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Maries Modelcheck: Perfide Sexfalle - der erschütternde Bericht eines jungen Models

Ich bin schockiert. Eine Woche nach meiner Kolumne zum Fall Harvey Weinstein erreichte mich ein Brief eines jungen Models. Darin berichtet sie mir von einer perfiden Falle einer angeblichen Modelagentur.

Maries Modelcheck

Nachdem ich in der vergangenen Woche über meine Gedanken zu Harvey Weinstein, den Parallelen zur Modelbranche und den Schlüssen, die wir alle ziehen sollten, schrieb, gab es viele Reaktionen. Ich bekam sogar einige Nachrichten von , die ähnliches erlebt hatten. Besonders erschüttert hat mich der Bericht von einem heute 22-jährigen Mädchen, das vor 5 Jahren, also noch bevor sie volljährig war, Opfer einer offensichtlich von langer Hand geplanten Sexfalle wurde.

Kaya, die im wirklichen Leben natürlich nicht Kaya heißt, wird auf von Mia, einem weiblichen Model-Scout, angefragt. Die Model-Agentur, für die Mia angeblich scoutet, hat eine äußerst professionelle Webseite mit vielen großen Referenzen und unzähligen Models. Es folgen mehrere Telefonate mit einem Booker und letztendlich auch dem Chef der Agentur. Bald geht es um einen ersten Job, gleich einen großen. Eine Woche für ein australisches Bademoden-Unternehmen. Den neuen Katalog shooten.

Kaya trifft den Chef der Agentur in einem Café

Alles klingt seriös. Sie trifft den Chef der Agentur in einem Café in ihrer Heimatstadt. In seinem Zimmer in einem sehr, sehr guten Hotel macht er anschließend einige Aufnahmen von ihr. Viele davon in Unterwäsche. Sie kennt diese Polaroid-Bilder von Models. Kunden müssen die Proportionen der Mädchen sehen können, vor allem wenn es um Bikinis geht. Der Agenturchef ist außerordentlich höflich und zuvorkommend. Er fragt mehrfach, ob sie eine Freundin hinzuziehen wolle. Um sich sicherer zu fühlen. Das klingt seriös und professionell. Er macht die Bilder, bringt sie dann zurück zum Café, wo ihr Fahrrad steht. Zu Hause legt sie sich in ihr Kinderzimmer, blättert in der "Elle" und fühlt sich in einer Mischung aus Vorfreude, Abenteuer und Stolz sehr euphorisch.

Sie dachte, das große Los gezogen zu haben

Vier Tage später bekommt sie die SMS mit der Zusage. Dass sie die Flüge selber organisieren und die Kosten auslegen soll, irritiert sie nur kurz. Sie bekommt ein offizielles Kostenerstattungs-Dokument und die Agentur erklärt, dass alle ihre Auslagen direkt nach dem Job über dieses Formular erstattet würden. Am Morgen des Abflugs steht sie am Check-In Schalter, als ihr Booker anruft. Der Fahrer, der sie am Flughafen in Palma de Mallorca abholen solle, sei krank. Leider müsse sie sich ein nehmen. Auch sollte sie bitte direkt zur Shooting-Location fahren. Das Wetter wäre schlechter als erwartet und man müsse umgehend anfangen. Das Licht, du verstehst. Ja klar, sagt sie. Es gefällt ihr fast ein bisschen, dass alles so hektisch ist. Das echte Modelleben eben. Auf Mallorca angekommen, schleppt sie ihren Koffer zu einem Taxi und fährt den langen Weg zu einem kleinen Yachthafen.

Auf der Yacht erwarten sie ein Fotograf, der gebrochen englisch spricht, sein Assistent, ein jüngerer Deutscher, der nur Badeshorts trägt, sowie der Chef der Modelagentur. Und vier Kameras. Zwei davon Videokameras. Eine Visagistin oder irgendjemand, der sich um ihre Haare oder ihr Make-up kümmern könnte, fehlt. Nach etwa 20 verschiedenen Bikinis schlägt der Chef vor, ein wenig schwimmen zu gehen, Pause zu machen. Kaya ist froh, dass sie die ständige Spannung des Posierens aus ihrem Körper bekommt und springt ausgelassen von der Yacht ins Meer. Immer wieder. Plötzlich ist auch der Chef in Badehose. Es ist lustig, fast ein bisschen wie Ferien.

Der Bikini, den sie gerade trägt, ist rot. Wie aus dem Nichts gibt es auf einmal kaltes Bier und Champagner. Dieses Etikett mit weißer Schrift ist das letzte an diesem Tag, an das sie sich erinnert. Als sie den ersten Schluck nimmt, muss es so 16 Uhr gewesen sein. Kaya weiß noch genau, dass sie eigentlich keinen Champagner wollte.

