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Michelle Obama: Yes, we can be chic

Mit einem einfachen zitronengelben Kleid entzückt Michelle Obama die ganze Modewelt. Vielleicht ja auch deshalb, weil wir aus dem Weißen Haus anderes gewöhnt waren.

Von Jens Maier

Ihr Outfit war perfekt: Schick aber nicht überkandidelt; ihre Figur betonend, aber nicht zu sexy; modern aber nicht jedem Trend folgend und dem kalten Wetter trotzend, aber nicht zu winterlich. Amerikas neue First Lady Michelle Obama trug zur Amtseinführung vor dem Capitol ein zitronengras-gelbes Etuikleid und verzückt damit die Modewelt. Das liegt zum einen an der unkonventionellen Wahl ihrer Designer, vor allem aber am matronenhaften Stil ihrer Vorgängerinnen.

Bis Michelle Obama am Dienstag Blair House in Richtung Capitol verließ, wusste nicht einmal Designerin Isabel Toledo, dass die Präsidentengattin eines ihrer Kleider für die Amtseinführung gewählt hatte. Die Kleider-Frage beschäftigte seit Wochen Modeblogs und Klatschspalten und wurde gehütet wie eine Art Staatsgeheimnis. "Wir wussten es vorher nicht", bestätigte die in Kuba geborene und in New York lebende Designerin der "New York Times". Genau das ist Teil von Obamas Erfolg in Sachen Mode.

Michelle Obama überrascht mit ihren Outfits

Die 45-Jährige punktet, weil sie die Öffentlichkeit immer wieder überrascht. Als sie im vergangenen Jahr in der Talkshow von Jay Leno in einer dreiteiligen Kombination der amerikanischen Kaufhauskette "J. Crew" auftrat, wurde sie als erste First Lady gefeiert, die Stangenware trägt. Plötzlich konnte sich jede amerikanische Hausfrau das gleiche Outfit wie die Präsidentengattin leisten.

Zum Überraschungseffekt gehört auch, dass Michelle Obama unbekannten amerikanischen Designern den Vorzug gibt. Sie widerstand bisher allen Angeboten von Designhäusern aus Paris, Mailand oder New York, sie einzukleiden, verzichtete auf teure Stardesigner und wählte stattdessen ihre Kleider selbst aus. Zu ihren Lieblingsschneidern gehören Narciso Rodriguez, Zero Maria Cornejo, Maria Pinto und eben Isabel Toledo. Alles Namen, die eine modebewusste Amerikanerin noch nie gehört hatte - bis zu dem Tag, als Mrs. Obama ihr Kleid trug.

Der Vergleich mit Jackie Kennedy hinkt

Die "New York Times" und das "Wall Street Journal" sehen in Michelle Obama sogar die legitime Nachfolgerin von Stilikone Jacqueline Kennedy. Selbst ihr Ehemann tut das. "Ich bin der Mann, der Michelle Obama auf den Ball begleitet", sagte Barack Obama am Dienstagabend in Anspielung auf ein Zitat von John F. Kennedy. Der hatte, weil Jackie fast alle Aufmerksamkeit auf sich gezogen hatte, bei einem Staatsbesuch 1963 in Frankreich gesagt: "Ich bin der Mann, der Jacqueline Kennedy nach Paris begleitet." Dabei ist der Vergleich nach Meinung von Modeexperten zu hoch gegriffen.

"Frau Obama wählt den typischen Stil von amerikanischen Karrierefrauen", meint Marcus Luft, Modechef der Zeitschrift "Gala". "Ein bisschen sexy, ein wenig Farbe - aber dann doch sehr klassisch und konservativ." Ein modisches Zeichen setze die neue First Lady damit aber nicht. "An Jackie Kennedy kommt sie nicht heran, da diese damals gemeinsam mit einem Couturier ihren Stil quasi selbst erfand", sagt Luft.

Das Gruselkabinett der First Ladies

Warum wird Michelle Obamas Stil in Amerika trotzdem als revolutionär gefeiert? Vor allem wegen der First Ladies der vergangenen 25 Jahre, die in der Öffentlichkeit eher als Mode-Gruselkabinett denn als Trendsetter wahrgenommen wurden: Laura Bush, die Verkleidete. Sie zwängte sich in Designer-Kostüme. Hillary Clinton, die Uninspirierte. Sie unterstrich ihr Selbstbewusstsein mit ihren berüchtigten Hosenanzügen, was bald die Frage aufwarf, wer die Hosen im Weißen Haus an hat. Barbara Bush, das Hausmütterchen. Mit pastellfarbenen Kostümen machte sie höchstens der englischen Queen Konkurrenz. Und schließlich Nancy Reagan, die Abgehobene. Stets nur auf Noblesse bedacht, machte sie in den 80er Jahren ohne Designerkleid keinen Schritt vor die Tür.

Im Vergleich zu Michelle Obama wirken ihre Vorgängerinnen wie Relikte aus einer Zeit der konventionellen Kleiderordnung und des traditionellen Glamours. Aus der Deckung ihrer Einheitsgarderobe haben sie sich selten getraut. Die Farben ihrer Kleider variierten, ihr Look nie. Vereinfacht gesagt: Weil Laura Bush und Co. aussahen wie die böse Schwiegermutter, hat Michelle Obama es jetzt sehr viel einfacher zu glänzen.