieren die ausländischen Touristen ins Innere.

Kim Dung ist 29 und Kundenbetreuerin bei Thu Thuy, dem größten Fashion-Geschäft der Stadt mit der reichsten Stoffauswahl. Von der Straßenfront aus betrachtet, vermutet man eines der schmalen Altstadthäuser, dahinter aber verbirgt sich eine kleine Modefabrik, die sich über den Hof und zwei Nebengebäude erstreckt. Das Personal spricht tadelloses Englisch, die Rechnung kann man mit Kreditkarte begleichen. Kim Dung serviert grünen Tee und beginnt, ihre Stoffkollektionen vorzuführen. Schottischen Tweed, französisches Kammgarn, englischen Cord, italienischen Cashmere. Man denkt an die Umkleidekabine in der Mönckebergstraße, räkelt sich entspannt im Rattansessel und entscheidet. Schwarzen Cord für den Winter, leichtes Kammgarn in Beige für den Sommer. Der eine Anzug zu 120, der andere zu 150 Dollar. Abenteuer können sehr entspannend sein. Beim Maßnehmen denkt man, vielleicht sollte man sich auch noch Hemden machen lassen, 28 Dollar das Stück.

Am folgenden Morgen die erste Anprobe. Oh, oh. Der Hosenboden beutelt sich wie eine Hängematte. Und die Schulterpartie der Jacke kneift. Doch Kim Dung bleibt unerschütterlich. Sie macht einen Motorroller klar und nötigt mich auf den Hintersitz. Dann brausen wir durch die Altstadt zu einem Schneider - mehr als 200 hat ihr Modehaus unter Vertrag. Begutachtung, erneutes Maßnehmen, Slalom-Rückfahrt durch das Gewirr von Fußgängern, Marktkarren und Pulks von Radfahrern. Abends die zweite Anprobe. Langsam wird's. Kim Dung teilt mit, dass alle Kundenmaße aufbewahrt werden und Neubestellungen auch per E-Mail möglich seien.

Bei der letzten Anprobe wartet draußen schon das Auto, das uns wieder zum Flughafen bringt. Ein Fehler. Mehr Zeit für die Endabnahme wäre gut gewesen. Bei einer Hose sind zwei Knopflöcher zu groß, sodass die Knöpfe durchrutschen, und bei einer Jackentasche ist die Naht offen. Aber das ist mir bei meinem letzten Designer-Wintermantel auch passiert, und der war schweineteuer und aus der Mönckebergstraße.

Dahin gehe ich nun doch noch, aber nur zum Gucken. Der leichte Flanellanzug (herabgesetzt!) hängt für 780 Euro am Ständer. Teurer als drei Anzüge dieser Kategorie war der ganze Ausflug nach Vietnam nicht - drei Maßanzüge und zwei Maßhemden eingeschlossen. Dafür war er ein unvergessliches Abenteuer. Und Abenteuer können so nützlich sein: Ich habe endlich wieder etwas anzuziehen!

Von Peter Sandmeyer / print