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New Yorker Fashion Week: Unter Schaulustigen

Normalerweise berichten Insider für den stern von der New Yorker Fashion Week. Diesmal begab sich Mode-Novizin Else Buschheuer in die Arena

Mode ist eine bewusst ausgelöste Epidemie. Sagt George Bernard Shaw. Und da steht auch schon eine Patientin. Carmen Electra, prominente US-Fernsehmoderatorin. Auf der Modenschau der New Yorker Designerin Diane von Fürstenberg. Frau Electra streckt ihre Brüste raus und lächelt. Sie hat sich mit Mode infiziert. Symptom: Sie redet Mist. "Ich find die Kollektion irgendwie so gipsy-bohemian." Die Moderatorin mit Mariel-Hemingway-Gesicht nickt und sucht nach weiteren Promis. Dann singt Boney M "Ra-Ra-Rasputin". Es treten auf: Giraffen, Grashüpfer, Äffchen auf Stelzen.

Ich mach nur Spass!

Natürlich nicht. Es sind Menschen, die da ihre Becken wie Schubkarren über den Steg schieben. Der Vorgang hat etwas Meditatives. Ich lasse die Kleiderzipfel vorbeiwippen. Ich höre das Rascheln der Stoffe, das Klicken der Kameras, das Hämmern der Musikbässe. Ein Zirkus, eine Stierkampfarena, ein Nebenschauplatz, der ablenken soll vom Großen, vom Eigentlichen. Und - pling - hab ich das Große, das Eigentliche vergessen.

Jetzt wird "Kalinka" gespielt. Auftritt Frau von Fürstenberg. Sie schüttelt einem Mann in der ersten Reihe die Hand. Vielleicht ist es ihr Ehemann. Vielleicht ist es ihr Gynäkologe. Vielleicht ist es Armani. Ich weiß nicht. Ich würde Armani nicht mal erkennen, wenn er mir auf den Fuß tritt. Joop hingegen schon. Den kenne ich aus der Berliner Paris Bar.

Die Schachteln

mit Sonnenbrillen in der ersten Reihe. Schlimme Lifting-Unfälle darunter. Viele scheinen die gleiche Perücke zu tragen. Wird sie beim Lifting fest installiert? Hängt das ganze Gesicht dran, und man nimmt es abends zum Schlafen ab? Der Traum von Jugend - ausgeträumt. Es bleiben: Botox, Bussi Bussi und Champagner.

Der nächste Morgen. Ins Zelt am Bryant Park. Die ehrwürdige US-Designerin Carolina Herrera zeigt ihre Kollektion. Leider habe ich nicht früh genug "ge-ar-ess-wie-piet", wie es hier heißt. R. s. v. p. - répondez s'il vous plait - bitte antworten. Nun habe ich keinen Sitzplatz. Wer einen hat, stiefelt vorbei in den Saal. Oder wer den Einlasser kennt. Hi, Dave! How are the kids? Küsschen. Armrubbel. Schwups, durch. Ich unterscheide Hübsche (die berühmt werden wollen), Berühmte (die früher mal hübsch waren) und Mächtige/Reiche (bei denen sich die Frage nach Hübschizität und Ruhm erübrigt). Alle Frauen mit Sonnenbrille werden durchgelassen.

Eine halbe Stunde später werden wir Stehplätzler reingelassen. Wir sollen nicht in den Gängen stehen. Wir sollen nicht auf den Stufen stehen. "Just go go go!" Renée Zellweger, die Bridget-Jones-Darstellerin, sitzt in der ersten Reihe. "Ich liebe Carolina Herrera einfach", sagt sie. Stars kumpeln gern mit Modedesignern rum. Dann kriegen sie Klamotten umsonst, im Austausch gegen Publicity.

Rhythmischer Girlie-Pop erklingt. Antiseptische Mädchen treten auf. In Pelz-überwürfen. Mit toupierten Hinterköpfen. Mit Spargelwaden. Herrera, Freundin und Ankleiderin der First Lady Laura Bush, winkt scheu von hinten. Dann hastiger Aufbruch. Just go go go!

Ralph Lauren in Chelsea. Die Show sei inspiriert von seiner Oldtimer-Sammlung, verrät Lauren, ein kleiner Mann mit großem, weiß behaartem Kopf und knuffigem Gesicht, in der Pressemappe. Er scheint das wörtlich zu meinen. Die Models laufen mit Fliegermützen und Rennfahrerbrillen rum.

So zieht die Fashion Week

vorbei. Wolfgang Joop zeigt seine "Wunderkind"-Kollektion. Er sagt, ich solle abends doch zu seinem Dinner kommen, in SoHo, ganz in Familie. Und so wird aus der kritischen Journalistin eine backstage "Wolfgang" kreischende Blondine, wie Jenny Elvers-Elbertzhagen oder Jessica Stockmann. Die Calvin-Klein-Show im Meatpacking District weist mich wieder auf meinen Stehplatz. Doch am schlimmsten sind die Models. Brustlos, knochiger Rücken, daumendünne Oberarme. Zwanzigmal dieselbe magersüchtige Minderjährige, mit slawischem Gesicht, freigezerrter Stirn und dünnem, glatt gegeltem Pferdeschwanz. Erst hoffe ich, Calvin Klein muss sparen, und es ist nur ein einziges Mädchen, das sich immer ganz schnell umzieht. Umso gruseliger, als die Klone am Ende gemeinsam auftreten. Shaw hat Recht, Mode ist eine Epidemie - aber ich bin resistent.

Else Buschheuer / print