Der Morgen des Grauens

Gegen 11 Uhr am nächsten Tag wird sie geweckt. Sie trägt immer noch den roten Bikini. Dieser Bikini wird später ihr Anker sein. Das Indiz, das sie glauben lässt, dass vielleicht gar nichts passiert ist. Nichts Schlimmes jedenfalls. Ein Mitarbeiter einer Firma, die Yachten im Hafen von Palma vermietet, findet Kaya behutsam zugedeckt in der Kabine auf dem Bett. Ihr Koffer ist unberührt, alle ihre Sachen sind da. Sein Chef kommt hinzu. Er erzählt, dass sie nach einer Buchung öfter Leute von ihren Schiffen werfen müssen. Wilde Yacht-Partys am Abend, ein paar Alkoholleichen am Morgen. Nur dass die Yacht am Vortag offiziell gar nicht vermietet war. Der Chef will die Polizei rufen. Kaya will nur weg. Sie will keine Anzeige erstatten. Sie zieht sich an, nimmt ein Taxi ins Hotel. Dort kennt man weder ihren Namen, noch den der Agentur. Kaya hat keine Kreditkarte. Sie muss 200 Euro Kaution für ein Zimmer in bar hinterlegen. Das alles ist für sie völlig surreal.

Auf ihrem Zimmer duscht sie nicht sofort. Sie sitzt vor dem Bett und heult. Sie schluchzt. Sie ist so verzweifelt, dass sie kaum atmen kann. Es ist fast dunkel, als sie sich langsam wieder fängt. Sie fühlt sich nicht, als hätte jemand Sex mit ihr gehabt. Nicht so, als wäre jemand in sie eingedrungen. Ihr Kopf explodiert. Ihr ist schlecht. Sie untersucht wie paralysiert ihren Körper. Es ist nichts zu finden. Ihr Rückflug geht erst in fünf Tagen. Sie schläft in dieser Nacht kaum.

Der Facebook-Account von Mia ist da bereits gelöscht. Die Webseite der Agentur wird es noch einige Wochen geben. Kayas Recherchen ergeben, dass es den Mann, auf den die Seite registriert war, nicht gibt. Die Nummern der Agentur, die auf der Webseite publiziert wurden, auch nicht. Die zwei Handynummern, die sie hat, sind ebenfalls inaktiv. Die australische Bademodenfirma hat noch nie von der Agentur gehört oder ein Shooting auf in Auftrag gegeben.

Kaya zwischen Scham und Angst

Am nächsten Morgen hebt sie Geld ab, zahlt das Hotel und bucht einen Flug. Noch heute weiß sie nicht, wie sie das alles geschafft hat. Um niemandem etwas erklären zu müssen, sagt sie ihren Eltern und ihren Freundinnen, dass der Kunde sie doch nicht so lange brauchte. So ist das eben im Modelgeschäft. Unzählige Male in den Tagen darauf und hin und wieder bis heute googelt sie alle Namen, die ihr genannt wurden, Namen der Agentur, Telefonnummern. Sie findet nichts. Sie weiß nicht, was sie machen würde, wenn sie etwas fände.

Sucht sie Mädchen, die auf die selbe Masche reingefallen sind, um sich nicht so alleine zu fühlen und so verloren und mit jemandem reden zu können? Oder sucht sie wirklich die Menschen, denen sie ausgeliefert war? Es ist ihr selbst nicht klar. Bis heute kennt niemand ihre Geschichte. Es vergeht immer noch kein Tag, an dem sie nicht daran denkt. Sich Vorwürfe macht. Ihre größte Angst ist, dass sie irgendwann einen Link zugesendet bekommt. Von einem dieser einschlägigen Online-Seiten mit schmuddeligen Sexfilmchen. Und dass sie die Hauptdarstellerin ist. 

Bitte passt auf Euch auf 

Viele tausend Mädchen wachen jeden Morgen mit dem Traum auf, Model zu werden. Es ist kein einfacher Beruf, nur die wenigsten schaffen es. Vor allem aber muss man immer wachsam sein. Modelagenturen rekrutieren seriös. Sie laden dich in ihre Agentur ein, wo viele Menschen arbeiten. Man kann Kontakt zu Models bekommen, die schon bei der Agentur unter Vertrag stehen, um mit ihnen darüber zu sprechen, was die Agentur für Vorzüge hat. Bei Minderjährigen lädt man auch die Eltern ein und diskutiert mit ihnen die Möglichkeiten, aber auch die Risiken. Ein Traum ist aber eben oft so groß, dass man geblendet ist von seiner Strahlkraft. Und das machen sich Menschen zu nutze. Menschen, die keinen Respekt verdienen. Menschen wie Harvey Weinstein, Terry Richardson oder die Menschen, die Kaya eine Modelkarriere vorgegaukelt haben. Also passt bitte auf Euch auf.

Bis dahin: Alles Liebe, Eure Marie


Von Marie von den Benken

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