Möbel Was ist dran an der deutschen Eiche?


Ein alter Bekannter kehrt zurück: Viele Möbelmacher haben für ihre modernen Entwürfe das Eichenholz wiederentdeckt - und es mutig von seinem hausbackenen Image befreit.

Schon die Römer wussten, wie sie sich Germanien vorzustellen haben: Das Land sei bis zur Küste mit Eichenwäldern bedeckt, schrieb Plinius. Später musste Bonifatius, als er die Germanen im Jahr 723 zum christlichen Glauben bekehrte, erst eine Eiche fällen, um sie von der Macht des neuen Gottes zu überzeugen. Die Weltanschauungen wechselten, die Eichen blieben: Noch 1936 bekamen die Sieger der Olympischen Spiele jeweils ein Bäumchen im Blumentopf geschenkt. Was daraus geworden ist? Zum Großteil noch erhalten jedenfalls sind die 7000 Eichen, die Joseph Beuys 1982 zur Documenta in Kassel pflanzen ließ - und auch in deutschen Wohnzimmern dominierte dieses Massivholz. So lange, bis sie keiner mehr sehen wollte. Denn wer im Möbelhaus "Eiche" sagte, dachte "rustikal" gleich mit. Die Schrankwand aus Eiche brachte eine ganze Holzart in Verruf - nun war das Nationalsymbol nicht mehr der stolze, jahrhundertealte Eichenbaum, sondern P 43, das Kürzel für den Farbton dunkle Eiche, der Inbegriff spießigen Wohnens.

Vorbei! "Die Eiche hat eine massive Renaissance erfahren", sagt jetzt Peter Joebsch vom Möbelhersteller Zeitraum. Schon der auf liebenswert bemühte Art modernistische Name seiner Firma zeigt: Gemütlichkeit ist hier nicht das Programm. Zwar hat das Unternehmen seinen Sitz im bayerischen Wolfratshausen, doch sein Eichenbett "In Heaven 2" lässt eher an Zen-Meister denken als an eine Zirbelstube. So erschließt Zeitraum dem Eichenholz ganz neue Kunden: "Unser Zielpublikum sind gebildete Leute zwischen 30 und 40. Nie im Leben wollten die sich Eichenmöbel kaufen. Das hatten doch ihre Eltern."

Dementsprechend war die erste Reaktion, als Bernhard Müller mit seiner Firma More vor wenigen Jahren den Eichenholztisch "Stato" vorstellte, noch energische Ablehnung: "Die Leute fanden das grauenhaft." Doch der Hamburger hatte sich am Buchenholz, das in den Neunzigern noch den Möbelbau dominierte, satt gesehen. Er suchte eine Alternative und entschied sich für die Eiche - auch, weil sie weniger kostet als Nussbaum und Kirsche: "Sie ist nach der Buche das günstigste Holz." Und sehr langlebig: Eiche wurde für Fachwerk und zum Schiffbau verwendet, man baut Särge daraus.

Erst geradlinig und klar gestaltete Tische wie "Stato" brachten die Deutschen wieder darauf, dass Massivholzmöbel nicht zwangsläufig aus skandinavischen Nadelbäumen gefertigt werden müssen - und dass die Gepflogenheit, Massivholz mit Massivholz zu kombinieren, einen Irrweg darstellte: "Die Leute wollen nicht mehr die Gesamtlösung aus Eiche. Sie picken sich was raus und kombinieren das mit ganz anderen Möbeln aus Kunststoff oder Metall", so Peter Joebsch von Zeitraum.

Das Angebot an Eichenmöbeln wird dabei immer breiter. Man findet Stühle, Regale, Hocker, Kommoden, Schreibtische, aber auch mit Eichenholz verkleidete Badezimmerspiegel.

Besonders bekannt geworden für ihre Eichenmöbel sind die Macher von E15 aus Oberursel bei Frankfurt. Philipp Mainzer, einer der Firmengründer, schwärmt von der "Tiefe" des Holzes und will doch "weg von der Massivität, hin zu mehr Leichtigkeit". Der Tisch "Fabian" zum Beispiel hat schon wieder Edelstahlbeine. Charakteristisch für E15 ist, dass man die Besonderheiten des Holzes sieht: dass Aststellen nicht weggesägt, dass Risse mit Kunststoff ausgegossen und so betont werden. Ein wenig erinnern die Möbel an eine Jausenstation.

Langlebigkeit ist ein Merkmal, auf das alle Designer Wert legen. "Die Menschen essen seit Jahrtausenden an Massivholztischen", sagt Philipp Mainzer. Bernhard Müller von More glaubt, dass das Eichen-Comeback auch der gesellschaftlichen Veränderung zu verdanken ist: Heute seien Kochen und Essen Ereignisse, die mit Freunden geradezu zelebriert werden - und da gehöre ein Massivholztisch einfach dazu.

Konservativ kann man das wohl nicht nennen.

Sebastian Hammelehle print

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